Sprachenunterricht

Heilige Dreisprachigkeit

d'Lëtzebuerger Land vom 16.07.2009

Die Druckerschwärze der Zeitungen war noch nicht trocken, da fegte schon ein Sturm der Entrüstung übers Land. „Non à l’abandon du trilinguisme au Luxembourg“, titelte die Lehrergewerkschaft Feduse aufgeregt, als sie von den Plänen der schwarz-roten Koalitionäre erfuhr, die Anforderungen im Sprachenunterricht zu überdenken. Und sie warnte: „Abandonner  le principe du trilinguisme entraînerait des conséquences désastreuses“, ohne aber zu verraten, für wen genau denn da der Untergang des Abendlandes bevorstehe. Ob Entscheidungen „d’une telle portée nationale“ überhaupt auf der Ebene der Koalitionsverhandlungen getroffen werden dürften, bezweifelte die Feduse und verlangte, die Regierung müsse zuvor insbesondere die Lehrer konsultieren. Die Vereinigung der Französisch-Sekundarschullehrer schlug wenig später in dieselbe Kerbe.

Beobachter fragen sich nun verwundert, wo die Lehrer all die vergangenen Monate und Jahre waren. Denn die Reform des Sprachenunterrichts stand während der gesamten vergangenen Legislaturperiode auf der Prioritätenliste der alten, und wohl auch neuen, Unterrichtsministerin ganz oben – bevor sie von der Grundschulreform abgelöst wurde. Im Kontext des Sprachenaktionsplans hatte Mady Delvaux-Stehres (LSAP) ein ums andere Mal betont, für immer mehr Schüler seien die Anforderungen im Luxemburger Sprachenunterricht schlicht zu hoch. Das war auch eine der Schlussfolgerungen der Straßburger Experten in ihrem Bericht zur Sprachensituation, für die sie 2005 Lehrer, Schulleitungen, Programmkommissionen und Gewerkschaften befragt hatten. Die Empfehlung, künftige Schülergenerationen zwischen einer Erst- und einer Zweitsprache wählen zu lassen, stammt nicht zuletzt von ihnen. 

Mittlerweile hat diese Erkenntnis Eingang in den bildungspolitischen Konsens gefunden. Die DP fordert gar eine wahlweise Alphabetisierung auf Französisch oder Deutsch. Die CSV, die sich in ihrem Wahlprogramm zur „Vielsprachigkeit als Standortvorteil Luxemburgs“ bekennen, wollen „nuancierte Sprachanforderungen unter Beachtung der unterschiedlichen Ausbildungsanforderungen“, um dem schulischen Misserfolg entgegenzuwirken. Die Sozialisten, die eine „Mehrsprachigkeit auf einem sehr hohen Niveau“ anstreben, „ohne dass eine Sprache dabei zum unüberwindbaren Hindernis auf dem Weg zum Schulabschluss wird“, waren etwas konkreter und kündigten an, „Schüler sollen grundsätzlich die Wahl einer Erst- und Zweitsprache haben, wobei die zu erreichenden Mindeststandards von der gewählten Fachrichtung abhängen“. Demnach sind die Regierungspläne ein erstes Signal an die Wähler, dass die neue-alte Regierung, ihr Wahlversprechen umzusetzen gedenkt. Beide Parteien wurden immerhin mit knapp 60 Prozent der Wählerstimmen gewählt.

Dass weitere Änderungen im Sprachenunterricht notwendig sind, streitet auch Alain Wagner, ehemaliger Präsident der Lehrergewerkschaft Apess, nicht ab. In seinem Leserbrief Mythe du perfectionnisme linguistique hat der Französischlehrer zwar in erster Linie die vielen Schlupflöcher im Visier, die Schülern heute erlauben, sich den Sprachanforderungen teilweise zu entziehen. Abituranwärter dürfen im letzten Schuljahr vor dem Examen eine Sprache abgeben, sofern sie nicht eine Sprachendivison besuchen. Die Kompensationsregelung erlaubt einem Schüler des klassischen Lyzeums bis zur vierten Klasse, eine ungenügende Note in einer Sprache mit einer guten in einem anderen Fach auszugleichen. Im Technique können ab der 10e sogar zwei Sprachen kompensiert werden. Insofern ist die angekündigte Gewichtung der Sprachen als ein politisches Eingeständnis zu lesen: Mit der Einführung von Kompetenzen ist Sitzenbleiben im untersten Zyklus nur noch im Ausnahmefall vorgesehen, aber auch das hilft nicht gegen die massenweise Überforderung und Demotivation. Ein Großteil der Schüler schafft das Abi-tur nicht mehr. Die hohen Durchfallquoten nach der Zehnten sprechen Bände. Gleichzeitig sind auf dem Arbeitsmarkt mehr denn je hoch qualifizierte Fachkräfte gefragt, die immer öfter aus der Grenzregion kommen. Oft genug mit nur einer Sprache im Gepäck.

All das ist längst bekannt. Mit dem kompetenzorientierten Unterricht und dem Sprachenaktionsplan hat die Politik reagiert, die nun die mündlichen und kommunikativen Leistungen stärker honorieren will. Für Primo-arrivants, von denen sich nicht wenige mit vier, gar fünf Sprachen mühen müssen, führt der Weg zu einem Schulabschluss oft nur über Spezialangebote wie Allet-Klassen (Deutsch als Fremdsprache) oder Bac international. Wenn überhaupt. Es war die Ausländerorganisation Asti, die die Diskriminierung kritisier­te, lange bevor ungleiche Bildungsabschlüsse von Luxemburgern und Nicht-Luxemburgern, Arbeiter- und Akademikerkinder durch Pisa ruchbar wurden. Dass alle Luxemburger alle drei Sprachen – Luxemburgisch, Deutsch und Französisch – gleichermaßen perfekt beherrschen, sei ein Mythos, schrieb Asti-Präsident Serge Kollwelter bereits 2004.

Ein Mythos, der sich allerdings dank einer einflussreichen Minorität hält, die tatsächlich mehr oder weniger perfekt mehrsprachig ist und sich nun gegen den Abbau ihrer privilegierten Stellung wehrt. Dazu zählen jene, die die Schule trotz aller Widrigkeiten gemeistert haben – Kinder aus besser gestelltem Hause und nicht selten: Lehrer, die sich um ihren Arbeitsplatz und die Zukunft ihrer Kinder sorgen. Und die Zukunft der anderen?

Ines Kurschat
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