Kunstkrise und Krisenkunst

Ein Dichter reist durch die Krise. Kurze Fabel

d'Lëtzebuerger Land vom 23.03.2012

Einmal dachte ein Dichter: Ich werde versuchen, der Bank ein Buch zu verkaufen. Kein Buch zum Lesen, nein, ein Buch zum Repräsentieren. Ein Objekt zur Verschönerung der Bank. Ihm waren die unzähligen Kunstwerke im Bering der Bank aufgefallen. Großformatige Bilder, gigantische Skulpturen, Videoinstallationen, betörende Architektur, alles nur vom Teuersten und Feinsten. Er sagte sich: In diese Kunstausstellung gehört unbedingt auch ein Buch. Er klemmte also sein Buch unter den Arm, begab sich ins Finanzheiligtum und sagte: Bitte, Bank, kauf mein Buch.

Es ist Krise, sagte der Referent. Die Bank darf nichts mehr verscherbeln. Keine faulen Kredite für faule Kunst. Was ist denn ein Buch? Ein Buch ist Risiko zwischen zwei Deckeln. Die Bank darf kein Risiko mehr auf sich nehmen. Wovon handelt denn Ihr Buch? Was beschreiben Sie? Es ist ein Roman, gut. Über Romane habe ich bisher nur Kontraproduktives gehört. Romane sind in der Regel nicht verzinsbar. Sicher, wir unterstützen auch bankenfeindliche Kunst. Aber groß muss sie sein, groß! Verzinsbar!

Freundlich binden wir die großen Feinde der Bank in unser Bankenwesen ein. Das ist ein Stilprinzip. Die Kunst darf uns bekämpfen. Wir kaufen sie ein. Damit jeder sieht, wie scharf die Künstler uns am Zeug flicken und wie verständnisvoll wir uns am Zeug flicken lassen. Wir sind offen für jede Art von Kritik. Wir kaufen sie ein. Unserer kritischen Kundschaft bieten wir Kritik in Form von Kunst. Massive Kritik, keine Kinkerlitzchen. Ich kann Ihnen versichern, wir schmücken uns mit den allerkritischsten Künstlern. Aber groß müssen sie sein, groß! Börsentauglich! Wir zahlen Millionen für kunstgewordene Kritik.

Wären Sie ein Bildhauer, Herr Dichter, würde ich Ihnen vorschlagen: Machen Sie uns ein bombastisches Werk, wir gewähren Ihnen eine unbegrenzte Kreditlinie. Liefern Sie uns eine haushohe Skulptur. Schlagen Sie ruhig über die Stränge. Machen Sie den Kapitalismus lächerlich. Attackieren Sie die Bank mit Hammer und Meißel. Nennen Sie Ihr Werk Die Krise frisst das Volk. Es ist eine Frage der Prägnanz. Wie prägnant ist ein Buch? Überhaupt nicht. Ein Buch ist zu winzig, fast unsichtbar. Selbst die größten Bücher werden in der Bank verschwindend klein.

Wie haltbar ist ein Buch? Sehr begrenzt. Beim ersten Regenguss weicht es auf. Beim ersten Frost zerbröckelt es. Und das Schlimmste: unsere Kundschaft übersieht vermutlich Ihr Buch. Es fällt nicht auf. Es wird nicht wahrgenommen. Natürlich würden wir Ihr Buch gern auf einen Marmorsockel stellen. Wir haben viele Marmorsockel in der Bank. Jeder Marmorsockel wiegt mindestens drei Tonnen. Wieviel wiegt ein Buch? Sehen Sie. Eine absurde Frage. Wir können nicht ein paar Gramm Buch auf einen tonnenschweren Sockel stellen. Es ist eine Frage der Proportion. Zur Philosophie der Bank gehört, nichts Disproportioniertes anzunehmen. Alle Bücher sind disproportioniert.

