Kunstmarkt

Meilenweit vom PPP

d'Lëtzebuerger Land vom 24.03.2011

Kultur wird in den letzten Jahren groß geschrieben in Luxemburg. Eine kulturelle Einrichtung nach der anderen schießt aus dem Boden, wird renoviert oder neu erfunden. Es wird sensibilisiert, animiert und diskutiert. Nie schien das Interesse an Kunst größer zu sein als jetzt. Doch gilt das auch für den Kunstmarkt? Wie ergeht es den Kunstgalerien im „Getümmel der Giganten“?

Tatsächlich hat man den Eindruck, dass die staatlichen Institutionen, den privaten Kunstmarkt überrennen. Die luxemburgische Kulturlandschaft hat sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren bedeutend verändert, nicht nur architektonisch, sondern auch inhaltlich. Eine ganze Palette an pädagogischen Maßnahmen wie Kolloquien, Diskussionsrunden, Ausstellungsführungen oder Kunstgeschichtskurse werden angeboten und führen im Sinne von Sensibilisierungsmaßnahmen langsam, aber beständig zu Verständnis, Aufklärung und im optimalen Fall zur Wertschätzung der Kunst. Der Besucher verliert langsam die Scheu vor dem großen Unbekannten. Die staatlichen Einrichtungen dominieren deutlich, was das kulturelle Geschehen anbelangt, und drängen die Galerien und den privaten Kunstmarkt in die Ecke. Fast hat man das Gefühl, dass der Kunstmarkt sich nicht mehr über oder in den Galerien abspielt, sondern die Museen die Herrscher über den Markt sind. Dabei waren es die Galerien, die, sozusagen als Pioniere, das Kunstgeschehen in Luxemburg über Jahrzehnte hinweg prägten.

Anfang der Neunzigerjahre begannen die ersten Kunstgalerien sich in der Hauptstadt anzusiedeln. Das Programm, was die bildende Kunst betrifft, war klar vom einzigen Museum, dem Musée national d’histoire et d’art, festgelegt und orientierte sich stark an der Ästhetik der École de Paris. Das Verständnis für Kunst limitierte sich auf einen sehr engen Kreis von Interessierten, die der französischen Kunstgeschichte fest verbunden waren. Einzelnen Galerien gelang die sanfte Öffnung in Richtung deutscher Expressionismus, andere begaben sich auf ein völlig anderes Terrain – Marita Ruiter beispielsweise begann, das Programm der Galerie Clairefontaine mit figurativer Kunst aus Wien – und mussten schmerzlich Kritik ertragen, denn das Interesse galt vorwiegend der abstrakten Kunst aus Frankreich.

Bis 1995 herrschte kulturelle Ebbe und künstlerische Eintönigkeit in Luxemburg, dann kam das Kulturjahr, das, so Lucien Schweitzer, „schlug ein wie eine Bombe“. Bis dahin war der Kunstkreis den meisten Leuten verschlossen geblieben und galt als snobistisch und elitär. Doch das Kulturjahr 1995 fegte wie ein Wirbelwind durch die Kulturszene und „gab einen bedeutenden Anpfiff“, so auch die Galeristin Erna Hecey. Nicht nur der lokale Markt entfaltete sich und hob den einen oder anderen Künstler hervor. Minimal Art und Konzeptualismus hielten Einzug im Nationalmuseum, was auch den Galerien ermöglichte, ihr Programm zu verändern und zu erweitern. Der Kunstkauf wird zum Trend, die Beschäftigung mit Kunst zur Allgemeinbildung:

„Das Kulturjahr 95 machte dem breiten Publikum richtig bewusst, dass es Kunst gibt, dass es sozusagen, ich benutze das Wort nur ungern, in ist, sich mit Kunst zu beschäftigen und dass das eine Art Bildung ist, die zur Allgemeinbildung dazugehört. Es wurden ein paar bedeutende Akzente gesetzt, die markiert haben und für eine gewisse Nachhaltigkeit gesorgt haben,“ erinnert sich Marita Ruiter.

