Die größte und älteste Zeitung des Landes und ihre Eigentümer

Die Gegenwart unseres Volkes wiederum an dessen Vergangenheit anknüpfen

d'Lëtzebuerger Land vom 29.06.2018

Als im September vergangenen Jahres gerade der zweite Chefredakteur des Luxemburger Wort binnen fünf Jahren gefeuert worden war, nach Marc Glesener nun Jean-Lou Siweck, drückten 68 Journalisten des Sankt-Paulus-Verlags in einer gemeinsamen Erklärung „ihr Unverständnis“ aus. Ein Teil von ihnen waren junge Journalisten, die im Glauben ins Luxemburger Wort gekommen waren, die Zeitung fördere eine „professionelle und unabhängige Arbeit“. Das war, wie die Vorgänge gerade zeigten, eine etwas naive Verkennung der Geschichte und gesellschaftlichen Rolle der mit Abstand ältesten und größten Zeitung im Land.

Die Zeitung, ihr Verlag und ihre Druckerei sind über verschiedene Beteiligungsgesellschaften im Besitz des Klerus. Seit ihren Anfängen vertritt sie die Interessen der katholischen Geistlichen, einer von den anderen sozialen Klassen und Schichten streng abgesonderten Gruppe, deren gesellschaftlicher Einfluss heute eher ideologisch als ökonomisch ist und deren Interessen die Zeitung als die Interessen der katholischen Kirche darstellt. Von den 14 Verwaltungsratspräsidenten des 1887 gegründeten Sankt-Paulus-Verlag waren neun Geistliche, von 13 Direktoren waren fünf Geistliche, von 14 Chefredakteuren des Luxemburger Wort seit der Gründung 1848 waren neun Geistliche. Mit Abbé Nicolas Wies kam 1855 der erste aktive Wort-Journalist ins Parlament und begründete so eine lange Tradition, die einstweilen 1989 mit Viviane Reding endete.

Während die Zeitung zu 100 Prozent im Besitz des Bischofs als Oberhaupt des geistlichen Stands ist, unterliegt die Verwaltung in der Regel einem Geistlichen und einigen katholischen Unternehmern und klerikalen Politikern, die ökonomischen und politischen Sachverstand beisteuern sollen. Bei der Gründung 1848 waren das Dechant Bernard Ambrosy sowie die Aktionäre, der Großgrundbesitzer und Obergerichtsrat Charles Gérard Eyschen, der Abgeordnete und Arzt Jean Mathias Neumann-Würth, der Abgeordnete und Anwalt Michel Jonas sowie der Großgrundbesitzer und Geschäftsmann Jean Philippe Christophe Würth. Heute gehören dem Verwaltungsrat an der Generalökonom des Bistums, Marc Wagener, als Vertreter des Klerus, der ehemalige CSV-Minister Luc Frieden, der ehemalige Bankpräsident Frank Wagener, der ehemalige Postdirektor Marcel Gross, der Versicherungspräsident François Pauly und die ehemalige Wort-Journalistin Hortense Bentz.

Dass das Luxemburger Wort dem Klerus gehört, macht es zwangsläufig zu einem konservativen und oft reaktionären Organ. Denn seit der Gründung des Luxemburger Wort hat die Zahl der Priester im Land um zwei Drittel abgenommen, es ist eine gesellschaftliche Gruppe, die ihrem einstigen Einfluss nachtrauert und am liebsten ihre Macht früherer Tage wiederherstellen oder wenigstens einen weiteren Machtschwund verhindern möchte.

Ebenso wie die Besitzverhältnisse prägten aber auch die Umstände seiner Gründung 1848 die Ausrichtung des Luxemburger Wort. Nach den josephinistischen Reformen, der Französischen Revolution, dem Entstehen des bürgerlichen Staats und der beginnenden Industriellen Revolution war der einst zusammen mit dem Adel privilegierte Stand des Klerus – Restauration und Konkordat hin oder her – zuerst jahrelang sprachlos und in der Defensive. Das Sprachrohr, das er sich in der Revolution von 1848 gab, musste reaktionär sein, weil er seiner Machtfülle im Ancien Régime nachtrauerte. In den Anfangsjahren schien es fortschrittlich, weil der Klerus neue Freiheiten der Revolution von 1848, vor allem die Pressefreiheit, für die eigenen Zwecke nutzen wollte, oder sich nicht nur mit den Großgrundbesitzern über Land zu verbünden, sondern auch die wachsende Zahl von Arbeitern auf eine paternalistische, antisozialistische Art gegen das liberale Bürgertum zu mobilisieren versuchte.

