Binge watching

Die Seele als USB-Stick

d'Lëtzebuerger Land vom 03.07.2020

In dieser dystopischen Zukunftsvision, die Altered Carbon abbildet, könnten die Besitzverhältnisse nicht ungleicher sein: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer armer. Hochglanz-Bilder der Interieurs der High society wechseln sich ab mit denen des verschmutzten und überbevölkerten Großstadtmolochs. Regen und ewige Nacht, sowie Neon-Lichtreklamen prägen das Straßenbild. In dieser Welt bewegt sich Held Takeshi Kovacs (Joel Kinaman); der ehemalige Elitesoldat wird von dem mächtigen Laurens Bancroft (James Purefoy), einem dieser ganz reichen „meths“, angeheuert, um dessen Tod aufzuklären. In der Welt von Altered Carbon ist nämlich der Traum vom ewigen Leben wahr geworden: In der Zukunft des 25. Jahrhunderts muss niemand mehr sterben. Wer es sich leisten kann, kann sein Gedächtnis via Speichermedium einem anderen Körper implantieren, auf dem das Bewusstsein für die Ewigkeit gesichert ist. Bancroft selbst kann sich an die Tat nicht mehr erinnern – seine Erinnerungen sind nicht existent, da sein Stack bei dem Mord zerstört wurde. Nur aufgrund eines Back-Up seines Bewusstseins, das nun in einen mit Hilfe seiner DNA geklonten Körper eingesetzt worden ist, ist Laurens Bancroft überhaupt noch am Leben.

Basierend auf einer Idee von Laeta Kalogridis, nach dem gleichnamigen Roman des englischen Autors Richard K. Morgan aus dem Jahr 2002, ist auch diese Netflix-Serienproduktion freilich auf filmischen Vorbildern aufgebaut. Altered Carbon macht, bis in die unmittelbare Lichtsetzung hinein, offenkundig starke Anleihen bei Ridley Scotts Science-Fiction Klassiker Blade Runner (1982), der ja bekanntlich zu den großen Filmen des Genres zählt und gerne als Auftaktfilm der postmodernen Bewegung in der Filmgeschichte gewertet wird. Die visuelle Ästhetik des Cyber-Punk, den Scotts Film mitbegründete, ist auch für Altered Carbon maßgebend. In den Achtziger Jahren wurde diese Bildästhetik als Formexzess gewertet, der über dem dürftigen Inhalt stehe.

Altered Carbon, so scheint es, versucht diesem Vorwurf ausweichen zu wollen, indem auf einem komplexen Universum aufgebaut wird. Daraus resultiert ein Hang zur Überkonstruktion der Geschichte, zur Geschwätzigkeit der Figuren, sodass Altered Carbon mit einem großen Sammelsurium an Namen und Bezeichnungen nur schwer zu folgen ist und letztendlich in dem Meer an Logikfragen und Beziehungsgeflechten unterzugehen droht. Ganz eindringlich vermittelt sich in Altered Carbon indes das Empfinden für eine Welt der Täuschung und Maskierung, in der man auch dem Helden gegenüber misstrauisch werden muss. Es scheint, als wollte in diesem Film die Figur des hartgesottenen Ermittlers nicht mehr recht funktionieren, nicht nur weil die Handlung, sondern auch weil dieser Takeshi Kovacs zu kompliziert geworden ist. Er ist so beladen mit seiner mysteriösen Vergangenheit, dass er nicht anders als pathetisch werden kann. Keine Vertrauens- oder Bezugsperson gibt es mehr, so sehr sind Wahrheiten hier mit Lügen verflochten. Noch nicht einmal darauf, dass Bancrofts Auftragsgesuch oder Kovacs Ermittlungen in sich stimmig sind, darf sich das Publikum verlassen, in dieser Spurensuche, bei der der Druck nicht aus einem vergangenen Verbrechen, sondern aus gegenwärtigen Bedrohungen herrührt.

Ebenso wie seine filmische Vorlage zitiert Altered Carbon auch neben der kriminalistischen Handlung, die Versatzstücke des film noir, Laurens Bancrofts Frau Miriam (Kristin Lehman) ist unverkennbar die femme fatale. Ferner gibt es Referenzen auf die biblische Figur des Methusalem und expressis verbis wird da noch Friedrich Nietzsche angeführt, dessen Konzept des Übermenschen gleichsam die Ausgangsbasis für die Erzählung bildet. In einer Linie mit Blade Runner stehen aber besonders die Denkexkurse in die existenzialistische Philosophie: Wie reagieren wir, wenn geliebte Menschen einen neuen Körper bewohnen? Wo liegt der Unterschied zwischen Mensch und Maschine, wenn Menschlichkeit nur noch eine Frage der künstlichen Intelligenz ist, ja: Was macht den Menschen noch aus, wenn seine Seele nicht mehr und nicht weniger ist als ein kleiner USB-Stick?

Marc Trappendreher
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