Überall Pestizide

Grenzwertig

d'Lëtzebuerger Land vom 24.10.2014

Was man nicht alles findet, wenn man sucht oder untersucht – besser man lässt es. Es ist ja auch keinesfalls schlimm, nicht wie in Afrika oder in den Favelas, es bricht nicht sofort irgend etwas aus, es werden wahrscheinlich auch keine Wesen mit zu vielen oder zu wenigen Gliedmaßen geboren deswegen. Es sind nur die Grenzwerte ein bisschen überschritten, was eigentlich nicht viel bedeutet, man kann sie dann einfach multiplizieren. Zum Beispiel mal dreißig, so viel ist das auch nicht. Das ist überhaupt nicht grenzwertig, das ist einfach nur Zeichen einer gesunden Flexibilität, Sie Öko-Grüblerin-Tante!

Es gibt so viel Wasser in Luxemburg, wie begnadet sind wir eigentlich? Auch wenn wir zu unserm Glas Wein hier leider kaum je ein großzügiges Glas mit gratis Leitungswasser dazu bekommen wie in manch gastfreundlicherem Land. Das Himmelswasser strömt uns gratis und ausnehmend spendabel zu. Überall bemurmeln, beplaudern, beplätschern uns Bächlein, Flüsslein, Quelllein. Wir haben sogar die besten Badegewässer der EU, bitte schön, wer hätte das gedacht? Die Zeitzeugin sicher nicht, die immer wieder, wenn die verwegene Lust sie überkommt, in ein Gewässer, ein fließendes, zu schlüpfen, mit großem Andiestirngetippe der Mitmenschen konfrontiert wird. Der Großvater ist in der Alzette geschwommen, Melusina auch, warum ich nicht? Das erscheint den meisten Mitmenschen kindisch, wo es ja auch, und das ist wahr, Wellness-Tempel gibt, olympische Hallenbäder und das Juwel in der Bädergasse. Aber millionenjährigen Schlamm zwischen den Zehen, hin und wieder eine gut genährte Stadtratte im Gegrün, die Kulisse der Festungsstadt im glückseligen Auge ... ist das nichts? Wahrscheinlich nichts, mit dem sich Wahlen gewinnen ließen, es gibt ja wahrlich andere Probleme.

Schon in den Achtzigerjahren war es der Zeitzeugin aufgefallen, dass es auf dem so genannten Lande, da wo die Kirche mitten im Dorf steht und große, starke Traktoren vor den Bauernhöfen posieren, erstaunlich viele junge Bauernwitwen gab. Die Bäuerinnen murmelten dann was von Spritzen. Die Bauern waren zwar keinesfalls Junkies gewesen, sondern nur hochgerüstet über Feld und Flur gezogen, um allem, was sich da illegal herumtrieb, den Garaus zu machen. Sie schützten die Ähren und die Saat des Guten. Leider trugen sie weder Schutzanzüge noch Masken, sie verkehrten ungeschützt in der Natur. Zeitgenossinnen, die vielleicht überreagierten, verkrochen sich vor den Giftgasangriffen mit ihren Nachkommen. Vor den süßlich riechenden Wolken, die machten, dass man sich etwas sehr seltsam fühlte oder komisch hustete.

So viele Jahre später, so viele Grüne später (bei denen doch bestimmt – in der guten alten Zeit war das ja so üblich – im WG-WC ein Plakat herumhing, auf dem der gute Indianerhäuptling mahnte, dass man Geld nicht essen kann. Und nicht mal davon gibt es mehr all zu viel!)... So, so viele Herbi-, Fungi-, Insekti-, aber keinesfalls Homizide später... kommt man auf einmal drauf. Wegen den Belgiern, können die nicht aufpassen. Wer hätte das gedacht. Welch eine Entdeckung! Auf was man alles stößt, wenn man hinschaut. Stille Wasser gründen eben tief. Aber jetzt wird strategisch vorgegangen und es wird einberufen und abkommandiert und analysiert. Aber nicht banalisiert. Großes Ehrenwort. Arbeitsgruppen werden gebildet und Aktionspläne geschmiedet und Risikoanalysen aufgestellt. Und Offensiven. Flächendeckend. Koordiniert. Und OMG eine Million Kubikmeter abgepumpt. Sage keiner, es würde nix geschehen.

Wobei unser Wasser keinesfalls gesundheitsschädlich ist, das wollen wir noch mal betonen. Hierzulande trinkt ja sowieso jeder Mineralwasser. Und auf RTL gibt der Grénge Jeannot indessen Tipps für den effektiven Heim-Krieger. Mit Giftgas in die Idylle!

Michèle Thoma
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