Kulturkampf Bischof J. Philippe nannte 1948 die Gründung des Luxemburger Wort „die letzte große Tat von Bischof Laurent“. Der im preußischen Kulturkampf radikalisierte Geistliche Johann Theodor Laurent war mit dem Segen des holländischen Königs 1842 als apostolischer Vikar nach Luxemburg gekommen, hatte es abgelehnt, den im Konkordat von 1801 vorgesehenen Treueeid gegenüber dem Staat abzulegen, und hatte sogleich dem bürgerlichen Staat den Krieg erklärt, um ihn der Kirche unterzuordnen oder wenigstens Staat und Kirche als zwei gleichwertige Gegenüber zu etablieren. Der erste Chefredakteur des Luxemburger Wort, der Priester Eduard Michelis, war ebenfalls ein ultramontaner Krieger aus dem preußischen Kulturkampf.

So war das Luxemburger Wort 1848 auch eine deutsche Zeitung in Opposition zum zumindest kulturell Frankreich und Belgien nahestehenden liberalen Bürgertum. Es fühlte sich, wie die Kirche, stets dem autoritären, wenn auch protestantischen Preußentum näher als dem republikanischen Frankreich und verkündete deshalb am 6. April 1848: „Das Luxemburger Volk ist ein deutsches Volk, es redet die deutsche Sprache; es war von jeher ein Theil, und wahrlich kein verachteter Theil des deutsches Reiches. Nachdem das Joch der französischen Fremdherrschaft zerbrochen, war Luxemburg als ein wesentlicher Theil vom deutschen Bunde wieder einverleibt. Aber obwohl wir Luxemburger unserer Nationalität und dem Rechte nach Deutsche sind, hat man uns als halbe Franzosen behandelt.“

Das Luxemburger Wort erschien am 23. März zum ersten Mal, einen Monat später wurde Johann Theodor Laurent des Landes verwiesen. Seinen ersten Kampf, den es führte, war für die Rückkehr Laurents, es verlor ihn, aber es war nicht sein letzter, wie die zahlreichen Presseprozesse gegen das Luxemburger Wort in den Anfangsjahren zeigten.

In den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt des Kulturkampfs, als Papst Pius IX. seinen Kirchenstaat verloren und dafür seine Unfehlbarkeit erklärt hatte, als er und mit ihm das panisch antimoderne Luxemburger Wort, das gegen Musik, Tanz und Theater giftete, zurück ins christliche und neugotische Mittelalter wollte, als der Luxemburger Staat ein Bistum aufgezwungen bekommen hatte und die Priester über Land Missionen veranstalteten, gelang es dem Klerus in einem jahrelangen Kampf, die endgültige Kontrolle über die Zeitung und ihre Druckerei zu erlangen. Von der ursprünglichen Aktiengesellschaft ging die Zeitung rasch in den Besitz von Bischof ­Nicolas Adames, der sie bei seinem Rücktritt 1883 seinem Nachfolger Johann Joseph Koppes vermachte, welcher sie dem Stiefvater von Bistumskanzler Louis Held, Johannes Hary, verkaufte. Der Buchdrucker Johannes Hary übernahm nach 30 Jahren den Druckauftrag Pierre Brücks und gründete 1887 zusammen mit seinem Stiefsohn den Sankt-Paulus-Verlag, in den er als Kapital seine Druckerei und die Zeitung einbrachte. Nach seinem Tod erbte der Bistumskanzler die Gesellschaft und überließ sie später dem Bistum, dem das Luxemburger Wort und der Verlag bis heute gehören. Als Eigentümer des Luxemburger Wort ließ Bischof Johannes Joseph Koppes Hirtenbriefe von den Kanzeln verlesen, in denen er der Lektüre von Konkurrenzzeitungen unter die Strafe der Exkommunikation stellte.

