BIP in Lothringen und Luxemburg

Armes Lothringen

d'Lëtzebuerger Land du 20.12.2013

Lothringen geht es nicht gut. Der vor einer Woche vom Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat der Region vorgestellte Bericht (www.ceselorraine.eu) spricht eine deutliche Sprache. Lothringen fällt im Gefüge der französischen Regionen weiter zurück, etwa wenn es um die Bevölkerungsentwicklung und die Lage auf dem Arbeitsmarkt geht. Da kommt manch Erschreckendes zu Tage: Seit dem Jahr 2000 hat Lothringen 50 000 Arbeitsplätze netto verloren, die allermeisten davon in der Industrie. Die Arbeitslosigkeit liegt jetzt bei gut elf Prozent, ein absoluter Rekordwert.

Kein Wunder, dass die Region sich an den Drei-Jahres-Pakt Lothringen 2014-2016 klammert, den sie im September mit der französischen Regierung unterschrieben hat. Nicht zu vergessen die fusionierte Universität Lothringen, mit deren Hilfe man auf dem universitären Schachbrett Frankreichs und Europas einen guten Platz ergattern möchte, sowie die Metropolisierungsprozesse entlang des Sillon Lorrain (Epinal, Nancy, Metz und Thionville) mit ihrem Anschub-Potenzial. Auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit (sie hat für den lothringischen Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat immer Priorität, aber leider nur für ihn!), wenn sie denn systematischer, gezielter und offener sein könnte, soll Abhilfe schaffen. Schließlich der im Moment arg strapazierte Sozialdialog und der riesige, nicht nur in Lothringen manchmal etwas unübersichtliche Themenkomplex der nachhaltigen Entwicklung.

Der Vergleich zwischen Luxemburg und Lothringen zeigt – bei allen fundamentalen Unterschieden: hier der kleine, souveräne Staat mit seinem riesigen Finanzplatz; dort die krisengeschüttelte periphere Region, die einem immer noch sehr zentralistisch geführten Land angehört – die unterschiedliche Dynamik, die das ungleiche Paar ausmacht. Stichwort Bevölkerung. Seit 1995 ist die Einwohnerzahl Luxemburgs von 405 700 auf 537 000 gestiegen; Zuwachs: 131 300 Personen oder 32 Prozent. Die deutlich größere Bevölkerung Lothringens ist derweil von 2 315 500 auf 2 356 600 Einwohner gewachsen; ein Plus um 41 100 Personen oder zwei Prozent. Zwischenfazit: Das kleine Luxemburg hat dreimal soviel neue Bewohner anziehen können wie das große Lothringen.

Stichwort Wirtschaft. Seit 1995 hat das Luxemburger Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 15,1 auf 42,9 Milliarden Euro zugenommen; Zuwachs: 27,8 Milliarden Euro oder 184 Prozent (!). Das zumindest am Anfang deutlich größere BIP Lothringens ist im selben Zeitraum von 40,4 auf 55,1 Milliar-den Euro gewachsen; eine Zunahme um 14,7 Milliarden Euro oder 36 Prozent. In Luxemburg war der Zugewinn also fast doppelt so hoch wie in Lothringen, und entsprach im Jahr 1995 unser BIP nur 37 Prozent des Lothringer BIP, waren es 2012 erstaunliche 78 Prozent. Wirtschaftlich gesehen, hat unser Land demnach seit Mitte der Neunziger über 40 Punkte aufgeholt und seine Wirtschaftskraft kommt heute fast 80 Prozent der lothringischen gleich. Natürlich backen Zehntausende Lothringer am Luxemburger Kuchen mit. Fakt ist auch, dass in Lothringen sich deutlich mehr Esser einen nicht wesentlich größeren Kuchen teilen müssen. Erfreulicherweise verdienen die mittlerweile mehr als 100 000 Grenzgänger (24 000 sind in Deutschland und Belgien tätig) gutes Geld: Sie bringen ein kumuliertes Gehalt von über drei Milliarden Euro mit nach Hause.

Ein wichtiger Satz steht gleich am Anfang des WSU-Berichts: „Die Situation Lothringens ist in mancherlei Hinsicht kritisch. Paradoxerweise verfügt die Region selbst über die Vorzüge, die sie braucht, um sich eine Zukunft aufzubauen, die Arbeitsplätze und Mehrwert schafft“. D as stimmt.

Claude Gengler
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