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économique et culturel indépendant
leitartikel
Neue Freunde
Stéphanie Majerus
Es handelt sich um eine Win-win- ebenso wie um eine Lose-lose-Situation – weshalb man letztlich verhalten auf das Mercosur-Abkommen blickt. Antizipiert werden auf europäischer Seite vor allem lukrative Margen im Banken- und Versicherungswesen sowie in der Telekommunikation. Deshalb griff CSV-Premier Luc Frieden im September 2024 zum Stift, um gemeinsam mit zehn weiteren EU-Regierungschefs einen raschen Abschluss der Verhandlungen zu fordern. Morgen nun soll EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das Freihandelsabkommen mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay unterzeichnen – und so die mit rund 700 Millionen Einwohnern weltweit größte Freihandelszone besiegeln.
Seit sich französische und deutsche Soldaten gestern auf den Weg nach Grönland gemacht haben, gewinnt die geopolitische Bedeutung des Abkommens erneut an Gewicht. Es ermöglicht europäischen Unternehmen den Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Lithium und Granat, die benötigt werden, um Batterien, Solarpaneele und Windräder herzustellen. Brasiliens Präsident Luiz Lula da Silva sieht seinerseits im Mercosur-Abkommen ein historisches Zeichen „für den Multilateralismus“, wie er in Le Monde zitiert wurde. Für ihn sei es eine Antwort auf Donald Trumps Unilateralismus, der Südamerika zu einem Hinterhof degradiere, wie die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro jüngst verdeutlicht hat. China ist ebenfalls bereits auf dem südamerikanischen Markt präsent; Europa könnte sich jedoch als vergleichsweise verlässlicher Käufer etablieren – würden nicht Verlautbarungen zum Lieferkettengesetz wie die von Fedil-Direktor René Winkin diesen Bemühungen schaden.
„Wütend“ aber ist die hiesige Bauernzentrale, wie sie am vergangenen Freitag in einem Presseschreiben mitteilte. Denn anders als der Dienstleistungssektor befürchtet die Landwirtschaft einen Preisverfall – insbesondere beim Rindfleisch. „Auffallend zurückhaltend“ sei CSV-Landwirtschaftsministerin Martine Hansen; sie stelle sich nicht hinter ihre Bauern. Dennoch gibt es auf beiden Seiten des Atlantiks Gewinner und Verlierer im Agrarsektor: Das südamerikanische Agrobusiness dürfte zwar im Zucker-, Reis-, Soja- und Ethanolhandel zulegen, doch europäische Winzer, Milcherverarbeiter sowie Lebensmittelhersteller mit geschützten Herkunftsbezeichnungen erhoffen sich ebenso Wachstumsraten. Deshalb sagte Charel Ferring, Präsident der Jungbauern, dem Télécran am Mittwoch, er könne die Auswirkungen des Abkommens noch nicht einschätzen. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass Kachkéis und Miseler Riesling den Weg nach Übersee suchen.
Die Umwelt jedoch dürfte mit Blick auf die Agroindustrie als Verliererin aus dem Vertrag hervorgehen – trotz der möglicherweise beschleunigten Energietransformation. Skeptisch zeigte sich jedenfalls Greenpeace-Mitarbeiter Gauthier Hansel diese Woche im Tageblatt. Er warnte, erhöhte Agrarexporte könnten „zur verstärkten Entwaldung des Amazonas beitragen“. Im Dezember 2024 mahnte der Präsident der Bauernallianz und DP-Bürgermeister von Harlingen, Marco Koeune, die südamerikanischen Produktionsstandards würden den Klimazielen und Tierwohlstandards der EU entgegenstehen. Nun zeigte er sich am Wochenende aber zuversichtlich, dass die beschlossenen Gegenseitigkeitsklauseln die Umweltstandards der importierten Agrargüter anhebten. Und vor dem Hintergrund der angespannten geopolitischen Großwetterlage „nütze der Vertrag den Beziehungen zu Südamerika und der Industrie“.
Letztere soll auf europäischer Seite vor allem im Bereich der Autozulieferer, Maschinenhersteller und der Chemieindustrie profitieren. Doch hier lauert eine Gefahr für die „neuen Freunde“: Während sich europäische Dienstleistungsgesellschaften durch das Abkommen stabilisieren können, droht der Süden im Primärsektor stecken zu bleiben – mit allen damit verbundenen Problemen, von niedriger Wertschöpfung über ungleiche Handelsbedingungen bis hin zu geringeren Anreizen, das Bildungssystem zu fördern.
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