Die kleine Zeitzeugin

Pandämon hat uns im Griff

d'Lëtzebuerger Land vom 10.04.2020

Hin und wieder, während die Tage ins Land ziehen, die auch noch immer unverschämt länger werden, das Wasser die Mosel herabfließt, und die Sauer, und die Alzette, und die Gander, ich kann sie alle aufzählen, muss grad nirgends dringend hin, in der Apotheke war ich schon. Hin und wieder was ...? Ist mir grad entfallen, war wohl nicht so dringend.

Um nicht zu sterben, stellen wir uns tot, der Klassiker, Trick Numero one, hoffentlich klappt er. Bevor wir alle zusammenklappen oder in der Klapsmühle landen. Bevor wir uns wegdesinfiziert haben. Hin und wieder öffnen wir ein verklebtes Auge, es ist noch nicht einmal das dritte, wo bleibt die Erleuchtung? Noch alles da, von Kopf bis Fuß, seid ihr noch alle da, ihr Körperbestandteile? Noch nix desertiert? Weil es nicht genug Anreize gibt. Dennoch sind wir zunehmend gereizt. Schnauben den entzückenden Menschen an unserer Seite, wie man so sagt, an. Dabei dachte man, man würde jetzt endgültig zusammenrücken, wann, wenn nicht jetzt, und sich nicht mal erdrücken. Die Chance, die geheimen Schätze im Schatz zu entdecken, endlich, nach so langer Zeit. Jede Krise birgt eine Chance. Oder die, die einen solchen Schatz nicht parat haben, entdecken, noch besser, sich selber, den Lieblingsmenschen, wie es ja seit Jahren so überzeugend heißt. Ich bin der Mensch meines Lebens! Jetzt aber total! Und der haut bestimmt nicht ab.

Leider neigen manche zum Gr-Übeln, zum Flippen sowieso, die Facebook-Freund_innen hingegen haben es so was von drauf. Sie empfehlen Yoga oder meditatives Kochen, jetzt sei der Moment, wann, wenn nicht jetzt? Es ist ja jetzt überhaupt immer Jetzt, was denn sonst, so eine Jetzt-Dosis haben die meisten noch nicht abbekommen. Häute

also Schwester Zwiebel und Bruder Knoblauchzehe, hack sie fein klein, natürlich nicht ohne dich bei ihnen zu entschuldigen, dann steht der Versenkung im Eintopf nichts mehr im Wege. Aber ähm, muss ich meine Mitgeschöpfe desinfizieren? Wie oft? Und mich vorher nachher? Ich habe sie angefasst! Muss ich das Desinfektionsmittel desinfizieren?

Die Facebook-Freund_innen machen was Positives, das Beste draus. Stochern in der Erde. Ist der Regenwurm nicht befalle? In der Bronx wurde ein Tiger positiv getestet. Das läuft auf BBC die ganze Zeit im Untertitel, während das Spital im Bild ist, in das Boris Johnson gerade eingeliefert wird.

Wir starren auf Zahlen, die aber Menschen sind, die aber immer relativ sind, schon müssen die Mathematiker_innen ran. An den Lippen der Virolog_innen hängend, hoffen wir auf Lebensurteile, wenn sie sie nicht verkünden, ziehen wir zum nächsten Anbietenden, vielleicht hat der oder die Besseres zu bieten. Nämlich ein Leben wie vorher bitte, wie toll das doch war!, schnell bitte. Alles wird wieder gut. Die Jungen und Junggebliebenen knutschen auf der Parkbank, niemand nennt die Junggebliebenen mehr Risikogruppe, mit jugendlichem Elan steigen sie in Flugzeuge, die sie an ein Kap oder einen Pol bringen. Kinder tollen herum, alle finden das jetzt toll, die Alten werden von ihren Liebsten freudig heimbesucht, die Pflegeheime werden gestürmt. Alle dürfen wieder arbeiten, und die super Systemerhalter_innen sind endlich wieder Supermarktangestellte, Busschauffeur_innen, Pfleger_innen.

Ein deutscher Chefvirologe ist beleidigt, er würde medial als Karikatur hingestellt. und will uns, die wir nach einem Erlöser lechzen, medial sitzen lassen. In Österreich verkündet der holde Knabe Kurz anlässlich seiner letzten Erscheinungen die Auferstehung nach Ostern. Friede, Freude, Eiersuchen? Eitel Wonne? Ein bisschen eitle Wonne schon, aber dass Insass_innen sich jetzt um den Hals fallen dürfen wie nach dem Krieg oder auch nur mit den Liebsten osterspazieren, so war das dann doch bitteschön nicht gemeint. Die kleinen Geschäfte sperren mal auf.

So schlurfen wir in ausgeklügelten Manövern aneinander vorbei, huch, weiche, Mensch!, mit gesenktem Blick wie einst Zöglinge von Klosterschulen. So paddeln wir in unsern Zeitblasen vor uns hin, hin und wieder aneinander vorbei in einer voll sterilisierten hyperbunten Teletubby-Frühlingswelt. Hin und wieder erhebt jemand ermattet die Hand. Winken ist erlaubt.

Michèle Thoma
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