Auch Klein- und Kleinstlebewesen binden Kohlestoff, wenn wir ihnen die Chance dazu geben

Landwirtschaft und Politik in großer Bringschuld

d'Lëtzebuerger Land du 09.08.2019

Die älteren Autofahrer unter uns können sich vermutlich noch daran erinnern, wie nach etwa hundert Kilometern Autofahrt die Windschutzscheibe von „Mécken“ befreit werden musste. Die ersten eingebauten Wischwasseranlagen Mitte der Sechzigerjahre wurden begrüßt. Später gesellten sich dazu die Waschanlagen für die Scheinwerfer. Denn Fahrten in der Nacht zogen Fluginsekten besonders an, die mit ihren zerquetschten Körpern diese unnatürlichen Lichtquellen allmählich verdunkelten.

Heute kann man in lauwarmen Mai- und Juninächten bis zur Côte d’Azur fahren, ohne wesentliche Einschränkungen der Sicht durch an Windschutzscheibe und Scheinwerfern abgeprallte Insekten. An der verbesserten Windschlüpfrigkeit moderner Fahrzeuge liegt das nicht. Sondern daran, dass die Zahl der Fluginsekten in den letzten 30 Jahren dramatisch abgenommen hat – um bis zu drei Viertel, wenn man rezent publizierten Langzeitstudien glauben darf.

Wo sind diese Insekten geblieben? Was wurde aus ihren Körpern, aus dieser verschollenen Biomasse?

Die nicht mehr vorhandenen Fluginsekten, diese einst lebendige Biomasse, haben sich unter anderem durch aerobe Oxidation ihrer Körper in Kohlendioxid (CO2) oder durch anaerobe Fermentation derselben in Methan (CH4) verwandelt. Dieser Verlust an Biomasse, das heißt der einst im Kreislauf der Lebewesen gespeicherte Kohlenstoff, befindet sich momentan in Form von Kohlendioxid und Methan in der Atmosphäre. Zusätzlich zu jenen Treibhausgasen, die wir aus fossilen Brennstoffen in die Luft gepustet haben.

Durch diese fehlenden Insekten, ihre Larven und Eier als potentielle Nahrungsgrundlage für unzählige Insektenfresser höherer Rangordnung, wie Vögel, Reptilien oder Fische, fehlen nochmals etliche Milliarden Tonnen an lebendiger, kohlenstoffhaltiger Biomasse, da Beute und Prädator sich gegenseitig regeln. Das Resultat: abermals mehr klimaschädliche Kohlenstoffverbindungen jüngeren Ursprungs in der Atmosphäre. Einen ähnlichen Tatbestand kann man in unseren Ackerböden feststellen. Dort sind in den letzten siebzig Jahren rund vier Fünftel des gesamten Bodenlebens abhandengekommen. Dieser Verlust beziffert sich in unseren Breitengraden auf durchschnittlich etwa acht Tonnen Biomasse je Hektar Ackerfläche.

Da diese immensen Mengen an fehlenden Regenwürmern, Dungkäfern, sonstigen nützlichen Insekten, Pilzen, Flechten und Bakterien in Luft und Boden nicht mehr vorhanden sind, trug und trägt dieses massive Sterben unweigerlich zum Klimawandel bei. Ihre fehlenden Körper nehmen keinen Kohlenstoff (C) mehr aus ihrer potentiell sowohl pflanzlichen wie auch tierischen Nahrung auf, um wiederum lebendige Biomasse in Form von Kohlenwasserstoffketten (CH – CH – CH – …) zu bilden und so Carbon (C) zu speichern.

