Karl Marx und Luxemburg (4)

Als Karl Marx mit der Eisenbahn nach Luxemburg fahren wollte

d'Lëtzebuerger Land vom 24.08.2018

Den größten Teil seines Lebens verbrachte Karl Marx als politischer Flüchtling. Nach dem Verbot der Rheinischen Zeitung (d’Land, 23.3.2018) zog die junge Familie Marx von Köln nach Paris um. Dort gab Marx 1844 mit viel Mühe eine neue Zeitschrift heraus, die Deutsch-französischen Jahrbücher. Sie enthielt eine Kritik der Hegel’schen Rechtsphilosophie, mit der Marx endgültig den Schritt von der Kritik der Philosophie zur Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse machte. Sein engster Freund Friedrich Engels – und nicht Marx – trug die ersten Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie bei. Heinrich Heine hatte spöttische Lobgesänge auf König Ludwig gedichtet. Allerdings konnte nur eine Ausgabe dieser neuen Zeitschrift erscheinen.

Auf Druck der preußischen Regierung wurden Marx, seine Ehefrau Jenny und ihre acht Monate alte Tochter Jenny im Januar 1845 aus Frankreich ausgewiesen. Sie zogen nach Brüssel. Belgien war zu jener Zeit einer der liberalsten Staaten Europas, der auch Luxemburger anzog, die dem autoritären Mief zu Hause entkommen wollten. Nach einigen Wochen in Gasthöfen wohnte die Familie für kurze Zeit zusammen mit ihrer Haushälterin Helene Demuth in der Rue Pachéco und dann für ein Jahr in Nummer fünf in der Rue de l’Alliance. In den Nachbarhäusern zogen bald zu einer Seite der zion­istische Sozialist Moses Hess und zur anderen Friedrich Engels ein.

Die drei Jahre in Belgien sollten für den noch nicht dreißigjährigen Karl Marx äußerst produktiv werden. Er verfasste in Brüssel Schlüsselwerke wie die später Deutsche Ideologie genannten Manuskripte über die materialistische Geschichtsauffassung, die Misère de la philosophie gegen die Solidarwirtschaft von Pierre-Joseph Proudhon und das politische Programm Manifest der Kommunistischen Partei. Gleichzeitig bemühte er sich, über Grenzen hinweg Arbeiter- und Handwerkervereine zu einem Kommunistischen Korrespondenzkomitee und später einem internationalen Bund der Kommunisten zu vereinen. In Belgien unterhielt er Kontakt mit Luxemburgern wie dem liberalen Geschichtsprofessor Jean-Jacques Altmeyer und vor allem dem Jurastudenten Victor Tedesco.

Die Familie Marx lebte in Armut, aber nicht immer in Trübsal. Oft waren politische Kampfgefährten und Familienangehörige zu Besuch, und einer von ihnen, Joseph Weydemeyer, schrieb im Februar 1846 seiner Braut Luise Lüning nach Schildesehe bei Bielefeld: „Wenn ich Dir erzähle, was wir hier für ein Leben geführt haben, so wirst Du über die Kommunisten gewiß die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Um den Unsinn auf[s] Höchste zu treiben, haben Marx, Weitling, Marx’ Schwager und ich eine ganze Nacht durchgespielt. Weitling wurde zuerst müde; Marx und ich schliefen einige Stunden auf einem Sofa und verbummelten dann den folgenden Tag in Gesellschaft von seiner Frau und seinem Schwager auf die kostbarste Weise“1. Der Artillerieleutnant und dann Journalist Joseph Weydemeyer (1818-1866) war Anfang 1846 aus Westfalen nach Brüssel gekommen, hatte sich dem Kommunistischen Korrespondenzkomitee angeschlossen und half erfolglos, die Deutsche Ideologie für den Druck vorzubereiten2.

Doch am 21. Februar 1846 musste Joseph Weydemeyer seiner Braut Luise Lüning berichten: „Unser Leben ist hier plötzlich durch einen unangenehmen Vorfall gestört, der zugleich leider meine Abreise noch weiter hinausgeschoben hat. […] Vorgestern kam an die Frau Marx ein Brief aus Trier an, wonach ihre Mutter sehr krank war und ihre Gesellschaft wünschte. Eine Stunde nachher war sie schon auf der Eisenbahn. Marx begleitet sie bis Luxemburg und kann erst morgen wieder zurückkommen, weshalb ich nun wohl bis Donnerstag hierbleiben muß“3. Die Mutter von Jenny Marx, Amalie Juliane Caroline von Westphalen, geborene Heubel, (1780-1856) war zu diesem Zeitpunkt 66 Jahre alt, als sie „an einer Nervenkrankheit schwer erkrankt[e]“4.