Damit war der Klerus auch gerüstet, um der Enzyklika Rerum Novarum von Papst Leo XIII. von 1891 zu folgen und zur Rückeroberung der Gesellschaft anzusetzen. Um die Kontrolle über die Bevölkerung wiederzuerlangen, gründeten Geistliche im Zeichen der katholischen Soziallehre von ihnen geleitete Laienorganisationen für alle Alters- und Berufsgruppen, katholischeKinder-,Schüler-, Studenten-, Arbeiter-, Akademiker-, Bauern-, Musikanten-, Hausfrauen-, Pfadfinder- und andere nach Geschlecht getrennte Verbände. Am Sitz dieser Bewegung, dem hauptstädtischen Volkshaus, wurde schließlich auch die Rechtspartei gegründet, zuerst als Wahlverein, dann als Partei, die spätere CSV. Luxemburger-Wort-Chefredakteur Jean Origer war von 1934 bis 1940 auch Präsident der Rechtspartei.

Stände Aus den verfügbaren Auflagenzahlen lässt sich herauslesen, dass der Aufstieg des Luxemburger Wort zur während des 20. Jahrhunderts dominierenden Zeitung des Landes in dieser Zeit der gesellschaftlichen Reconquista und der Politisierung am Ende des Ersten Weltkriegs einsetzte und sich in den Dreißigerjahren verstärkte. Doch als Organ des von der Moderne und der Säkularisierung, vom Liberalismus und Sozialismus bedrohten Klerus wandte es sich systematisch gegen diese Entwicklungen. Nachdem Prinz Heinrich am 7. Oktober 1856 in einem Staatsstreich dem Parlament angekündigt hatte, die liberale Verfassung von 1848 abzuschaffen und durch eine autoritäre, ständische zu ersetzen, begrüßte das Luxemburger Wort am 19. Oktober 1856, dass das Parlament wieder durch eine Ständeversammlung ersetzt werden sollte: „Wir können uns nicht von der Idee trennen, daß unsere Staatsmänner dem Lande eine unberechenbare Wohlthat erweisen würden, wenn sie die Gegenwart unseres Volkes wiederum an dessen Vergangenheit anknüpften, an die Zeiten vor der französischen Revolution, in denen Monarchie und Freiheit des Volkes in Harmonie waren und nebeneinander bestanden, ohne daß die eine von der andern angetastet wurde. [...] Das Projekt unserer Verfassungsrevision hat diese Bestimmung aufgegriffen; es will, daß das Land nicht allein nach der Zahl seiner Bewohner, sondern auch nach den Elementen des Landes vertreten werde, daß eine wahrhafte nationale Vertretung stattfinde. Damit hätten wir denn einen Uebergang zu der Vergangenheit, und, je nachdem man will, zu einem vorrevolutionären, conservativen, und sogar christlichen Regimente gefunden.“ In einer Ständeversammlung bekäme nämlich der Klerus seine politischen Privilegien zurück: „Der Klerus als solcher hat zwar seine Güter nicht mehr, die er hatte; das ist aber kein Grund, um ihn auszuschließen; er hat noch jetzt wie früher seine gesetzlichen Titel auf das ihm vom Staate Entzogene, er ist am besten in Stand gesetzt, die Bedürfnisse des Volkes zu kennen, er ist ein seiner Natur nach konservatives Element und eine der festesten Stützen unserer Nationalität.“

Wiederholt in seiner Geschichte gab das Luxemburger Wort den Juden die Schuld für den Einflussverlust des Katholizismus und des Klerus, so am 4. Januar 1888: „Mit Leuten dieser Art, welche alle anderen Menschen als Vieh, als eine untergeordnete Race, die Gott zu Knechten Israels bestimmt habe, betrachten, ist ein vertrautes und friedliches Zusammenleben nicht möglich. Menschen, welche das Tödten, Ehebrechen, Stehlen, Betrügen, falsch Schwören für erlaubt halten, sind für die menschliche Gesellschaft und die Staaten ebenso gefährlich wie die ärgsten Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten und Nihilisten. Hier ist der Grund und die Quelle des allgemeinen Völkerhasses, welche das Judenthum sich zugezogen. Ihre Falschheit, ihre Raubsucht, ihre Härte, ihre Unterdrückungssucht, ihr absoluter Mangel an Nächstenliebe gegen andere Nationen als die ihrige, hat die Juden zur Geißel aller Völler gemacht, und naturgemäß ihren Haß heraufbeschworen. Es war nicht die Unwissenheit, der fanatische Aberglaube, welcher in früheren Zeiten zu den Judenverfolgungen antrieb; es war einfach der Selbsterhaltungstrieb, welcher ein unterdrücktes Volk zwang, für seine Freiheit sich zu erheben und das Joch der jüdischen Herrschaft abzuschütteln.“ In den Dreißigerjahren rechtfertigte es die Judenverfolgung durch die Nazis als eine Selbstverteidigung des deutschen Volks. Selbstverständlich war das Luxemburger Wort von den ersten Tagen bis heute das Sprachrohr des Klerus, der seinen Einfluss auf die öffentliche Schule, das Vorrecht des Pfarrers gegenüber dem Lehrer, verteidigte. Und es verteidigte die sehr fromme, sehr deutsche und sehr autoritäre Großherzogin Marie-Adelheid gegen jede Form von Gewaltentrennung und Republik.