Wissenschaftler auf der ganzen Welt führen das auf zwei Hauptgründe zurück: die betriebsmittelintensive Landwirtschaft durch das systematische Ausbringen chemischer Dünger, durch immer großflächigere Monokulturen und die damit einhergehenden Flurbereinigungen sowie den steigenden Einsatz von Pestiziden. Durch diesen so genannten technischen Fortschritt in der Landwirtschaft ging das Blütenangebot als Nahrungsgrundlage für die meisten Insekten drastisch zurück. Hinzu kam, dass durch hochtoxische Insektizide aus der Wirkstoffgruppe der Neonicotinoide vielen Insekten jede Überlebenschance genommen wurde. Neonicotinoide sind Nervengifte, die unter anderem zum Beizen der Samenkörner beim Raps- und Maisanbau genutzt werden. Der Einsatz einiger davon wurde verboten.

Das Bodenleben wurde durch die ständige Zufuhr mineralischer Dünger mit der Zeit arbeitslos, da das Abbauen der immer geringeren Mengen an zurückgeführter, organischer Materie sich erübrigte. Das tiefe und regelmäßige Pflügen stellte die Bodenflora und -fauna im wahrsten Sinne des Wortes fast jährlich auf den Kopf, was ihr Ableben nochmals beschleunigte.

Was tun?

Eine neue Studie der ETH Zürich sieht in der Aufforstung das wirksamste Mittel, um gegen den Klimawandel vorzugehen. Bis zu zwei Drittel der vom Menschen gemachten CO2-Emissionen könnten damit aufgefangen werden. Alle grünen Pflanzen sowie etliche Algen binden beim Auftreffen des Sonnenlichts auf ihre Blätter beziehungsweise Körperzellen durch den ihnen inhärenten Prozess der Fotosynthese das atmosphärische Kohlendioxid (CO2) und den Wasserstoff (H2) aus dem Wasser (H2O) zu Zucker (C6H12O6) und geben dabei Sauerstoff (O2) ab.

Dieser biochemisch synthetisierte Zucker bildet als umgewandelte Sonnenenergie den Nahrungs- und Ausgangsstoff für den Aufbau der Pflanzen (Flora) und in der nächsthöheren Stufe für den der Tiere (Fauna), zu denen auch die vielen Insekten und das reichhaltige Bodenleben gehören. Dieses sowohl in Bäumen als auch im Kreislauf der Billiarden an Organismen einzubindende Carbon kann der Atmosphäre dauerhaft entzogen werden.

In der Landwirtschaft, im Gartenbau und im Weinbau sind dazu tiefgreifende Änderungen an der täglichen agronomischen Praxis erforderlich. Die Politik ist gefordert, entsprechend klare Ziele zu formulieren und die notwendigen Weichen zu stellen. Angesichts des akuten ökologischen und klimatologischen Notstandes grenzt das leidige Geplänkel um die bis 2025 auf (nur) 20 Prozent Bioanteil zu erweiternde Nutzfläche in Luxemburg an ein völlig verantwortungsloses Verhalten unserer Regierung, der betreffenden Ministerien, ihren Verwaltungen, der Landwirtschaftskammer und den drei Bauerngewerkschaften.

Letztere monieren unisono die zu teuren Bioprodukte und den angeblich begrenzten Absatz für die einheimisch erzeugte Biomilch. Daran zeige sich das Risiko einer erzwungenen Ausrichtung hin zu 20 Prozent Biofläche im Bio-Aktionsplan. Jetzt schon fehle der erforderliche Absatzmarkt. Dass die konventionell, mit weitgehend importierten Betriebsmitteln wie Saatgut, Dünger, Trockenfutter- und Pflanzenschutzmitteln erzeugte Milch und Milchprodukte zu 80 Prozent exportiert werden müssen, wird niedergeschmettert mit der Aussage: „Dafür besteht der Weltmarkt bis nach China!“ Dass die Kosten für das Abfedern und Beseitigen der vielen Kollateralschäden, die mit diesen raubbauenden, lebenszerstörenden, natur- und umweltbelastenden Produktionen einhergehen, die Allgemeinheit trägt, wird wissentlich oder unwissentlich verschwiegen. Höchst befremdend von einem Berufsstand, der Leben aufbauen müsste, statt es vollmundig und großflächig zu zerstören.

