Die kleine Zeitzeugin

Die Unsichtbaren von Lesbos

d'Lëtzebuerger Land du 06.03.2020

Auf der Meeresoberfläche steht dieses Schiff, es geht nicht weg, es taucht nicht unter. Es ist schwarz und massiv und massiv unsympathisch. Kriegsschiff?, frage ich den Betreiber des Cafés hoch oben auf der Burg von Molyvos. Hat meine Lieblingswirtin nicht vor drei Jahren den baldigen Krieg mit der Türkei prophezeit? In die Flüchtlinge, sagte sie, können die Leute sich hier so gut einfühlen, weil so viele von uns Nachkommen von Türkeivertriebenen sind.

Wohl eher Krieg gegen die Flüchtlinge? Nein, Rettung von Flüchtlingen!, protestiert der Café-Chef. „Seit den Flüchtlingen“ drehe dieses EU-Schiff seine Runden. Beim Entdecken von Booten werde gleich die griechische beziehungsweise die türkische Küstenwache alarmiert. Ob ich die Schiffe aus Portugal und Malta im Hafen nicht gesehen hätte?

Und habe ich einen Flüchtling gesehen?

Nein, natürlich nicht. Ich bin im idyllischen Vorzeigeort der Insel Lesbos, der Tourismusenklave Molyvos, ich bin umgeben von solchen wie ich, weiß, älter, häufig weiblich. Ich garantiere Ihnen, Sie werden keinen Flüchtling sehen!, hat die Busbegleiterin im Shuttle-Bus schon vor drei Jahren die Last-Minute-Oldies beruhigt. Dieselbe Frau auf derselben Strecke erwähnt das nicht mehr. Auch nicht die Schweizer Firma, die den Meeresboden an der Küste damals von den Relikten der Fluchtbewegung gereinigt hat. Nur die überbordende Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, daraufhin die Bitte, dem vielgeprüften Lesbos treu zu bleiben. Die Anwesenheit der Flüchtlinge beziehungsweise die Beschwörung von deren Unsichtbarkeit sind aber nicht mehr Top-Thema.

Der Bus quetscht sich durch die Gässchen von Mytilini, die mir weniger desolat vorkommen als 2016. Weniger blinde Schaufenster, weniger verlassene Cafés. Das Hotel ist auch ohne die damaligen Krisen- Köder Ende September gut gebucht. Sogar die Deutschen trauen sich wieder her. Die Restaurants, Terrassen, Geschäfte sind belebt, die Gassen auch. Die Kellner_innen erkennen einen nicht mehr gleich, seufzen nicht mehr angesichts chronisch leerer Tische, zum Raki gibt es nicht gleich deprimierte Gesichter und Geschichten inklusive. Alles scheint ein bisschen mehr im Gleichgewicht.

Im Hotelzimmer sehe ich griechische Fernsehsendungen voll von Trachtenzeug und fahlen Politikern. Alte graue Männer sind hier sehr gefragt, hyperblonde Frauen hören ihnen sogar zu. Und immer wieder einen Betonkomplex mit herum geisternden Bewaffneten. Ich frage in der Rezeption, wie ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Moria kommen könne. Neben den Prospekten mit Klöstern und Kulturstätten der Antike wirkt die Frage grotesk und obszön, die Antwort windet sich wie die Straße nach Moria. Es muss sehr, sehr weit weg sein.

Inzwischen liege ich flach auf einem steinigen Strand, verbrannt, von eisigen Winden gepeitscht, geblendet vom berühmten ewigen Licht, ich krabbele ins mythische Meer. Ich fotografiere Popenbeinkleider auf Wäscheleinen, ein Kloster auf einem Berggipfel inmitten von Leere, in dem noch zwei Mönche leben, Schnauzbartmänner, die vor einem Schild mit Lesbian Beer im Lieblingsort der Lesben thronen. Es gibt alle möglichen Möglichkeiten, irgendwohin zu kommen, wo Delphine lächeln oder echte alte Griechen vor echtem griechischem Kaffee in echten griechischen Bergdörfern vor sich hin sinnen. Moria gehört nicht zu den Destinationen. So pervers sind die Tourist_innen nicht.

Gibt es Moria überhaupt? Ich frage den Taxifahrer nicht nach dem Preis dorthin, wahrscheinlich müsste ich dortbleiben. Oder er würde mich rausschmeißen, vielleicht ist er von der Goldenen Morgenröte, eine Wölfin würde mich fressen, die eine griechische Göttin ist. Rein käme ich sowieso nicht, ohne Presseausweis schon gar nicht. Was will ich dort, Elendstourismus betreiben? Den Menschen blöde Fragen stellen und dann thank you, good bye sagen?

Das Meer glitzert wie Millionen Messer. Das Meer ist ein Flammenteppich. Auf dem brennenden Meer sind Flüchtlinge unterwegs.

In der Kapelle gegenüber vom Mini-Flughafen von Mytlilini, der bald schon viel größer sein wird, zündet ein Schwulenpärchen Kerzen an, draußen stürmt es. Wie in den meisten Küstenkapellen wird hier der Fischer und Matrosen gedacht.

All derer, die auf dem Meer unterwegs sind?

Michèle Thoma
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