Binge-watching

Das Schicksal ist alles

d'Lëtzebuerger Land vom 26.06.2020

Ende des 9. Jahrhunderts besetzen die Dänen die angelsächsischen Königreiche von Northumbrien, Mercien und Wessex. Die gewaltvollen Überfälle werden von Historikern gern in einem größeren Kontext betrachtet, denn im Grunde geht es nicht allein darum, eine heidnische Gefahr für die eigene angelsächsische Existenz abzuwenden, es geht um das Werden einer gesamten Nation. Basierend auf den historischen Romanen der Saxon-stories des britischen Bestseller-Autors Bernard Cornwell begründet die auf Netflix abrufbare britische Serie The last kingdom in besonderer Weise, dass gut geschriebene Charaktere und die gewissenhafte Übernahme des literarischen Stoffes keine Fragen des Budgets sind – die Autoren von Game of thrones hätten davon lernen können.

Im Mittelpunkt von The last kingdom steht der Werdegang des angelsächsischen Kriegers Uhtred von Bebbanburg (Alexander Dreymond), der bei den Dänen aufwuchs und durch einen Schwur an den König von Wessex, Alfred den Großen (David Dawson), gebunden wird. Unter dessen Befehl soll er die Pläne für ein vereinigtes englisches Königreich auf dem Schlachtfeld verwirklichen und die heidnischen Eindringlinge vertreiben. Parallelen zur kanadischen Serie Vikings lassen sich, trotz der invertierten Erzählperspektive, umstandslos anschlagen. Manche Figuren sind sogar identisch. Die britische Serie ist aber seinem Authentizitätsanspruch – besonders auffallend sind da die Formationen im Schildwall oder die altertümlichen Stadtnamen – stärker verpflichtet, als Vikings das jemals sein möchte. Für diesen Krieger Uhtred sind die Tugenden eines Ehrenmannes prägend: Treue, Respekt, Autonomie. Er ist der tatenreiche Held, nicht nur weil er sich behauptet, sondern weil er sich hingeben kann für die Sache. Er weiß das Nötige zu tun, sich der List zu bedienen, um zu den Zielen zu gelangen. Jedoch sind es seine persönlichen Interessen und Verwicklungen, die für Uhtred oft am Beginn der Konflikte stehen; seine Rachegelüste, sein Eigennutz, seine Verfehlungen destabilisieren den ohnehin schon brüchigen Frieden und lösen noch mehr Gewalt aus. Im weiteren Handlungsverlauf übernimmt aber die Tochter des Königs, Æthelflæd (Millie Brady), immer mehr Einfluss und beweist dabei ein weibliches Geschick in der Diplomatie. Und tatsächlich ist dies neben dem Schwert die einzige Waffe, die in dieser harten Welt zur Verfügung steht, um dieses Projekt des Vereinten Königreichs zu realisieren: die Kommunikation.

Der Verrat, die Vorspiegelung von Gemeinschaft zum Zwecke des eigenen Vorteils, das Misstrauen gegeneinander und die daraus erwachsende Bereitschaft, jeden noch so listigen Trick gegenüber dem anderen anzuwenden, sind Ausdrücke eines großen Machtkampfes in der Entstehungsgeschichte dieses Englands, in dem Uhtred sich bewegt. Er dient sich selbst und der Sache, er ist ein zutiefst in sich hin- und hergerissener Mensch. The last kingdom zeigt ferner, wie diese Gesellschaft zusammenwächst, ihre inneren Widersprüche zurückgedrängt werden, wie egoistische Menschen das gemeinsame Ziel mehr und mehr als Bindeglied begreifen und für das große Gefühl der geschlossenen Gemeinschaft eintreten. Die Frage nach dem Kampf um den Herrschaftsanspruch des Landes verbindet sich für den Helden so aber auch mit der Frage nach der eigenen Identität: Wem ist dieser Uhtred, Sohn eines angelsächsischen Fürsten und Mündel eines Wikingerführers letztendlich zugehörig?

In groben Zügen ist die 2015 gestartete und immer noch andauernde BBC-Serie auch in der Folge des Brexit-Verfahrens zu lesen, als ein Ausdruck einer geteilten Nation, die nach Stabilität und Einigkeit strebt. Nicht umsonst lädt die Serie seine Bilder auch mit pathetischer und mitunter fast schon sakralen Musik auf, findet prachtvolle Landschaftsaufnahmen. Das ganze Geschehen steht unter dem großen Zeichen der gottgewollten Vorsehung, denn wie heißt es wiederkehrend in The last kingdom: Das Schicksal ist alles. Marc Trappendreher

Marc Trappendreher
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