Aber ich will Sie beruhigen. Wir kaufen Ihr Buch. Nennen Sie uns einen Preis. Wie? So wenig? Das ist der offi-zielle Verkaufspreis? Gut. Dann kaufen wir zehntausend Bücher. Oder zwanzigtausend. Wir entsorgen sie unauffällig. Sie dürfen gern dabei sein, wenn geschreddert wird. Wir unterstützen Ihre Bücher und vernichten sie. Das soll Sie nicht erschrecken. Es ist ein Prinzip. Es gehört zur Philosophie der Bank. Kaufen und vernichten. Oder umgekehrt. Vernichten und dann kaufen. Ganz wie Sie wollen. Sie können Ihre Bücher auch selber vernichten und uns dann die Rechnung schicken. Ja, wir zahlen sofort. So sehen wir den Büchermarkt der Zukunft: herstellen, sofort vernichten, sofort zahlen. Immer mehr herstellen, immer mehr sofort vernichten, immer mehr sofort zahlen. Vernichtend unterstützen oder unterstützend vernichten. Was denn nun, Herr Dichter? Sie sagen nichts? Hat es ihnen die poetische Sprache verschlagen?

Bitte, Herr Referent, sagte der Dichter. Beginnen wir noch ein Mal von vorn. Ich schreibe Bücher und die Krise sitzt mir im Nacken. Ich rede nicht vom Geld. Es geht nicht um die Finanzkrise. Mein Problem ist die Bücherkrise. Ich möchte der Bank ein Buch verkaufen. Hallo, wir sind noch da, wir Büchermacher. Hallo, ihr müsst mein Buch ja gar nicht erst aufschlagen. Nur zur Kenntnis nehmen genügt. Ein kurzer Blick, schau mal da, ein Buch! Ich weiß, eine Bank ist kein Antiquariat. Aber jede Bank sollte doch wenigstens 1 Buch ihr eigen nennen. Es wäre doch auch im Sinne Ihrer Kundschaft. Schatz, wir gehen zur Bank mit dem Buch. Am Buch vorbei zum Schalter. Zurück vom Schalter wieder am Buch vorbei zur gläsernen Schwingtür hinaus. Das muntert doch die Kundschaft auf. Honey, du kannst dir nicht vorstellen, was ich heute in der Bank gesehen habe. Ein Buch!

Herr Dichter, sagte der Referent. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Die Bank hat Großes mit Ihnen vor. Die Büchermacher sind viel zu bescheiden. Viel zu diskret, verheerend unauffällig. Machen Sie Lärm, wenn Sie schreiben? Sehen Sie. Sie machen keinen Lärm. Sie denken schweigend. Man hört Sie nicht, man sieht Sie nicht. Sie benehmen sich nicht marktkonform. Sie verkaufen sich unter Wert. Falls Sie sich überhaupt verkaufen.

Wo bleibt denn die Werbung? Haben Sie je an Werbung gedacht? Was ziehen Sie an, wenn Sie schreiben? Sehen Sie. Unscheinbare Klamotten. Sie könnten wenigstens einen farbigen Hut aufsetzen. Einen Pyramidenhut. Mit eingebauter Fontäne. Es sprudelt, man soll es merken. Bei jedem Geistesblitz soll es rauschen. Es gibt schon Pyramidenhutfontänen, die hundert Meter in die Höhe schießen. Bei jeder tollen Kopfgeburt hundert Meter.

Nehmen Sie sich ein Beispiel an den Filmemachern. Bevor der Filmemacher ein einziges Filmbild eingefangen hat, kennt ihn schon die ganze Stadt. Er macht sich breit in der Stadt, mit Megaphonen, riesigen Schirmen, Scheinwerfern, Kränen. Ohne ein einziges Filmbild eingefangen zu haben. Er lockt die Zeitungen, den Rundfunk, das Fernsehen. Er gibt Interviews, lobt seine Schauspieler, rezitiert das Drehbuch. Ohne ein einziges Filmbild eingefangen zu haben. Auch wenn er nie und nimmer ein einziges Filmbild einfängt, kennt bald das ganze Land seinen Film. Der Film muss gar nicht mehr gedreht werden. Er verkauft sich gut. Alle Vorführungen sind ausverkauft, obwohl vielleicht nie ein einziges Filmbild eingefangen wird. Das nennt man krisensichere Ökonomie. Der Film wird nie gedreht, aber weltweit verkauft er sich gut. Und Sie? Sie sperren sich ein im stillen Kämmerlein. Sie verschwinden von der Bildfläche. Sie ducken sich hinein in Ihr Schreibnest. Sie spielen graue Maus. Sie sabotieren den Markt. Das werden wir jetzt mal ändern. Wir kümmern uns jetzt mal um Ihre Kompetitivität.

