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Ehre und Rehabilitation

d'Lëtzebuerger Land du 07.05.2021

Alles in Tae-goos Welt ist dunkelblau, grau, grün oder gelb. Gelegentlich wird diese Farbpalette mit blutroten Tönen angereichert, denn das Töten ist sein Metier. Night in Paradise begleitet den Weg des jungen Tae-goo (Tae-goo Eom), eines gefürchteten Killers der koreanischen Mafia, der sich an einem Scheidepunkt befindet: Er will aussteigen, die verbrecherische Unterwelt hinter sich lassen. Die neue Welt, die auf ihn wartet, gestaltet sich um Jae Yeon (Yeo-bin Jeon), die aber todkrank ist und mit ihrem Leben praktisch abgeschlossen hat. Beide sind plötzlich untrennbar miteinander verbunden, und es ist der desillusionierte Blick dieser Frau, der den Handlanger der Mafia durchschaut. Denn Tae-goo ist eigentlich ein Kind, wie Jae Yeon an einer Stelle anmerkt, eine Marionette im Machtkampf der Mafia. Immer wieder wirft er gedankenverloren den Blick nach draußen, aus dem Flugzeugfenster, aus dem Auto. Er ist jemand, der nach vorne schauen will, aber seine Vergangenheit nicht ablegen kann – ein Gefangener zwischen den Welten. Sein Freiheitswunsch ist deshalb so illusorisch wie naiv, und der Versuch aus dem System auszubrechen, setzt die Dämonen erst richtig frei. Überhaupt wirkt er mitsamt seinem tätowierten Männerkörper unzeitgemäß, ja obsolet. Dass Tae-goo nur eine Spielfigur in einem größeren Gefüge ist, die man umstandslos beseitigen kann, kommt ihm schlicht nicht in den Sinn.

Man kennt dieses Motiv aus mehreren Gangsterfilmen. Besonders populär wurde es im Film Noir – Night in Paradise zitiert diese Vorbilder, kann ihnen aber keine wirklichen Neuerungen abgewinnen.

Die stellenweise dürftigen Dialoge und auch die typischen Gangsterzitate wirken mitunter unoriginell, wie formelhaft gesetzt. Wie bereits in Park Hoon-jungs vorherigem Gangsterfilm New World (2013) geht es auch in Night in Paradise weniger um die Bedeutung der Inhalte, als um die Wirkung der Bilder. In Park Hoon-jungs Film fühlt man sich niemals wirklich von den Vorgängen der Handlung gepackt, sondern von der Bildfolge, von der Wirkung des Bildeindrucks. Mit diesen Bildern gelingt dem Filmemacher eine Atmosphäre der Melancholie; sie wird besonders gestiftet durch tiefschwarze Nachtaufnahmen oder lichtdurchflutete Panoramaaufnahmen der Küstenlandschaft von Jeju, der Insel, auf der sich Tae-goo niederlassen soll, ein Zwischenraum, der aber sein Schicksal besiegeln wird.

Was demnach ein spannendes Bild über die Vorgänge der Machtakkumulation der Mafia, eine per se leere Angelegenheit, hätte werden können, verliert sich im Unbestimmten. Weil positive Leitbilder angesagt sind, muss Night in Paradise erheblich an subversiver Kraft einbüßen. Mit dem überwiegend stillen und bedachten Tae-goo glaubt Regisseur und Drehbuchautor Park Hoon-jung ein positives Laitbild in dem ambivalenten Genre des Gangsterfilms gefunden zu haben: Es geht hier um Ehre und Rehabilitation. Für ein Bild von wiedergewonnener Heldenhaftigkeit ist das Ganze aber sehr gewaltverherrlichend und blutig gestaltet. Ein Blutbad folgt auf das nächste. Dabei haben diese Gewaltballette, die der Regisseur äußerst sorgsam choreografiert und stilvoll inszeniert hat, selbst keinerlei zu Gewalt animierenden Charakter, beinhalten aber auch keinen größeren erzählerischen Eigenwert. Es sind narrative Leerstellen: Night in Paradise zeigt das Morden als kühle, alltägliche Verrichtung. Und so präsentiert der Film sich letztendlich: visuell aufregend, aber im Grunde belanglos. Seine Premiere feierte Night in Paradise bei den Filmfestspielen in Venedig im September vergangenen Jahres; aufgrund der Pandemie erfolgte die weltweite Ausstrahlung jedoch nicht in den Kinos, sondern auf Netflix, wo der Film seit April abrufbar ist. Night in Paradise hätte gewiss ein spannender Abgesang auf den asiatischen Gangsterfilm werden können. Dass er es nicht geworden ist, liegt weniger an den Schauspielleistungen, als an einer unausgewogenen Mischung aus Form und Inhalt.

Marc Trappendreher
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