So entstand ein Netzwerk an Institutionen, die das kulturelle Geschehen in Luxemburg überhaupt möglich machen und den Kontakt zum breiteren Publikum fördern. In diesem Fall muss man das Kulturjahr 1995 wirklich als einen Startschuss sehen, der eine Plattform für zeitgenössische Kunst entstehen ließ und so einen zeitgemäßen Umgang mit der Kunst überhaupt erst ermöglichte. Das Bewusstsein für Kunst wurde gestärkt und das Terrain für einen erfolgreichen Kunstmarkt geebnet.

„Das Interesse kam aus allen Gesellschaftsschichten. Es gab keine Hierarchie. Allerdings waren Sammlungen – Museum, Banken, Botschaften, Versicherungsgesellschaften – nun auch bereit, Luxemburg auf das internationale Parkett zu bringen,“ so Martine Schneider-Speller der Galerie Beaumontpublic + Königbloc. Es entstand eine unglaubliche Dynamik. Die gro­ßen Banken und Firmen begannen, in Zusammenarbeit mit den Galeristen, Sammlungen anzulegen (Spuerkeess, Banque de Luxembourg...). Wenn auch manchmal ohne erkennbares Konzept und roten Faden, so aber mit dem Wunsch, einen luxemburgischen Kunstmarkt zu fördern. „Der lokale Kunstmarkt hatte nur einen sehr geringen Impakt“, gibt Erna Hecey jedoch zu bedenken. Es waren die Verkäufe an die Banken und auf den Kunstmessen die es einer Galerie halfen zu überleben.“

Auch die Museen steuern durch einige Einkäufe zum Kunstmarkt bei. Doch der luxemburgische Privatkäufer bleibt skeptisch der Kunst, aber auch den Kunstagierenden gegen­über. Dies beweisen beispielsweise die Diskussionen um den Bau des Museums für moderne Kunst, Mudam. Das Vertrauen in den luxemburgischen Kunstmarkt fehlt. Die meisten Sammler kaufen im Ausland. Der Kunstmarkt spielte und spielt sich vorwiegend auf den Kunstmessen im Ausland ab. Dies ist jedoch eine internationale Entwicklung, die sich feststellen lässt, die sicherlich mit dem Prestigecharakter solcher Einkäufe zusammenhängt, denn die Kunstmetropolen bleiben nach wie vor Paris, New York, London...

Auch die luxemburgischen Künstler begannen sich im Zuge des ersten Kulturjahres zu etablieren und profitieren vom kulturellen Aufschwung. „1995 war, im Verhältnis zu 2007 eine kleine Wüste,“ so Marita Ruiter. Doch auch das Kulturjahr 2007 schaffte es nicht wirklich, Luxemburg aus dem Bild des „Provinzkunstmarkts“ zu lösen, das öffentliche Treiben hatte keinen gro­ßen Einfluss auf das Marktgeschehen. Das Bewusstsein für Kunst ist da, der Kunstmarkt hält sich, wenn auch die großen Sammler hier zulande rar gesät sind, der lokale Markt bleibt beständig. Kunst entwickelt sich weltweit als bedeutende Einnahmequelle. Der Kunstmarkt und der Hype um eine bestimmte Künstlerelite boomen. Kunst wurde längst zum Geschäft.

2008 trifft die globale Finanzkrise dann den Kunstmarkt hart. Die luxemburgischen Banken und Firmen ziehen sich als Sammler im eigentlichen Sinne zurück und fungieren nun als Sponsoren für die Museen. Auch der Staat ist gezwungen, Sparmaßnahmen zu tätigen und die Ausgaben zu verringern, was dazu führt, dass auch die Verkäufe an die Botschaften und Ministerien zurückgehen. Darüber hinaus investieren ausländische Firmen und Banken hauptsächlich in ihre eigenen Landsleute, so dass auch mit ihnen eine große potentielle Kundschaft wegfällt.

