Wir haben den Durchblick

d'Lëtzebuerger Land vom 24.07.2020

„Brillenschlange“ galt lange Zeit als eins der Schimpfwörter, mit denen Kinder den Strebern auf dem Pausenhof das Leben schwer, wenn nicht zur Hölle machten. Brille galt als langweilig, spießig und fad.

Dann kam Harry Potter, und mit einem Mal wurden die blassen Geeks mit den Rädern auf der Nase zu den eigentlichen Stars der Klasse: schlau, hartnäckig den Dingen auf den Grund gehend, dem Gegenüber immer einen Schritt voraus. Forscher der Universität Mainz bestätigten in einer Studie, dass Brillentragende tatsächlich gebildeter sind: Unter Studierenden und Akademiker/innen sind besonders viele Brillentragende; je höher der erreichte Abschluss und je länger jemand auf der Schule oder der Uni war, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Sehschwäche. Die Erklärung ist denkbar einfach: Durch die häufige Arbeit vor dem Computerbildschirm und das viele Lesen gibt es überproportional viele Uni-Absolvent/innen, die kurzsichtig sind, also während des Lernens eine Sehschwäche entwickeln, und zur besseren Sicht auf eine Sehhilfe geradezu angewiesen sind.

All das verhalf dem Nasenrad zu plötzlichem Ruhm, aus dem hässlichen Entlein wurde sozusagen ein stolzer Schwan. So angesagt war die Brille, dass manche Hipster dazu übergingen, sogar dann eine zu tragen, wenn sie eigentlich keine brauchten. In den angesagten Läden und Cafés der Stadt konnte man lässig gekleidete Fashionistas in karierten Holzfällerhemden, akkurat gestutztem Bart und Brille vor ihren Laptops sitzen. Der filigrane Rahmen ums in Wahrheit wirkungslose Fensterglas sollte dem Gesicht charaktervolle Tiefe geben und war das Erkennungszeichen der kreativen kosmopolitischen Elite, die überall zuhause ist, solange es W-Lan gibt und Café Latte.

Dass die richtige Brille aus Langweilern plötzlich intelligente Expert/innen macht, hat auch die Politik verstanden und aufgegriffen: Galt die Brille früher als sicheres Erkennungszeichen unbedeutender Hinterbänkler, hat sich ihr Image – und das ihrer Träger/innen – mittlerweile gewandelt. Heute trägt die Politik-Frau oder der politische Mann die Sehhilfe mit Haltung und inszeniert die eigene gescheite Ausstrahlung. Manche setzen sie ganz gezielt ein, das passende Modell für den passenden Moment, und haben rundherum eine eigene Choreografie entwickelt: Seitdem die Corona-Pandemie uns alle in Atem hält und die Regierung (wenngleich widerstrebend) erkannt hat, dass das Virus das Land noch eine ganze Weile in Atem und die Politik ziemlich beschäftigen wird, seitdem die Dreierkoalition den Bürgerinnen und Bürgern strenge Schutzmaßnahmen nicht mehr wie ein wohlmeinender Vater von oben herab autoritär verordnen kann, kommt die Brille verstärkt zum Einsatz. Keine Pressekonferenz mehr, wo das dynamische Corona-Krisen-Duo Bettel-Lenert nicht mit eindringlichen Worten mahnt, an Vernunft und Gemeinsinn appelliert und die neusten Zahlen präsentiert. Dabei darf die Brille nicht fehlen. Ganz im Zeitgeist mit größeren Gläsern und dezentem unaufdringlichen Rand. Das soll Weitsicht und Verstand signalisieren.

Kenner/innen des politischen Tagesgeschäfts ist längst aufgefallen: Seitdem der Notstand aufgehoben ist und somit nicht mehr auf das paternalistische Wir-wissen-was-gut-für-Euch-ist zurückgegriffen werden kann, hat sich auch der Stil der Krisenkommunikation sichtbar geändert. Xavier Bettel und Paulette Lenert erläutern mit ernsthafter Miene das Infektionsgeschehen, es ist von Tracing und Clustern die Rede – mit der Brille wirkt das gleich viel seriöser. Beide tragen eine, Bettel mit dezentem schwarzen Rand, passend zum schwarzen Jackett, das er für den Anlass gewählt hat. Das aufgeknöpfte Hemd mit der fehlenden Krawatte soll Nähe zur arbeitenden Bevölkerung demonstrieren. 

Seitdem er Brille trägt, redet sich der Premier auch nicht mehr so in Rage. Staatsmännisch, geduldig und mit leichter Besorgnis in der Stimme erklärt er immer wieder neu, wie sehr es auf den/die Einzelnen einkommt, das Virus einzuhegen. Er kündigt neue Restriktionen an: Statt 20 Personen dürfen privat daheim nur noch zehn empfangen werden.

Wenig später ist es an der Gesundheitsministerin Paulette Lenert Details zu den weiter steigenden Infektionszahlen zu geben: Sie steht am Rednerinnenpult, den Blick fest geradeaus, spricht von dringend gebotener Verhaltensänderung. Ihr Brillenmodell ist ein in dezentem Gold gefasster Rahmen mit runden Gläsern, passend zu den blonden Haaren. Dasselbe Modell trägt sie auf anderen Pressekonferenzen. Allzu häufig wechseln sollte eine Politikerin den Brillentyp ohnehin nicht, das sieht eitel aus und unentschieden und lenkt von dem ab, worum es geht: Durchblick demonstrieren. Kontinuität und Beständigkeit suggerieren. Sogar wenn man Ersteres nicht wirklich hat und die Infektionszahlen wieder auf über hundert den Tag steigen.

Ines Kurschat
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