Die kleine Zeitzeugin

Luxemburg hat einen Vogel

d'Lëtzebuerger Land vom 09.02.2018

Wieder ein Luxemburg-Märchenfilm, ein sehr berührender, das muss man zugeben. Mit sehr lieb schauenden Hauptdarsteller_innen, und einem wirklich lieben Vogel, der auch ein Hauptdarsteller ist.

Der Plot ist einfach verständlich und zugleich selbstverständlich symbolkräftig. Ein liebes Mädchen bastelt in einem Fünfzigerjahre-Kinderzimmer einen Vogel aus Papier. Sie tritt mit ihm ans Fenster ihres Hauses in der luxemburgischen Altstadt, und siehe, der Vogel fliegt. Davon natürlich, glücklich staunend kulleräugig schaut sie ihm hinterher. Er kommt nicht weit, im erstbesten Fenster gegenüber fliegt er rein, schon liegt er auf dem Schnabel. Glück im Unglück, in dieser Werkstätte hobelt gerade ein Mann mit mächtigem gallischem Schnauzbart inbrünstig herum. Ohne Federlesens hebt er Elendshäufchen auf und werkt werktätig. So eine gute Pinocchio-Vater-Ausstrahlung geht von ihm aus, schon ist Federvieh neu, aus Holz, mit in Rücken implantiertem Schlüssel, wie einst modernes, hysterisch durch Kinderstuben wackelndes Blechgeflügel.

Vögelchen flieg, raus mit dir, gerührter Mann am Fenster, gerührter Mann winkt gerührtem Mädchen am Fenster zu, in Kinderfilmen darf Mann das noch. Vogel fliegt über Brücke und Fluss, an goldenen Safes vorbei, die in der Märchenlandschaft stehen, zwar ohne Schlüssel. Und wieder steht ein Fenster offen, diesmal ist die Szenerie aber eine vollkommen andere. Wesen in weißen Kitteln, es handelt sich möglicherweise um besonders fortschrittliche Wesen, um Roboter_innen, sie schauen nämlich ausnahmslos sehr menschlich drein, scharen sich um den Newcomer. Sie verfügen über diverse dezente Hautfarben und die üblich getragenen Geschlechterinnen, ein Wesen mit Behinderung ist auch an Bord. Alsbald operiert der gute alte Onkel Doktor mit seinem mächtigen, eisweißen Schnauzbart im Rasierpinsellook, assistiert von dem engagierten, ebenfalls wohlwollend schauenden Team. Hinter dem uns vor vielleicht verstörenden Einsichten schützenden Doktorbuckel muh-tiert Vögelchen.

Und wieder frei, frei wie ein Vogel, frei wie ein Gedanke. Sonnenenergetisch stark, wenn auch in etwas konventionellem Blech und Kunststoff bunt schillernden Outfit zieht Vogel jetzt fit über eine angenehm gewellte Landschaft. Eine malerische Burg und stramm stehende Reben erfreuen das Auge. Ansonsten ist es perfekt aufgeräumt, nichts Störendes steht unbeholfen herum, weder grelle Wohnboxen noch altmodisches Getier, das wird hier pragmatisch gleich aufgegessen. Es ist ziemlich leer, Menschen wimmeln nicht herum, niemand hängt rum oder stürzt sich von einer Brücke oder macht sonst was. Es gibt nicht mal Autos in diesem Land, es muss sich um ein sehr fortschrittliches Land handeln.

Aber doch immer auch menschlich. Vögelchen, der jetzt ein Vogel geworden ist, pausiert auf dem Tisch einer Familie, die nicht ganz so ekstatisch wie die legendäre Rama-Familie wirkt, aber dafür mehr Contenance aufweist. Das mit Krawatte dekorierte Familienoberhaupt hält etwas starr etwas Buchartiges in der Hand, das Pferdeschwanz-Mädchen, das gleiche wie vorhin, notiert etwas, scheint sich um ein motiviertes Kind zu handeln. Mutter sitzt nur so da. Dann passiert etwas, das Familiendenkmal bekommt Besuch. Ein gefiederter Freund! Er ist wieder da! freut sich das liebe, gescheite Mädchen. Aber natürlich hält es ihn hier nicht, er ist zu Höherem geboren.

Kommt ein Vogel geflogen … Ein erbaulicher Kinderfilm also mit nicht allzu verwirrenden Hauptdarsteller_innen, beruhigenden Schnurrbart- und Krawattenträgern und besinnlichem Familien-Stillleben und nicht allzu verwirrenden Aussagen. Global heißt schließlich nicht chaotisch.

Das brandneue Nation Branding-Gleichnis von Oscar-Preisträger Witz mit der Message an die Welt wartet natürlich nicht mit Raubvögeln aus dem Raubtierkapitalismus auf. Schurk_innen und Bösewichte wie in klassischen Märchen gibt es hier nicht, auch kein Happy End. Das ist gar nicht notwendig, hier ist alles happy. Heißt ja auch „Let’s make it happen“. Nur was?

Michèle Thoma
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