Drei Monate nachdem Adolf Hitler Reichskanzler geworden war, machte das Luxemburger Wort am 22. April 1933 keinen Hehl aus seinen Sympa­thien: „Die Völker reagieren schließlich mit Gewalt auf eine Krankheit, die Liberalismus und Sozialismus nun einmal sind. Und da ist gar kein Schade darum. Wir gestehen sogar, daß wir lieber unter einem anständischen Faschistenregime als unter einem sozialistischen und kommunistischen leben. In Italien läßt es sich aushalten, bei geringen politischen Ambitionen sogar vorzüglich. Aber in Rußland? Und in Mexiko? Und überall dort, wo die Sozialisten Herr und Meister waren und es immer noch sind? Und übrigens, leider, möchte man sagen, wo ist bei uns auch nur die Ahnung einer faschistischen Gefahr? Ein bißchen Faschismus – wohl verstanden – wäre absolut nicht vom Uebel, nur eignet sich der Luxemburger so unheimlich, wenig zum Diktator, er müßte denn – Sozialist sein.“

Maulkorb Nach dem Anschluss überlegte man sich das noch einmal, doch um „ein bisschen Faschismus“ auch hierzulande durchzusetzen, hatte das Luxemburger Wort schon am 18. September 1933 Reformvorschläge gemacht: „Für eine Aenderung des Wahlsystems käme vor allem die Ausschaltung alle Parteien mit unchristlichen und darum staatsfeindlichen Programmen in Betracht. So willkürlich das klingt, an dieser Notwendigkeit wird keine wahre Reform vorbeikommen. [...] Auf Grund dieser Voraussetzungen müßten die Parteien ihre Kandidatenliste aufstellen. Allerdings nicht so –und hier schaltet eine weitere Neuerung ein – daß diese Listen den Wählern unmittelbar vorgelegt würden. Hier müßte in irgendeiner Form die Mitbestimmung der Regierung ansetzen.“

Das Luxemburger Wort war die lauteste Stimme für das Maulkorbgesetz zum Verbot der Kommunistischen Partei. Am Vortag des Referendums vom 6. Juni 1937 veröffentlichte es an her­ausragender Stelle die Schauermärchen: „Aus Niederfeulen erhalten wir von einem Freunde der Rechtspartei folgendes Schreiben: ‚Meine Schwägerin war gestern nach Luxemburg. Bei der Rückkehr hörte sie, wie eine noch kaum stimmberechtigte, jedoch schon verheiratete Frauensperson noch vor Abfahrt des Zuges einer ihr begegnenden Frau zurief: „Mach, daß du ‚Nein‘ stimmst; wir müssen Meister werden; werden wir es nicht, so ‚gett dra gefuppt‘. Mein Mann hat sich bereits einen Revolver gekauft. – Gestern erhielt ein führender luxbg. Rechtsparteiler aus Villerupt (bei Esch-Alz.) einen längeren Brief mit der Ueberschrift ‚Vive Léon Blum‘, in welchem es hieß: ‚Wenn die Volksfront in Luxemburg nicht Nachahmung findet, wird ein Anarchist Sie in wilder Weise ermorden. Wenn das Gesetz angenommen wird, werden Sie sterben.‘ Auf der Rückseite stand unter dem Titel: Unsere anarchistischen Taten: ‚1934 Dollfuß, 1930 General Kutiepoff, 1931 Paul Doumer, 1934 Louis Barthou und der König von Jugoslavien.‘ Und dann folgten für 1937 die Namen von zwei führenden Rechtsparteilern aus Luxemburg. Der in französischer Sprache gehaltene Brief kann in der Redaktion des ‚Lux. Wort‘ eingesehen werden. – Ohne Kommentar!“

