Die kleine Zeitzeugin

Sex wie zuhause!

d'Lëtzebuerger Land du 10.07.2020

Die Sexarbeiterinnen sind sexarbeitslos, und wohin mit den Herrn, die es übermannt? Der Betrieb, der für Triebe zuständig ist, altmodisches Wort, ich weiß, aber immer noch gut, lag lange lendenlahm. Zu lange. Ohne diese Systemerhalter/innen, oder nennen wir sie Systemerhalterinnen, diese Branche ist wie der Großteil der Sozialarbeit weiblich, geht nichts mehr.

Jetzt aber. In den Gesundheitsministerien und Hygieneämtern, in denen die Schädel der Expert/innen schon lang rauchen, werden raffinierte Konzepte zur annäherungslosen professionellen Annäherung ausgetüftelt. Bis in die Details ausgearbeitet sind sie. Unter Mitarbeit von Physiker/innen und Akrobat/innen und Mathematiker/innen sind sie entstanden, Stunt-Women wurden extra angeheuert. Es muss schnell gehen jetzt, die Chefin eines Bordells in der Westschweiz schlägt Alarm. Dauernd erhält sie Anrufe von Freiern, die sich kaum mehr beherrschen können. Die Vermutung liegt nahe, dass es in der Ostschweiz oder in Südluxemburg nicht viel anders ist. Zu lange tote Hose, jetzt brennt der Hut!

Hauptsache, Körperkontakt nur mit Minimalkontakt. Wird sowieso höchste Zeit, dass wir uns darin üben, kontaktlosen Geschlechtsverkehr auszuüben. Kontaktlos zahlen können wir ja schon. War ja alles auch nicht mehr zeitgemäß, irgendwie sind wir nicht mehr zeitgemäß. Auslaufmodelle. Alles läuft aus, Ausfluss, hier spritzt es, da rinnt es, Roboter/in ekelt sicher vor uns. Momentan machen wir aber schon Riesinnenfortschritte. Wir bewegen uns in Quantensprüngen weiter. Fort voneinander.

Wohin fliegen wieviele Tröpflein wie schnell? Und was ist mit Urschreier/innen in der neuen Zeit? Gibt es nur noch stummen Sex, so wie es nur noch stumme Gottesdienste gibt, wir vögeln nur noch stumm wie die Fische? Darf die Risikogruppe geschlechtlich verkehren, und mit wem, nur mit Angehörigen der Risikogruppe? Darf sie waghafte Stellungen einnehmen, was sagt der Ethikrat? Ist jemand, der überdurchschnittlich viel ächzt, ein Lebensgefährder? Und wer sein Leben auf einem Höhepunkt aushauchen könnte, wegen Risikogruppe, darf der gar nicht auf diesen Höhepunkt, muss unten bleiben, bis er ten feet under ist sowieso? Und wie bedrohlich ist eigentlich die Missionarinnenstellung? Oder die Papststellung?

Biedere Domina führt ihr Desinfektionsmittelarsenal vor mit dem Eifer der Hausfrauen der Fünfzigerjahre, jedes Peitschlein peinlich sauber. Ungeduldig harrt keimfreie Folterkammer der Herrn, die eine harte Hand brauchen. Wehe, ein Tröpflein tröpfelt!

Wie werden wir endgültig unnahbar? Wie sollen die Geschlechter verkehren? Ein Geschlechtsverkehrsministerium wird geschaffen, die Geschlechtsverkehrsministerin nimmt Stellung zu den Stellungen. Neue können auch geschaffen werden, die Körperteile können sich ja kreativ verteilen. Wir sollen sowieso flexibler werden. Im Geschlechtsverkehrsministerium werden dann auch jede Menge neue Stellen entstehen, jede Krise hat auch etwas Positives. Wir schaffen das schon, Händewaschen können wir ja auch schon. Apropos, Fußfetischismus, der gute alte, das wäre doch eine Alternative! Und wie wäre es überhaupt mit Füße schütteln statt Hände? Gibt einen Stamm im Iauaiagagebiet, der das praktiziert, das Durchschnittsalter ist hoch.

In Österreich rät der Gesundheitsminister von Gruppensex ab, in der Schweiz zählt man nur bis drei und rät ab vom Ménage-à-trois. Während sexueller Dienstleistung muss hier mindestens eine Unterarmlänge Abstand zwischen den Köpfen der beiden Personen sein. Wessen Unterarm dabei zur Messung herangezogen wird, wurde noch nicht spezifiziert. Aber keinesfalls den Kopf verlieren zwischen den Köpfen! Obschon Orgasmus im Gegensatz zu Oralsex und Orgien nicht verboten ist. Oralpraktikant/innen dürfen in der Schweiz nicht praktizieren. In Österreich empfiehlt der Gesundheitsminister bei dieser Tätigkeit stilvoll die Verwendung eines Lecktuchs. Der Wortschatz der Bevölkerung erweitert sich, jede Krise hat etwas Positives.

Analpraktikant_innen bitte nur mit Schuhen an den Händen praktizieren! Diese Hände zur Begrüßung und zum Abschied auf keinen Fall schütteln, bloß das nicht! Wozu auch?

Michèle Thoma
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