Hochwasservorhersage

Besser messen, schneller warnen

d'Lëtzebuerger Land du 05.08.2016

Hätten die Bewohner der betroffenen Gemeinden am 22. Juli vor der Sturzflut gewarnt werden können? Die Frage kam auf, nachdem der Schweizer Meteorologe Jörg Kachelmann in einer E-Mail an das Luxemburger Wort behauptet hatte, ein Vorhersagesystem seiner Start-up-Firma hätte „genaue Prognosen treffen können“, wie das Wort am 26. Juli schrieb. Meteolux, der Wetterdienst der Flugnavigationsverwaltung am Flughafen Findel, hatte dem widersprochen: Ob es bei starkem Regen zu Überschwemmungen komme, sei nicht nur von den Regenfällen abhängig, sondern auch von den lokalen Gegebenheiten.

Dass das Regengeschehen sich besser beobachten lassen könnte, meint auch Laurent Pfister, Hydrologe am Luxembourg Institute of Science and Technology (List). „In Luxemburg besteht ein Netz aus Pluviografen, doch diese Regenmesser stehen nicht überall. Man greift auch auf Wetterradare in den Nachbarländern zurück, doch die schauen nach oben, tief hängende Wolken erfassen sie nicht immer und können ein Regengebiet buchstäblich übersehen.“

Für eine Regenmessung, die flächendeckender wäre und sogar in Echtzeit erfolgte, hatte ein Forscherteam um Laurent Pfister vor acht Jahren eine Methode zu entwickeln und zu testen begonnen, die Mobilfunk-Richtfunkstrecken nutzt (d’Land, 21.10.2010). Fällt Regen, Schnee oder Hagel, wird das Signal zwischen zwei Antennen schwächer. Das lässt sich auswerten, und es habe sich seither nicht nur als praktikabel erwiesen, sagt Laurent Pfister: „In den Niederlanden wird das Verfahren eingesetzt. Man kann damit innerhalb von Minuten genaue Informationen über die Regenintensität erhalten.“ Speziell bei Platzregen sei das eine „wichtige Information“. Das damalige Centre de recherche public Gabriel Lippmann, heute Teil des List, hatte das Projekt gemeinsam mit der Universität Wageningen in den Niederlanden und der Universität im australischen Adelaide betrieben, der Nationale Forschungsfonds FNR hatte es gefördert.

Ob die Methode auch in Luxemburg zum Einsatz kommen könnte, hänge davon ab, „ob man bereit ist, in ihre Anwendung zu investieren“, meint Pfister. Wollte man nicht nur den Regen genauer messen, sondern auch sich sehr schnell bildende Überschwemmungen vorhersagen, müsste man freilich wissen, wie rasch an einem konkreten Ort die Aufnahmefähigkeit des Bodens überschritten wird. Das ist komplizierter.

Daran liegt es vielleicht auch, dass Innenminister Dan Kersch (LSAP) vergangene Woche ankündigte, vielleicht noch bis Ende des Jahres werde in Luxemburg ein „einzigartiges“ Katastrophen-Frühwarnsystem per SMS eingeführt, aber einschränkte, bei der Überschwemmung im Ernztal sei das Wasser wohl „zu plötzlich“ gekommen. In anderen Fällen wären solche Warnungen aber sinnvoll; die Frage nach dem System habe sich nach dem Giftgas-Alarm im Differdinger Stahlwerk im Juni gestellt.

Jean-Paul Lickes, Direktor des Wasserwirtschaftsamts, ist ebenfalls skeptisch, ob sich vor Überschwemmungen wie der im Ernztal sinnvoll warnen lassen könnte: „Wenn ein Fluss innerhalb von Minuten über die Ufer tritt und man die Bewohner der betroffenen Gemeinden vielleicht eine Viertelstunde vorher alarmiert – dann gibt es womöglich Verkehrsunfälle, wenn das während der Arbeitsstunden geschieht und viele Leute auf einmal in ihr Auto springen, um so schnell wie möglich nach Hause zu fahren.“ Ausgeschlossen werden müssten auch Fehlalarme: „Schon ein einziger falscher Alarm könnte so ein System schwer in Misskredit bringen.“

Peter Feist
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