Nach dem deutschen Überfall im Mai 1940 erschien das Luxemburger Wort in Eigenregie weiter und passte sich den neuen Machtverhältnissen an. Bis Ende September 1940, als der Gauleiter die Besatzung durch die faschistische Diktatur ersetzt hatte, lautete das Impressum der Zeitung: „Das ‘Lux. Wort’ erscheint im Verlag der St. Paulus-Druckerei (an. Ges.). Leitung und Innenpolitik: J. Origer; Außenpolitik: Ed. Goebel (z. Z. krankheitshalber beurlaubt), i. V. Dr. Marcel Fischbach; Volkserziehung u. Bauernkultur: P. Cariers; Berichterstattung und Lokales: Math. Guillaume; Sozialpolitik und Wirtschaft: Dr. J. B. Esch; Literatur und Kunst: P. Grégoire; Gemeinderats- und Vereinsberichte: René Jeitz; Anzeigen: J. Thill. Alle in Luxemburg.“

Ewigkeit Anfang September 1940 wurden die Redakteure Jean Origer, Jean-Baptiste Esch und Pierre Grégoire verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt, der Bischof blieb bis zum Ende der Besatzungszeit im Amt. Esch und Origer wurden ermordet. Die verbliebenen Journalisten machten weiter, Pierre Cariers bis zur deutschen Niederlage, Marcel Fischbach bis Ende 1941, Paul Leuck bis Mitte 1941. Marcel Fischbach schrieb Kommentare über die erfolgreiche Eingliederung der Luxemburger Industrie in den großdeutschen Wirtschaftsraum und behauptete dann im Luxemburger Wort vom 23. März 1948, dass Jean Origer kurz vor seiner Verhaftung die Redaktion zur Kollaboration aufgefordert hatte: „Ihr müßt bleiben, denn man darf sie (die Nazis) hier im Betrieb nicht ganz ‚unter sich‘ lassen. Ihr haltet die Augen weit offen, um zu beobachten, was alles vorgeht. Es wird ja nicht die Ewigkeit dauern, bis sie wieder fort müssen.“ Nach dem Krieg brachte Marcel Fischbach es zum Minister, Paul Leuck setzte die antibolschewistische Kriegspropaganda bei RTL fort.

Im Kalten Krieg vertrat das Luxemburger Wort weiter sehr aggressive Positionen, sei es aus der Feder der Redaktion, sei es aus derjenigen sehr rechter Auslandskorrespondenten. Ein Jahrhundert lang verteidigte es den Kolonialismus und stellte ihn vor allem als zivilisatorische Leistung der katholischen Missionare dar. Wiederholt brachte es Verständnis für die Apartheid in Südafrika auf. Nach dem faschistischen Staatsstreich in Chile warb das Luxemburger Wort am 15. September 1973: „Es ist und bleibt eine Lüge, nunmehr zu erklären, Allende und sein marxistisches Experiment seien an dem Widerstand der Streitkräfte gescheitert. In keinem anderen Land Lateinamerikas verhielt sich traditionsgemäß die Armee so loyal zu der jeweiligen Regierung wie gerade in Chile. Sie griff denn auch erst ein, als der seit Wochen anhaltende schleichende Bürgerkrieg sich in einen noch gefährlicheren Konflikt auszuweiten drohte.“ Sollten Pinochet und seine Mitputschisten an der Macht bleiben, „müßten Allende und seine von Illusionen getragene Politik auch dafür die Verantwortung übernehmen“. Chefredakteur André Heiderscheid beschwichtigte am 19. August 1973 in einem Leitartikel: „Ob im übrigen das Eingreifen der Streitkräfte Chile vor drohendem größeren Unheil bewahrt hat, ist eine jener Fragen, die wohl nie eine gesicherte Antwort erfahren werden.“

Das Luxemburger Wort wandte sich gegen die 1968 von Arbeitern und Studenten eingeklagten gesellschaftlichen Reformen und hielt die Abschaffung der Todesstrafe durch die linksliberale Koalition 1979 zumindest für verfrüht. Da der Klerus ausschließlich aus Männern besteht, verbreitet die Zeitung ein paternalistisches, konservatives Frauen- und Familienbild und führte 1977 die Beilage „Pour la vie naissante“ ein, um Stimmung gegen eine Lockerung des Abtreibungsverbots zu machen.

