Manche Bettler haben sogar Handys

Battle-n

d'Lëtzebuerger Land vom 28.08.2015

Elendshäufchen kleben auf dem Asphalt, wie peinlich es ist, über sie zu stöckeln. Wer will über Lebende gehen. Der Mensch, der endlich sein Auto geparkt hat und endlich einen Fuß in die Stadt gesetzt hat, strapaziös genug, begegnet ihnen auf Schritt und Tritt. Sie sind unter uns, denkt er beklommen, sie liegen uns zu Füßen, sie beten uns an. Manche sagen sogar Bonjour, was den Menschen vollends fertig macht. Manche machen eindeutige Gesten, global eindeutige Gesten. Sie wollen immer nur das Eine, durchschaut die Stadtbetreterin, Stadtbewohnerinnen gibt es ja kaum.

Sie erinnert sich an Zeugenberichte, die erschüttert darüber Auskunft geben, dass eine mildtätige Gabe abgelehnt wurde. Ein Sandwich, eine Flasche Wasser. Sie sind hinter dem Geld her, warnen die Zeugen.

Der Mensch, der sich in die Stadt wagt, muss sich zwischen Installationen aus Menschenmaterial durchschlagen, vorbei an Selbstdarstellerinnen, die gar nichts darstellen. Sie stellen nichts dar. Sie tun auch nicht als ob. Sie machen oder sind nicht mal Kunst. Also Festival des Cultures, oder so, dass sie ein bisschen singen und springen würden für den Stadtbesucher, auf Stelzen gehen, Zigeunermusik machen, und dann wieder gehen.

Sie gehen nicht weg, wie eine Krankheit zum Beispiel. Sie sind extrem zäh. Sie sitzen sogar auf Bänken. Oder stehen auf, sogar rum, manche nähern sich, dem Menschen, der sich in die Stadt gewagt hat, wird ganz anders. Er wird es heute Abend posten und sehr viel Zuspruch bekommen, man wird ihm virtuell auf die Schulter klopfen. Er hat es immerhin überlebt, und kann auch Zeugnis anlegen.

Viele haben ja schon so allerhand beobachtet. Manche dieser, hm, man kann ja hierzulande nicht sagen was man denkt, stinken nicht mal, sie haben auch noch alle Beine und Arme. Und sie besitzen Handys! Sie sind also organisiert. Sie müssen organisiert sein!

Schließlich treffen sie sich mit ihresgleichen, sie sprechen mit ihresgleichen in einer Geheimsprache. RTL hat eine Aufklärungskampagne gestartet, sie haben sogar eine Insiderin aufgetrieben, diese Insiderin beherrscht die Geheimsprache, auch ihr Gesicht ist geheim. Sie hat mit diesen Wesen, die ihr Unwesen hier treiben, sogar geredet. Alles wurde gefilmt, beinhart dokumentiert, die RTL- Zuschauerinnen sind dank dieser Milieu- Recherchen im Bild, es wurde ihnen übersetzt, was da ausgesprochen wurde, Unerhörtes. Die kommen zum Beispiel mit dem Zug. Sie steigen in ein Auto. Sie schlafen in einer gemieteten Wohnung. In dem Film sieht man, wie sie ihre Beute in einen Topf schmeißen. Sie legen, aus denen wird nie was, ihr Geld zusammen! Und Hintermänner, die hinten zu sehen sind, gibt es auch.

Es ist alles organisiert!

Leider nisten sie nicht diskret in Briefkästen, als niedliche kapitalistische Heinzelmännchen. Oder brüten in goldenen Safes Konsumkriege aus. Nein, sie hocken am helllichten Tag rum. Tiefenentspannt, wo die ganze Stadt auf Speed ist. Sie sind einfach da. Als hätten sie eine Daseinsberechtigung.

Was manche arg ins Grr- Übeln bringt. Das muss wegen den Gutmenschen sein, wegen Multikulti, Gambia. Offensichtlich bewegen sich diese, hm, man darf ja hierzulande nicht sagen was man denkt, also diese, hm, frei in Schengenland herum. Wegen der grenzenlosen Gutmenschglobalisierung, oder so, und so.

Und dann, dann kommt Einer. Er! Er sagt, was wir denken, stammeln dankbar die sprachlosen Insassen des begrenzten, grenzenlosen Landes, sie sind so gerührt, Er! Er traut sich was. Er traut sich, zu sagen, was man hierzulande nicht sagen kann, weil man sonst in die Ecke kommt oder ins Gefängnis. Also die pst Wahrheit. Sie nennen ihn Maître. „Er sagt, was Ihr denkt!“ So etwas steht gern in diversen Ausländern auf Wahlplakaten, auf denen rechtsradikale Erlöser posieren, aber das ist ja im Ausland, hier ist es ja nur die Wahrheit. Er! Er hat Eier, schwärmen seine Jünger_innen in den sozialen Netzwerken.

Geheimdetektiv Gaston Grimmig, der unbeherrschte Herrscher der Operettenbühne, jagt Les Misérables vor der Kulisse der Nobelboutique. Er schreibt Briefe an die Mächtigen, in denen er Menschen Tiere nennt. Ach, er kann sich ausdrücken, wie ein Abszess.

Und was deckt er nicht alles auf! Es stinkt zum Himmel.

Aus seinem Brief, der offen ist wie eine Mülltonne, wie eine Kloake.

Die wie eine Offenbarung gefeiert wird.

Michèle Thoma
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