Die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Alle lieben Dora

d'Lëtzebuerger Land du 03.02.2005

Meine Dora. Deine Dora. Dora ist für uns alle da. Die Mutter und ihr Chef, der Gemüseverkäufer, sagen ihr, sie müsse sich immer schön sauber waschen, und sie tut es. Der feine Herr, der Parfüm verkauft, sagt ihr später, sie solle es nicht mehr tun, und Dora wäscht sich eben einfach nicht mehr. Dora war ein schwieriges Baby, hat immerzu wie am Spieß geschrieen, darum ließ die Mutter sich von einem Arzt raten, sie doch auf Psychopharmaka zu setzen, kaltzustellen sozusagen, und Dora wird zum Gemüse. Und arbeitet bei einem Gemüsehändler. Doch irgendwann, als Dora sechzehn ist, weiß niemand so recht, was für ein Mensch sie ist. Die Mutter beschließt, das Wesen das sich unter den Beruhigungsmitteln verbirgt- "hinter dem Vorhang aus Chemie / in all den Jahren der Lethargie" - kennen zu lernen. Und setzt, unter Mithilfe eines neuen, peinlich korrekten Arztes, die Medikamente einfach wieder ab. Und es funktioniert: Nach und nach taut Dora auf und kann endlich sagen, was sie hasst - die dämlichen Froschmärchen, die ihre Mutter beim Schlafengehen vorspielt - und was sie mag: Miniröcke lieber als Hosen. Und Sex! Dora entpuppt sich als überaus sexbesessen, will immer nur ficken, ficken, ficken. Das sei nichts Böses, hatte der verständnisvolle, peinlich korrekte Arzt (Tom Leick) sie aufzuklären versucht, doch irgendwann beschließt er dann mit Doras Familie zuerst eine Abtreibung und dann eine Zwangssterilisierung. Lukas Bärfuss' 2003 in Basel uraufgeführte Stück Die sexuellen Neurosen unserer Eltern handelt von Kindesmissbrauch und von sozialer Norm - wer ist normal, und was ist abnorm? -, von der Scheinoffenheit der Alt-68-er und den Grenzen ihrer Toleranz. Dora - als Vornamen wählte Bärfuss sicher nicht zufällig denjenigen, den Siegmund Freud seiner berühmtesten Patientin gab - hat keinen eigenen Willen. Sie will nur, dass alle sie lieben, sie will sich so benehmen, wie es andere von ihr verlangen. Ihre Passivität treibt ihr Umfeld in Rage, ihre Eltern zur Verzweiflung. Dora kennt keine Scham, Sozialkodizes zu erlernen, blieb ihr vorenthalten, da sie während jener Zeit quasi auf Autopilot lief. Dora kennt keine Würde - "Würde ist sein im Konjunktiv", urteilt irgendwann die Mutter -, darum funktionieren keine gesellschaftlichen Barrieren bei ihr. Dora ist eine junge Frau, doch ihr Selbstbewusstsein und ihr Wissen um die Welt sind die eines Kindes. "Willkommen in der Welt!", grüßt ihre Mutter sie, "Willkommen in der Welt des Schmerzes!" singen, kontrapunktisch und vom Band, Christian und Michael. Regisseur Franz-Josef Heumannskämper - der Popregisseur schlechthin auf Luxemburger Bühnen -, schien sich der Gefahren des Stückes bewusst: zu schnell kann das Thema auf der Bananenschale des Gutmenschentums ausrutschen, zu groß tut sich der Graben des Pathos und des Kitsches vor ihm auf. (Ist sie nicht schlimm, diese unsere Gesellschaft, die ihre behinderten Mitmenschen so schlecht behandelt?) Also greift Heumannskämper wieder in seine große Trickkiste mit den Popaccessoires und dem Humor und unterzieht das Stück einer radikalen Wurzelbehandlung, genannt Mehrfachkodierung. Während der Bühnenumbauten laufen Tierfilme, bald friedlich, bald abstrus, bald romantisch, dann wieder erschreckend. Daneben benutzt er Musik, von Techno bis Schlager, um Stimmungen zu schaffen und die Aussagen des Textes entweder zu untermalen oder sich ihnen zu widersetzen. Bei Bärfuss gibt es keine Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Norm und Abnorm, zwischen Opfer und Täter, und Heumannskämper unterstreicht diese Subtilität noch. Die sexuellen Neurosen unserer Eltern lebt jedoch hauptsächlich von der beeindruckenden Schauspielleistung der Dora-Darstellerin Elena Meißner: Während fast zwei Stunden nimmt sie die  Bühne ein, zuerst als total abgetretenes Gemüse, dann als hyperaktives Biest, das sich während der Untersuchungen über den Gynäkologenstuhl rollt wie ein Affe, dann wieder in Unterwäsche auf dem Rücken des perversen feinen Herrn reitet oder, wie anfangs, minutenlang am Boden liegt und wie am Spieß schreit. Ihre Dora ist perfekt, immer liebenswürdig, immer so grenzenlos frei, dass sie es glaubhaft fertig bringt, den Spieß umzudrehen und ihr Umfeld in den Wahnsinn zu treiben.

Die sexuellen Neurosen unserer Eltern von Lukas Bärfuss, Regie und Ausstattung: Franz-Josef Heumannskämper, Assistenz: Marion Rothaar; Dramaturgie: Anik Feit; Licht: Magnus Rösch; mit: Elena Meißner, Doris Plenert, Serge Tonon, Tom Leick, Daniel Plier, Josiane Peiffer und Joachim Paul Assboeck; Produktion: Les théâtres de la Ville de Luxembourg. Letzte Aufführung heute abend, 4. Februar, um 20 Uhr im Kapuzinertheater. Karten können unter Telefon 47 08 95-1 bestellt werden.

josée hansen
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