Da Belgien sehr früh industrialisiert war, verfügte es über das erste Eisenbahnnetz auf dem europäischen Kontinent. Die erste Strecke wurde 1835 zwischen Brüssel und Mechelen in Betrieb genommen. 1843 maß das Streckennetz bereits 559 Kilometer. In nördlicher Richtung erreichte es 1836 Antwerpen, in westlicher Richtung bis 1838 Kortrijk. Aber das moderne Eisenbahnnetz befand sich nördlich von Sambre und Meuse, von Charleroi, Namur und ­Liège. Der Süden Belgiens war weniger bevölkert und wirtschaftlich weniger interessant, deshalb war die 1846 privatisierte Eisenbahn noch nicht durch die Felsen, Wälder und Moore der Ardennen vorgedrungen. Erst 1859 sollte die Strecke von Namur über Ciney und Libramont bis Arlon und dann Luxemburg sowie eine andere Strecke über Spa und Stavelot bis Gouvy fertig sein, die Luxemburger Nordstrecke.

1846 konnten Karl und Jenny Marx mit dem Zug lediglich bis Namur fahren, der Streckenabschnitt war seit 1843 in Betrieb. Eine andere Strecke führte seit 1842 bis nach Liège. Wer nach Luxemburg weiterreisen wollte, musste ab Namur oder Liège in die Pferdekutsche umsteigen.

Karl Marx konnte seine Ehefrau nicht bis in ihre Heimatstadt Trier begleiten. Denn wenige Tage nach dem Erscheinen der Deutsch-französischen Jahrbücher, im März 1844, hatte der preußische Gesandte in Paris, Heinrich Friedrich von Arnim seiner Regierung über die umstürzlichere Schrift berichtet, die dann von Geheimrat Sulzer im Innenministerium untersucht worden war. „Auf Grund dieses Referats gab der Minister des Inneren am 16. April allen Oberpräsidenten Nachricht davon, daß die ‚Deutsch-Französischen Jahrbücher‘ den Tatbestand des versuchten Hochverrats und des Majestätsverbrechens darstellten, daß die Verfasser der einzelnen verbrecherischen Artikel und die Herausgeber dafür verantwortlich seien und daß an die Polizeibehörden, ohne dadurch Aufsehen zu erregen, die Anweisung zu ergehen habe, Ruge, Marx, Heine und Bernays, sobald sie preußisches Gebiet betraten, unter Beschlagnahme ihrer Papiere zu verhaften“5.

Seither wurde Karl Marx steckbrieflich gesucht. In den handschriftlich verbreiteten Steckbriefen hieß es: „Signalement du Sr. Marx Charles / Né à Trèves / Agé de 27 ans / Taille 6 pieds 5 pouces / Cheveux, Sourcils noirs / Front droit / Yeux bruns / Nez gros / Bouche moyenne / Barbe / Menton rond / Visage oval / Teint clair / Profession Docteur en philosophie“6.

„Trotz erfolgter belgischer Niederlassungsgenehmigung wurde Marx als in Preußen steckbrieflich zur Verhaftung bei den Grenzbehörden ausgeschriebener preußischer Staatsbürger weiter verfolgt. Denn die zuständige Behörde mußte rasch erkennen, daß die französische Ausweisung keine erfolgreiche Verfolgungsmaßnahme war und daß ein radikaler Publizist in Brüssel – der sich politisierenden Rheinprovinz sehr nahe – weit gefährlicher werden konnte als in Paris. Die preußische Gesandtschaft in Brüssel soll also – laut Marx – mehrere Ausweisungsanträge an das zuständige belgische Ministerium gestellt haben“7.

In der Hoffnung, die Verfolgung zu beenden, hatte Karl Marx am 17. Oktober 1845 bei der Trierer Stadtverwaltung beantragt, seine preußische Staatsbürgerschaft aufgeben zu dürfen. Als Grund hatte er angegeben, nach Amerika auswandern zu wollen. Später sollte er sich folgendermaßen erklären: „Ich verließ im Jahre 1843 meine Heimat Rheinpreußen, um mich einstweilen in Paris nieder[zu]lassen. – Im Jahre 1844 erfuhr ich, daß auf Grund meiner Schriften vom Königl[ichen] Oberpräsidium in Koblenz ein Verhaftsbefehl gegen mich an die betreffenden Grenzpolizeibehörden abgegangen war. Diese Nachricht wurde auch in Berliner zensierten Blättern veröffentlicht. – Ich betrachtete mich von diesem Augenblicke an als politischer Flüchtling. Später – Januar 1845 – wurde ich auf direkte Veranlassung der damaligen preußischen Regierung aus Frankreich ausgewiesen und ließ mich in Belgien nieder. – Da auch hier von der preußischen Regierung Anträge auf meine Ausweisung bei dem belgischen Ministerium gestellt wurden, sah ich mich endlich genötigt, meine Entlassung aus dem Preußischen Staatsverbande zu fordern. – Ich mußte dies letzte Mittel anwenden, um mich solchen Verfolgungen zu entziehen“8.