Mitte der Neunzigerjahre erreichte die Auflage des Luxemburger Wort ihren historischen Höhepunkt. Der Klerus stellte der CSV sein Luxemburger Wort als mächtiges politisches Sprachrohr zur Verfügung und bekam im Gegenzug von der CSV den Erhalt seiner Privilegien als Beamte einer Staatsreligion in einer säkularisierten Gesellschaft gewährleistet. Bis die CSV 2013 über Jean-Claude Junckers Geheimdienstskandal stürzte, und die liberale Regierung Erzbischof Jean-Claude Hollerich drängte, in die schrittweise Privatisierung der Priestergehälter einzuwilligen.

Ratlos Nun ist der Klerus ist in einer Zwickmühle: Seit 20 Jahren werden die Leser und die Anzeigen des Luxemburger Wort weniger, der Klerus selbst vergreist und stirbt aus. Er ist hin und her gerissen, ob seine Zeitung ideologischen Ballast abwerfen soll, um neue Leser anzusprechen, oder notfalls auf Leser verzichten soll, um weiterhin die Interessen des Klerus zu vertreten. „Dans le cas où certaines valeurs restreignent l’exploitation commerciale, un équilibre devra être recherché entre ces valeurs d’un côté et les obligations commerciales de l’autre côté“, wird das Dilemma in den redaktionellen Richtlinien von 2013 benannt aber nicht gelöst.

Deshalb beauftragt der Klerus seit 20 Jahren wechselnde Geschäftsführer mit Reformen zur Wiederherstellung der Rentabilität seines Verlags und vor allem seiner von Fehlinvestitionen belasteten Druckerei, entlässt sie dann wieder und macht einen Teil ihrer Reformen wieder rückgängig, von Paul Zimmer über Charles Ruppert und Paul Lehnert bis nun Paul Peckels. So hieß die Zeitung vom 17. März 2005 bis 22. März 2008 „d’Wort“, und erschien kurz in vier Regionalausgaben, der Verlag brachte zwei französische Tageszeitungen, La Voix du Luxembourg und Point 24 heraus und stellte sie, ebenso wie seinen Radiosender DNR, wieder ein.

Seit dem Abgang von Léon Zeches, des ersten seit langer Zeit nicht zum Klerus gehörenden, aber dafür um so klerikaleren Chefredakteurs, leistete sich der Klerus schon vier Chefredakteure, von Marc Glesener über Paul Lehnert und Jean-Lou Siweck bis nun Roland Arens. In der am 2. Januar 2013 veröffentlichten Ligne éditoriale verpflichtete der Verlag sich zu Leitartikeln, die „apprécieront les événements à la lumière de la foi chrétienne telle que l’explicite le Magistère de l’Église dans ses textes fondamentaux“ und versprach der CSV: „L’inspiration chrétienne, à décliner en fonction des différents supports médiatiques, rapproche les medias de Saint-Paul Luxembourg s.a. des acteurs sociétaux defendant les mêmes convictions et valeurs; en ce sens, il n’existe pas d’équidistance vis-à-vis des acteurs sociétaux.” Am 2. ­Januar 2014 berief sich die Ligne éditoriale dagegen nur knapp auf „de l’humanisme et des valeurs fiondamentales du christianisme, notamment la doctrine sociale catholique“ und versprach, die Gesamtbevölkerung anzusprechen.

Dass das Luxemburger Wort bald liberaler und kommerzieller, bald konservativer und klerikaler sein soll, ist auf die Ratlosigkeit und Zerstrittenheit des Klerus zurückzuführen, wie der Aufstieg und Untergang von Generalvikar und Sankt-Paulus-Präsident Erny Gillen zeigte, der zuerst als Retter des Klerus mit modischen Managerismus erschien, dann für verhängnisvolle Fehlentscheidungen des Erzbischofs verantwortlich gemacht wurde und am Ende den Priesterrock an den Nagel hängte.

Romain Hilgert
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