Kleine Zeitzeugin

Es gibt die EU

d'Lëtzebuerger Land vom 31.05.2019

EU, die Ungeliebte, wie viele Likes wird sie kriegen? Bzw. wie viele werden checken, dass es sie gibt, dass sie sie nicht mehr nur ignorieren können oder tödlich hassen, sie geht nicht von selber weg? Irgendwas sollten sie tun, vielleicht einfach mal aufstehen, in ein Wahlbüro gehen und ein Kreuzlein kritzeln. Wäre eine Möglichkeit.

Trotz gähn, schnarch keine Ahnung, naja, wer weiß eigentlich, worum es da geht? Ehrlich gesagt, ich nicht. Ich auch nicht. Also so richtig. Was da genau abläuft. Ich drifte immer so weg bei diesen Sendungen, wo es erklärt wird, der Rat, das Parlament, die Kommission. Nachher hab ich alles vergessen. Ja, ich auch. Aber eigentlich müssten wir uns interessieren, es ist ja nicht als würde es uns nicht interessieren.

Aber es war leider so uninteressant. Eine schreckliche Lethargie erfasste Fortbildungswillige, diese narkotisierenden Aufklärungskampagnen, diese lähmenden lahmen Parolen, diese Anti-Werbeslogans, dieser geisttötende gebetsmühlenartig heruntergeleierte Spruch von der besten aller Ideen. Nur auf die zuverlässig bissigen Rechten war Verlass. In den interessanten Zeitschriften gab es zwar fette Beilagen mit Beiträgen von Künstler_innen, die ihr Europa schilderten bzw. ihr europäisches Land, als ein echtes Land mit echten Menschen.

Sie schrieben lieber über Europa, was viel schöner klingt als EU, wer denkt bei EU an Sonnenuntergang an der Ostsee, an eine Bibliothek in einem bulgarischen Kloster? Pro Europa stand ja deswegen etikettenschwindlerisch auch statt Pro EU auf so vielen Wahlwerbeplakaten.

Damit endlich ein EU-Feeling entsteht, ein EU- Flair, liefen dauernd Dokus über die EU, wie sie leibt und lebt, wie sie isst und wovon sie träumt, was die bulgarische Studierende denkt und was der polnische Fernfahrer und was der mittlere Beamte im Ruhestand in der schreiend gelben Weste. Die menschliche EU eben, nicht so abgehobene Zombies in untransparenten Glaspalästen, von denen die Sage geht. Dann die Talk Shows, in denen es immer um Populist_innen ging, die den EU-Frieden bedrohen, komisch, wo kommen die nur her? Als Mitterrand und Kohl Händchen hielten, Brüderchen und Brüderchen, das ist kein EU-Märchen, liebe Nachkommen, gab es solche noch nicht, wo sind die nur gewachsen? Warum können deren einfältigen Wähler_innen denn nicht einfach die Vielfalt der EU genießen? Warum können sie die Angebote des Life Style SuperMarkts nicht einfach wahrnehmen, estnische Chöre, Lissabon entdecken, kubanische Küche in Berlin, warum können sie nicht einfach divers sein, warum verbarrikadieren sie sich hinter den Brettern vor ihrem Kopf, die nicht die Welt bedeuten. Warum nur, warum? Darüber gab es ein großes Gegrübel, und manchmal wurde eine soziale Frage in den Raum gestellt. Da steht sie immer noch.

Aber wenn Mensch aus Luxemburg, ist ist das ja alles kein Thema. EU waren wir doch schon immer, ist doch unsere Identität. Die ist schließlich pragmatisch. Und wenn Mensch jung ist und urban und gebildet und öfter mal in ein fliegendes Zeug hüpft – nur einmal noch, Greta, um den friends hallo zu sagen die da in Is- oder Ir- oder sonst coolem space etwas absolvieren, vielleicht lässt sich später was damit anfangen, wenn nicht, auch nicht Drama. Dann mal ein Weilchen was Idealistisches, Inseln mit Flüchtlingen, zwar schon ein bisschen out, die Eltern finden so was cool, wegen dem Horizont– da ist das auch kein Thema, wie kann man nur gegen die EU sein?

Das Blöde ist, es gibt außer Luxemburger_innen und aufgeschlossenen jungen Menschen noch ganz viele andere in diesem Konstrukt, graue alte Männer und fahle junge Männer, die oft nicht so gut drauf sind, und gar nicht grüne Frauen und Jugendliche. Sie haben leider nicht so einen großen Horizont, sie kommen nicht oft genug aus ihrem Wohnblock.

Trotzdem hat die EU nachher aufgeatmet, so menschlich ist sie. Weil doch so viele gekommen sind.

Auch wenn jetzt vieles ganz anders kommen wird.

Michèle Thoma
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