Der stupide Monolog mit zwar markanten, aber aus dem Kontext gerissenen monokausalen Darstellungen, wie er zurzeit in der fragwürdigen Aktion der Junglandwirte „Fro de Bauer“ angeregt und ausgelegt wird, zeigt, wie weit sich auch und besonders die jungen Landwirte von ihrem eigentlichen Beruf entfernt haben. Dass es anders geht, beziehungsweise gehen muss, zeigen viele Projekte auf der ganzen Welt und nicht zuletzt auch in Luxemburg. Beim Haus vun der Natur in Kockelscheuer werden zurzeit auf 2 000 Quadratmetern landwirtschaftlich genutzter Fläche (so viel steht jedem Erdenbürger zur Verfügung) die Zusammenhänge zwischen unseren Ernährungsgewohnheiten, der dazu nötigen landwirtschaftlichen Fläche und dem Umweltschutz anhand eines Feldes dargestellt. Es soll zeigen, dass eine Ernährung auf Basis unserer natürlich verfügbaren Ressourcen möglich ist. Auch ohne Chemie. Das Projekt soll den Wert des lokalen Anbaus von Feldfrüchten, Gemüse und Obst für unsere Ernährung verdeutlichen.

Des Weiteren wird gezeigt, dass in unserer Grünlandregion die Rinderproduktion ein wesentliches Bindeglied zu den Ackerkulturen darstellt. Die Fruchtbarkeit der Ackerböden wird durch die organischen Dünger aus der graslandbasierten Tierhaltung gefördert. So liefert Kuhdung in Form von Mist und Gülle als Dünger einen wichtigen Beitrag für die Ackerkulturen, um Stickstoff und andere Nährstoffe im landwirtschaftlichen Kreislauf zu halten, die natürliche Bodenfruchtbarkeit zu bewahren und mineralische Dünger überflüssig zu machen.

Fast noch wichtiger ist der Befund, dass auf einer solchermaßen landwirtschaftlich und gartenbaulich im biologischen Sinn höchst effizient, weil ökologisch intensiv genutzten Fläche bis zu 20 Billiar-
den Klein- und Kleinstlebewesen auf 2 000 Quadratmetern leben können, die zusammen rund zwei Tonnen wiegen: Billiarden an Mikroorganismen, Milliarden Pilze, Algen und Einzeller, Millionen Faden- und Borstenwürmer, Springschwänze und Milben, knapp eine Million Tausendfüßler und Käfer, zigtausende Ameisen, Asseln, Spinnen und natürlich Regenwürmer. Von ihnen leben dann vermehrt Maulwürfe, Mäuse und Vögel, während Bienen, Hummeln und Schmetterlinge sich an den Pflanzenblüten regalieren. Dabei kann viel Kohlendioxid aus der Atmosphäre in den Kreislauf der Natur zurückgeführt werden.

Unsere Nahrung muss eben aus einem verantwortungsvollen und innovativen Umgang mit Boden, Wasser und Luft hervorgehen – sozusagen als Nebenprodukt der ökologischen Kreisläufe. Landwirte, Gärtner und Winzer sollen keineswegs mehr mit einseitigen, zum Teil kontraproduktiven Auflagen in ihrem geistigen und faktischen Schaffen gebremst werden. Ihre Betriebe sollen sie selbst so ausrichten können, wie Scholle, Mikroklima und Markt es zulassen. Für das Einbinden und Sequestrieren von Kohlenstoff zum Beispiel stellen die Landwirte fortan eine Rechnung aus. Zusätzlich zu ihren Erzeugnissen und anderen Dienstleistungen für die Allgemeinheit. Dazu muss die Politik die entsprechenden Weichen stellen.

