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leitartikel

Energiekrise

Peter Feist

Am Tag der ersten Tripartite-Sitzung berichtete die New York Times über vertrauliche Analysen von US-Geheimdiensten. Iran habe den „operationellen Zugang“ zu 30 seiner 33 Raketen-Standorte an der Straße von Hormus wiederhergestellt. Bombardierungen durch die USA und Israel hatten sie beschädigt oder den Zugang zu ihnen versperrt. Das aber sei nur noch für drei der Fall. Aus manchen der 30 ließen sich direkt Raketen abfeuern, und im übrigen verfüge Iran noch über rund 70 Prozent seines Raketenbestands von vor Beginn des Kriegs am 28. Februar.

Wenn das so stimmt, spricht viel dafür, dass die Straße von Hormus so bald nicht wieder für den Schiffsverkehr nutzbar sein wird wie früher, als täglich bis zu 130 Schiffe sie durchfuhren. Wirksamer als jedes Atomprogramm, ist die Blockade des Wasserwegs das ideale Druckmittel gegenüber den USA und ihrem planlosen Präsidenten: Energieversorgung und Produktion von Grundmaterialien in beinah der ganzen Welt lassen sich als strategisches Pfand benutzen.

Sodass das pessimistische Szenario eines „conflit prolongé“, das am Dienstag vom Statec der Tripartite präsentiert wurde und davon ausgeht, dass die Straße von Hormus für weitere sechs Monate blockiert bleibt, wahrscheinlicher aussieht als freie Fahrt ab Juni. Dabei ist zum „conflit prolongé“ vor allem von Energiepreisen die Rede. Davon, dass ab Mitte des Jahres die Benzin- und Dieselpreise an den Luxemburger Tankstellen weit über zwei Euro pro Liter betragen dürften. Dass ab dem neuen Jahr auch Gas teurer würde, allerdings längst nicht so stark wie nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine. Und dass die erhöhten Gaspreise auf den Strompreis durchschlagen werden, wenngleich in ebenfalls viel kleinerem Maß als 2023.

Weil Szenarien von Preisen zur Inflation hinführen und zu Index-Tranchen, interessieren sie in Luxemburg besonders. Das Statec geht im pessimistischen Szenario von vier Prozent Inflation dieses Jahr aus, von einer zusätzlichen Index-Tranche im Herbst und einer weiteren im ersten Halbjahr 2027. Weniger erwähnt wird, dass die höheren Preise, falls sie eintreten, Ausdruck von ernsten Verknappungen sein werden. Im Moment gibt es noch keine Knappheit an Sprit. Aber vor allem bei Diesel und Flugzeug-Kerosin droht sie, wenn die Straße von Hormus nicht bald wieder aufgeht, so ein Bericht des Regierungskommissars für Energie an die Tripartite.

Und vielleicht spiegeln die aktuellen Preise das tatsächliche Ausmaß der Krise nicht wider. Im Handel mit längerfristigen Belieferungen mit Rohöl ist laut Statec nach wie vor ein „choc transitoire“ eingepreist. Dagegen kamen in einem längeren Artikel im deutschen Handelsblatt Ende voriger Woche Analysten, Banker und der Chef des Energiekonzerns RWE zu Wort und gingen überwiegend davon aus, dass sich die Energiemärkte einem „Kipppunkt“ nähern: Die physische Knappheit beginne jetzt. Und auch wenn die Straße von Hormus demnächst öffnen würde, drohten Engpässe. Rohöl sei dann weniger ein Problem als Raffinerieprodukte wie Diesel oder Kerosin. Um die konkurriert Europa mit Ostasien. Ausgeschlossen wird nicht, dass manche asiatische Länder „in den atlantischen Markt“ von Kerosin drängen werden, um mit entsprechenden Preisangeboten um noch verfügbare Lieferquellen zu konkurrieren. US-Lieferanten, die bisher gerne bereit sind, Kerosin nach Europa zu exportieren, könnten sich entscheiden, eher den heimischen Markt zu versorgen, da auch der nicht unberührt bleibt von der Krise.

Höhere Düngemittel- und Transportpreise werden auf die Lebensmittelpreise durchschlagen. Störungen in den Lieferketten der Chemieindustrie breiten sich in andere Branchen aus; die Preise für Industrie-Verpackungen etwa haben sich schon um die Hälfte erhöht. Für Luxemburg hält das Statec eine Rezession für möglich, ein Schrumpfen des BIP um ein Prozent dieses Jahr bei einem „conflit prolongé“ und eine Zunahme der Arbeitlosigkeit in Richtung 6,7 Prozent. Die EU verstärkt ihre Anstrengungen für mehr Energie-Importunanhängigkeit, einen einheitlichen Markt, bessere Netze, was sicherlich eine gute Idee ist. Hinter der Energiekrise aber lauert auch eine soziale. Abzusehen ist ja, dass bei steigender Inflation und daraufhin erhöhten Zinsen sich in Luxemburg das Wohnungsproblem noch weiter verschärfen wird.

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