Die allgemeine Situation erweist sich bis heute als schwierig. Durch den finanziellen Engpass wird versucht zu sparen, wo man kann. Was dazu führt, dass viele der Käufer (Museen sowie Privatsammler) versuchen, die obligatorische Kommission an die Galerie zu umgehen, indem sie mit dem Künstler selbst die Verhandlungen für die Kaufabwicklungen führen. Das Vertrauen in den Kunstmarkt und in die Galerien ist sehr labil. Martine Schneider Speller erklärt: „Heute denken die Sammlungsträger nur an ihr Label, wenn sie eine Sammlung aufbauen, und natürlich an den günstigen Einkauf, wenn sie Ausstellungen organisieren. Sie beschäftigen sich jedoch nicht mit der Alltagsbetreuung der Künstler oder der Arbeit auf den Kunstmessen.“

Das Bedürfnis nach zeitlosen, sicheren Werten überwiegt, so dass es undurchdachte Investitionen, wie den spontanen Kunstkauf, nicht mehr gibt. Es sind nicht mehr Ankäufe aus Liebe zum Objekt oder aus Sympathie für den Künstler, sondern vorwiegend, und dies gilt für den öffentlichen genauso wie für den privaten Markt, Einkäufe nach Namen, die den Markt prägen. Doch, so Alex Reding der Galerie Nosbaum-Reding: „Den Käufer gibt es und das erstaunlich oft.“

Was den lokalen Markt betrifft, so lässt sich hier eine Beständigkeit feststellen. Eine ausgeprägte Loyalität und Unterstützung den lokalen Künstlern gegenüber ist deutlich erkennbar. Luxemburger kaufen Luxemburger. Alex Reding unterstreicht: „Die Luxemburger verkaufen sich sehr gut, wenn nicht sogar besser als die anderen Künstler.“

Dies liegt sicherlich einerseits am Preis, der für die lokalen Künstler tiefer liegt als für die Künstler, die im Ausland ausgestellt werden, andererseits gab es schon immer ein stark ausgeprägtes Bedürfnis, die lokale Szene zu unterstützen, zumindest, was den Privatkauf betrifft. Dagegen beschränkt sich die Unterstützung der lokalen Szene auf den Privatkauf, bei den öffentlichen Häusern dagegen überwiegt das Interesse an internatio­naler Kunst – was nicht negativ sein muss. Ein internationaler Austausch ist wichtig und absolut unumgänglich, er erlaubt es, das kulturelle Angebot zu erweitern, Neues zu entdecken und zusammen zu arbeiten. Jedoch wäre es wünschenswert, dass auch die staatlichen Einrichtungen die hiesige Kunstszene unterstützen würden. Einzelne Beispiele, wie Simone Decker oder Su-Mei Tse, beweisen, dass durch das richtige, gezielte Fördern und den Einstieg in das richtige Netzwerk, sogar der luxemburgische Künstler sich vom Stempel des Provinzkünstlers lösen und sich auf internationalem Parkett behaupten kann.

„Andere werden gefördert, aber unsere eigenen Leute treten wir mit den Füßen!“, wettert Alex Reding. Allgemein sind die Erwartungen für die Zukunft des luxemburgischen Kunstmarkts groß. Luxemburgs Kunsteinrichtungen haben sich in den letzten Jahren professionalisieren können. Durch Institutionen wie das Casino –Forum d’art contemporain oder das Mudam sind die Weichen für das na­tio­nale und internationale Agieren gesetzt worden. Doch was den Kunstmarkt betrifft, so scheint dieser dem Ganzen etwas hinterherzuhinken. Eine Zusammenarbeit der staatlichen Einrichtungen und der Kunstgalerien wäre nötig, so wie sie in Ansätzen nach dem Kulturjahr 1995 bestand. Wünschenswert wäre eine verstärkte Unterstützung der lokalen Galerien und Künstlern, denn sie sind es, die das kulturelle Erbe prägen. So wären beispielsweise Kollaborationen zwischen den Institutionen auf internationalem und nationalem Terrain lobenswert, die einerseits einen gesunden Konkurrenzkampf unterstützen würden und andererseits ein Netzwerk entstehen lassen könnten. Beispiele im Ausland (Wien, Zürich ...) haben es bewiesen, dass das Konzept der Zusammenarbeit der kulturellen Institutionen fruchtbar sein kann.

PPP: Private-public partnership.
Daniela Del Fabbro
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