Künftig führen nur noch diplomierte Landwirtschaftsmeister die Betriebe, Gartenbau- und Weinbaubetriebe inklusive. Sie werden gehalten, mittels mittlerweile gängiger Hoftorbilanzen, Lebenszyklusanalysen, Düngeplänen, Bodenproben und Spatenstichdiagnosen die biologische Effizienz ihres Schaffens in dem jeweils gegebenen ökologischen Milieu zu evaluieren, beziehungsweise evaluieren zu lassen. Alle Betriebe verbessern im mehrjährigen Mittel ihre Ergebnisse stetig mit dem Ziel, bei der Erzeugung der Lebensmittel ausgeglichene Nährstoffbilanzen, eine positive Gesamtenergiebilanz, eine positive Humusbilanz (für die dauerhafte Carbon-Sequestrierung) und eine Verbesserung der Futterautarkie zu erzielen, mit einer Null-Toleranz bei der Toxizität aller eingesetzten Pflanzenschutzmittel.

Undifferenzierte Flächenprämien sind passé. Jeder Betriebswirt erhält ein Grundgehalt für sein innovatives, ganzheitliches Können zur Produktion gleich welcher Lebensmittel und ökologische Leistungen seiner Wahl. Das umweltrechtliche Verursacherprinzip des „Pollueur-payeur“ und das „True Cost Accounting“ sind europaweit eingeführt. Der Markt regelt sich selbst mittels einer einheitlich transparenten Kennzeichnung aller Produkte.

Unsere Landschaft wird blühender, unsere Böden fangen wesentlich größere Mengen an Regenwasser auf, halten es zurück oder stellen es in Trockenperioden bereit. Hecken und Agrarforstanlagen zum Nisten von Vögeln und zum Beherbergen sonstiger natürlicher Schädlingsbekämpfer werden angepflanzt. Weniger Kühe fressen mehr Gras und weniger aus fernen Ländern importierte Futtermittel und erzeugen dabei weniger Milch für den Export. Getreide- und Gemüseanbau werden ausgebaut. Kleinere Maschinen verbrennen weniger fossilen Sprit und kompaktieren deutlich weniger den Boden. Unsere Oberflächengewässer und unser Quellwasser sind weit weniger belastet. Die jetzigen, unbrauchbaren 50 000 Kubikmeter Trinkwasser pro Tag, die zu hoch belastet sind, als dass eine Aufbereitung möglich wäre oder sich lohnte, werden genutzt.

Solchermaßen hergestellte (Bio-)Produkte erscheinen jetzt preiswerter, konventionelle sind abschreckend teuer. All dies durch den Einsatz der aufgeschlossensten, wissbegierigsten, gewissenhaftesten und lernwilligsten Meister ihres Fachs, unserer Bauern, die ihre sprichwörtliche Schläue, Spitzfindigkeit und Intelligenz zum vorteilhaften Nutzen aller natürlich vorhandenen Prozesse einsetzen. Welch ein Berufsbild!

Die Voraussetzung für ein solches freies, lebensbejahendes Wirken und Handeln der Landwirte ist eben ihre vom Markt und der Politik weitgehend unabhängige finanzielle Absicherung durch ein Grundgehalt. Gut 50 000 Euro stehen pro Betriebsleiter und Jahr bereit. Das Budget dazu muss nur umgeschichtet werden.

Solange aber mit der großflächigen Zerstörung unserer Umwelt richtig viel Geld verdient wird und deren Erhalt absolut keinen direkt einsehbaren geldlichen Mehrwert, beziehungsweise Bruttoinlandsprodukt erzielt, wird der hier beschriebene, absolut machbare Weg hin zu einer klimaneutralen Landwirtschaft für die nächste Generation Wunschdenken bleiben. Ihre Dieselfahrer werden weiterhin ohne Zwischenstopp nach Südfrankreich fahren können. Leider auch in lauwarmen Mai- und Juninächten.

Jean Stoll ist Agraringenieur. Sein Artikel ist ein Beitrag zu einer Land-Serie über Klimapolitik. Die ersten beiden Artikel der Serie sind in den Ausgaben vom 19. Juli und 2. August erschienen.

Jean Stoll
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