kino

Der Wert des Menschen

d'Lëtzebuerger Land vom 04.03.2022

Mit Un autre monde schließt der französische Regisseur Stéphane Brizé nach La loi du marché (2016) und En guerre (2018) seine Arbeiter-Trilogie ab. Nachdem Vincent Lindon einen Arbeitslosen in La loi du marché und einen Gewerkschafter in En guerre spielte, erleben wir ihn nun als einen der leitenden Angestellten eines Industriekonzerns. Genau da liegt bereits die Herausforderung Brizés: Hat er zuvor den Kampf des ‘kleinen Mannes’ gegen den Großen gezeigt, David gegen Goliath, so verhält es sich in Un autre monde genau umgekehrt. Das Publikum muss zu dieser Unternehmerfigur, die in den Vorgängerfilmen noch scharf kritisiert wurde, Zugang finden – denn sie wird hier ebenso als ausgebeutete Gestalt, als Opfer der spätkapitalistischen Logik offengelegt. So wird Philippe Lemesle in medias res eingeführt, er steht vor der Scheidung, die Anwälte diskutieren dringlich und präzise über die Aufteilung des Vermögens. Die narrative Strategie, die der Film damit präsentiert, könnte deutlicher kaum sein: Schon zu Beginn ist alles bereits verloren. Von hier an folgt Brizé seinem Prinzip der pseudo-dokumentarischen Alltagsschilderungen aus dem Leben dieses Mannes, in dem Privates und öffentliches auseinanderbricht.

Auch wenn Brizé hier scheinbar die Seiten gewechselt hat, so ist sein Zugang dem der beiden Vorgängerfilmen nicht unähnlich: Diese spürbare Ernst in der Inszenierungsweise, der den Zuschauer weniger emotional einnehmen will, sondern eher darauf abzielt ihn zu einem Beobachter zu machen. Der Zuschauer wird mithin in eine Beobachterposition versetzt, der er sich nicht entziehen kann. Das Publikum sieht sich plötzlich den Zwängen der Marktlogik ebenso ausgeliefert wie der Protagonist. Es wird dazu verleitet, den schleichenden Prozess der Marktmechanismen und den damit verbundenen Leistungsdruck aufzunehmen. Brizé zeigt wie der Wert des Menschen in diesem System eingeordnet wird, wie der Mensch daran zu zerbrechen droht. Er leitet daraus die destruktiven Folgen auf die Gesellschaft ab – ebenso wie auf das Indivduum, auf privater und beruflicher Ebene. Das Publikum muss in der Folge – durch die konsequente Anbindung an den Protagonisten – ethische Positionen beziehen, die auch Lemesle beziehen muss, die aber in keinster Weise einen positiven Ausgang versprechen. In Un autre monde verlieren sich nicht nur Arbeitsmoral, Integrität und Karriere, sondern die Berechtigung von Firmenhierarchien selbst wird in Frage gestellt. Sie erscheinen als Faktoren, die den Menschen letztendlich in die soziale Isolation treiben.

Damit diese Anbindung an die Erlebniswelt des Protagonisten gelingen kann, reicht Brizé der emotionale Zugang über die private Familiensituation und den sich vollziehenden Scheidungsprozess indes nicht aus. Mit Vincent Lindon in der Hauptrolle greift er auf einen versierten Schauspieler zurück, der sich in seinem Spiel einmal mehr so weit zurücknimmt, dass nur erahnt werden kann, was in ihm vorgeht. Die erreichte Unmittelbarkeit der Darstellung – die ruhigen, langen Einstellungen, die Betonung der Nah- und Großaufnahmen, die Natürlichkeit der Sprache, der überwiegende Verzicht auf Filmmusik und die Besetzung mit Laiendarstellern lassen uns das Gesehene so wahrnehmen, als wären wir Zeugen realer Geschehnisse. Und darin liegt ja die eigentliche Stärke von Brizés Arbeit, die im französischen Kino vereinzelt seit der Nouvelle Vague eine gewisse Tradition und Beständigkeit aufweist. Er verfolgt eine Form des sozialrealistischen Inszenierens, die sicherlich immer noch funktional ist, aber dennoch Wahrheiten sucht und sich nicht scheut, den Finger in die Wunde zu legen. Un autre monde ist engagiertes, linksintellektuell motiviertes Kino, das auf schmerzhafte Weise deutlich macht, dass dieses System den Menschen, ob oben oder unten, keine Chancen lässt.

Marc Trappendreher
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