Karl Marx verlor zwar am 23. November 1845 seine Staatsbürgerschaft und blieb bis an sein Lebensende ein staatenloser politischer Flüchtling. Aber die Fahndung nach ihm wurde trotzdem nicht eingestellt. Er lief Gefahr, auf der Reise nach Trier sofort an der Grenze verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt zu werden.

Allerdings begleitete er seine Frau nicht einmal bis Luxemburg, sondern lediglich bis Arlon. Denn zum Zeitpunkt von Marx’ Reise war seit sieben Jahren, seit der Restauration nach der Revolution von 1830 und dem Londoner Vertrag von 1839, eine Staatsgrenze zwischen Belgien und Luxemburg. Möglicherweise verfügte der in Preußen gesuchte, aus Frankreich ausgewiesene und vorerst in Belgien geduldete Karl Marx nicht über die entsprechenden Reisepapiere, um die Luxemburger Grenze zu überqueren. Laut einem Untersuchungsbericht für den Brüsseler Gemeinderat sollte er bei seiner Verhaftung am 4. März 1848 in Brüssel über folgende Ausweispapiere verfügen: „1° Une déclaration, en allemand, portant que la société dont Marx était le viceprésident est dissoute à Bruxelles, son siège étant transporté à Paris; 2° Un passe-port périmé de France, 3° La signification de l’arrêté d’expulsion qui enjoignait au docteur de partir le lendemain“9

Zudem war die Festung Luxemburg auf dem Wiener Kongress 1815 zu einer Bundesfestung des Deutschen Bundes erklärt worden. Deshalb lagerte in ihr eine preußische Garnison mit Tausenden von Soldaten und einem militärischen Geheimdienst. Noch bevor er Trier erreicht hätte, hätte Karl Marx schon in Luxemburg riskiert, dem preußischen Militär in die Hände zu fallen und ausgeliefert zu werden.

Also konnte Joseph Weydemeyer noch am 21. Februar 1846 Luise Lüning berichten: „Soeben springt Marx wieder ein; er ist nur bis Arlon mitgefahren; nun ist doch Aussicht zum Ende da, jedenfalls wird fürs erste die Langeweile enden, die ich während seiner Abwesenheit genossen habe“10.

Am 24. März 1846 konnte Jenny Marx in Trier ihrem Ehemann nach Brüssel schreiben: „[D]er teuren Mutter Zustand hat sich wieder so zum Bessern gewandt, daß jetzt aus der Möglichkeit der Genesung fast Wahrscheinlichkeit geworden ist. Wir hoffen alle, daß die eingetretene Besserung diesmal keine trügerische ist, die dies tückische Leiden der Nervenkrankheiten mit sich bringt“11. Im April kehrte sie nach Brüssel zurück

1 Kurt Koszyk, Karl Obermann, Zeitgenossen von Marx und Engels. Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1844 bis 1852, Van Gorcum, Assen/Amsterdam, 1974, S. 75

2 Marx-Engels Jahrbuch 1, Dietz, Berlin 1978,
S. 428

3 Kurt Koszyk, Karl Obermann, Zeitgenossen von Marx und Engels. Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1844 bis 1852, Van Gorcum, Assen/Amsterdam, 1974, S. 75

4 Angelika Limmroth, Jenny Marx. Die Biographie, Dietz, Berlin, 2014, S. 117

5 Gutav Mayer, „Der Untergang der ‚Deutsch-Französischen Jahrbücher‘ und des Pariser ‚Vorwärts‘“, in: Archiv für de Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, Leipzig, 1913, S. 421

6 Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 403,
Nr. 17944

7 Bert Andréas, Jacques Grandjonc, Hans Pelger, „Karl Marx‘ Ausweisung aus Paris und die Niederlassung von Marx und Friedrich Engels in Brüssel im Frühjahr 1845“, in: Studien zu Marx‘ erstem Paris-Aufenthalt und zur Entstehung der Deutschen Ideologie, Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Nr. 43, Trier, 1990, S. 234

8 MEW, Bd. 5, S. 382

9 Bert Andréas, Marx‘ Verhaftung und Ausweisung Brüssel Februar/März 1848, Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Nr. 22, Trier, 1978, S. 84

10 Kurt Koszyk, Karl Obermann, Zeitgenossen von Marx und Engels. Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1844 bis 1852, Van Gorcum, Assen/Amsterdam, 1974, S. 76

11 Mega III/1, S. 517

Romain Hilgert
© 2018 d’Lëtzebuerger Land