Scherzbolde

Holländische Alpen

d'Lëtzebuerger Land vom 26.08.2011

Heute loben wir die erfolgreichen Scherzbolde und Spaßmacher. Einen Witz wollte Thijs Zonneveld machen, als er vorschlug, in seinem Heimatland Holland sollte ein 2 000 Meter hoher Berg errichtet werden. Ein echter Berg, wohlverstanden, mit allem landschaftlichen Drum und Dran, mit Haarnadelkurven auf den steilen Straßen und Bergziegen an den schroffen Felsen, mit Wanderern, Kletterern, Grillbegeisterten, Drachenfliegern und Schifahrern. Nun, sein eigener Witz hat Herrn Zonneveld inzwischen überholt, oder kaltgestellt, wie man will. Viele Holländer nahmen den Scherz nämlich für bare Münze. Inzwischen unterstützen drei holländische Sportverbände ganz offiziell das Projekt. Was beweist, dass die geballte Intelligenz immer zuerst bei den Sportfunktionären zu finden ist. Und Herr Zonneveld ist vum Possenreißer zum seriösen Propagandisten seiner ehemaligen Ulkidee mutiert.

Das wollen wir ihm hoch anrechnen. Denn nichts steht den Niederlanden besser zu Gesicht als ein anständiger Berg. Wir kennen ja das deprimierende Phänomen. Kaum in Holland eingereist, packt uns sofort das grausige Flachland-Syndrom. Alles platt wie ein landgewordener Panekoeken, das hält man im Kopf nicht aus, diesen ständig linearen Horizont, da sind bald auch die Gedanken substanzlos und schlapp. Aber ein Berg beflügelt die Phantasie. Allein das Volumen eines Zweitausenders bringt uns auf die tollsten Ideen. Da dieser monumentale Berg erst gebaut werden muss, schlagen wir vor, ihn von vorneherein als Hohlkörper zu konzipieren. Außen das muntere, alpine Treiben, innen die riesige Leere. Moment! Wir sind ja noch nicht fertig mit unserem Vorschlag.

Wir sprechen hier nicht nur von einigen Tunnels und Kasematten, nein, ein gigantischer Leerraum sollte entstehen, einer, in den notfalls die gesamte holländische Bevölkerung hineinpasst, wenn sie sich kurzfristig unsichtbar machen möchte. Man weiß ja, der Meeresspiegel steigt, die Polder sacken ab, die Dämme werden brüchig, die Katastrophen sitzen den Holländern ständig im Nacken. Doch auch in katastrophenfreien Perioden kann man den hohlen Berg als multifunktionales Abfalllager nutzen. Da kann man alles verscharren und entsorgen, von den verbrauchten Brennstäben bis zum glühenden Parteiapparat des Herrn Geert Wilders. Hollands oberster Islamallergiker wäre bestimmt einverstanden, so tief wie möglich im Berg versenkt zu werden. Denn sollte sich der Berg wie erwartet zum internationalen Tourismusmagneten entwickeln, ist nicht mehr auszuschließen, dass sich an den Steilhängen bald auch gefährlich multikulturelle Gestalten aus dem höchst obskuren Ausland tummeln. Vielleicht bevölkern sogar schi- und schlittenbewaffnete Islamisten schamlos die verschneiten Pisten unter dem Gipfel. Wir möchten ja nicht, dass Herr Wilders vor lauter Ekel das Gelbfieber erwischt. Der innere Kern der Berges, leer und hohl wie er ist, wäre für ihn ein adäquater Standort: möglichst fern von den empörenden Realitäten, möglichst isoliert in der eigenen Großartigkeit.

Kein Zweifel, mit dem neuen Berg wird Holland innerhalb der EU wohl alle touristischen Rekorde brechen. Alle werden nach Holland strömen, um etwas zu erleben, das eigentlich gar nicht sein kann: einen artifiziellen Nederlandse Berg mit allen modischen Schikanen. Die holländischen Bergkonstrukteure werden also der EU, die längst in wilden Turbulenzen steckt, ein weiteres Ungleichgewicht bescheren. Wir Luxemburger sollten uns schnellstens überlegen, wie wir den kolossalen Attraktivitätszuwachs der Holländer kontern können. Hierzulande ist es völlig sinnlos, in die Höhe zu streben. Das bringt nichts, je höher wir uns hinaufbewegen, umso gründlicher kriegen wir was auf die Fresse. Wir sind einfach nicht für das Leben in höheren Sphären gemacht. Ein Berg, zum Beispiel ein stattlicher Viertausender, kommt also für uns leider nicht in Frage.

Aber wir können uns in die Tiefe bewegen. Dem staunenden Ausland könnten wir zum Beispiel ein tiefes Loch bieten. Wie wäre es denn, liebe Heimatfreunde, wenn wir mitten in unserem Land einen authentischen Grand Canyon bauten? Es sollte jetzt keiner kommen und behaupten, die Idee sei mit den Haaren herbeigezogen. Den Ansatz zum Grand Canyon gibt es ja längst in Luxembourg City. Zwar heißt er im Augenblick noch Péitrussdall, doch dieser abgrundtiefe Spalt, dieser aufgerissene Höllenschlund gleich unter dem Bischofspalast ist genau das ideale Fundament für einen höchst spektakulären, nationalen Grand Canyon.

Natürlich müssen wir das Péitruss-Loch ein bisschen ausweiten. Wir sollten beherzt in die Stadt hinein baggern und schneiden, bis hinunter nach Bonneweg und hinauf nach Limpertsberg. Je beeindruckender das Loch, umso beträchtlicher unser späteres Renommee. Die Einwohnerschaft wird kollektiv tiefergelegt, sie wird es kaum merken. Wir müssen nur aufpassen, dass unsere Banken nicht im Loch verschwinden. Schön malerisch aufgereiht am klaffenden Abgrund wirken sie noch tollkühner, als sie ohnehin sind.

Guy Rewenig
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