Kennen Sie das Tourette-Syndrom, Herr Dichter? Beim Tourette-Syndrom handelt es sich im Kern um Unberechenbarkeit. Der Tourette-Kranke brüllt plötzlich los, völlig unberechenbar. Er stößt wüste Flüche aus, einen Katarakt von Obszönitäten. Er beleidigt die ganze Welt, wild und ekelhaft. Aber niemand weiß, wann es den Tourette-Kranken überkommt. Oft schweigt er Tage lang, dann plötzlich bricht es aus ihm heraus. Die Unberechenbarkeit ist sein Kapital. Er überrascht immer wieder alle, er kann höchste Aufmerksamkeit erregen. Er wird umworben, weil er unberechenbar ist.

Wir haben einen fabelhaften Job für Sie, Herr Dichter. Wir setzen Sie als Tourette-Dichter ein. Mitten in der Empfangshalle werden Sie thronen, von allen Seiten sichtbar. Sie müssen nur schweigen, bis es Sie überkommt. Lassen Sie alle poetischen Manieren fahren. Schreien Sie wie von Sinnen. Fahren Sie schwerstes Geschütz auf. Spielen Sie Krise. Mit antikapitalistischen Parolen sollen Sie um sich werfen, bis den Kunden die Ohren klingeln. Machen Sie die Bank runter. Wünschen Sie die Spekulanten zum Teufel. Weinen Sie Sturzbäche. Beklagen Sie sich lautstark über die Aushöhlung der Demokratie. Wir erwarten ein deutlich artikuliertes Gebrüll.

Jeder soll hören, dass der Sozialstaat den Bach runter geht. Jeder soll mitbekommen, dass die Politik bankrott ist. Sie dürfen Ihre ganze Literatur unplugged in die Bank hinein schreien. Wir bezahlen Sie gut. Wir kaufen uns die Krise. Sie müssen nicht länger schreiben. Nur alles heraus kotzen, was Sie zu schreiben vorhatten. Der Tourette-Dichter schreibt mit seinem ungewaschenen Maul. Ein markerschütterndes Gebrüll muss es sein. Es ist die Geschäftsidee des Jahres. Wir bezahlen Sie unglaublich gut. Wir halten die Krise am Laufen. Wir sind die Bank mit dem Tourette-Dichter. Das macht uns sobald keiner nach. Kommen Sie zu uns! Unser hauseigener Tourette-Dichter wird Sie zerzausen, bis Sie Ihr eigenes Konto nicht mehr wiederkennen! In unserer Empfangshalle wird ein Gedränge herrschen wie auf dem Jahrmarkt. Jetzt brüllt er wieder! Jetzt kommt es wieder knüppeldick! Auf zum Schalter, vorbei am Tourette-Dichter!

Sind Sie bereit, Herr Dichter? Wovon sind wir ausgegangen? Richtig. Von einem Buch. Da sehen Sie mal, wohin Sie ein einziges Buch führen kann. Unterschreiben Sie hier. Natürlich haben Sie das Recht, manchmal wochenlang keinen Ton von sich zu geben. Das erhöht nur die Spannung. Und wir werden diese stummen Phasen als bezahlten Urlaub verbuchen. Fabelhaft. Sie können anschließend unverzüglich mit unserem Tourette-Coach reden. Er wird Sie einführen in die Kunst der radikalen Unbeherrschtheit.

Nur an die Kleiderordnung der Bank sollten Sie sich halten. Auch Tourette-Dichter tragen bei uns obligatorisch Krawatte. Ansonsten haben Sie einen Freipass für jeden Regelverstoß. Sie wollten doch einen Job, Herr Dichter? Ihr Buch war doch nur ein Vorwand, oder? Lassen Sie Ihr Buch hier. Wir kennen einen Bildhauer, der Ihr Buch in einen tonnenschweren Brocken aus Blei und Bronze verwandeln wird. So kommt ihr Buch in die Bank. Tonnenschwer. Börsentauglich. Ein Brocken für die Ewigkeit.

Guy Rewenig
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