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leitartikel
Arbeitskraft Arzt
Peter Feist
Wie viele Ärzt/innen leisten Dienst am Patienten? – Man sollte meinen, diese Frage sei hierzulande leicht zu beantworten. Denn über das conventionnement automatique et obligatoire sind alle Kassenärzte bei der CNS. Doch so einfach ist das offenbar nicht. Wer den Jahresbericht 2025 der Generalinspektion der Sozialversicherung (IGSS) liest, der sich auf das Jahr 2024 bezieht, kann den Eindruck haben, dass eine wundersame Ärztevermehrung stattgefunden hat. Von 2 321 auf 3 572, oder um 58 Prozent. Gegenüber dem Jahr 2023 gab es 41 Prozent mehr Allgemeinmediziner, 50 Prozent mehr Kinderärztinnen, 42 Prozent mehr Zahnärzte. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.
Natürlich gab es die wundersame Ärztevermehrung nicht, sondern eine Änderung in der Statistik. Noch für die zum Jahr 2023 hatte die IGSS, wie früher, lediglich Ärzt/innen im Alter von 25 bis 74 erfasst und nur mit einer „activité significative“. Signifikativ war, wenn innerhalb eines Jahres bei der CNS wenigstens das Äquivalent des einfachen sozialen Mindestlohns abgerechnet wurde. Im Jahr 2023 taten das 2 321 Mediziner/innen. Nach dem neuen Ansatz spielt das Alter keine Rolle mehr, und als „practicien“ wird schon gezählt, wer in einem Jahr wenigstens eine Abrechnung einreichte, egal was auf der Rechnung stand. 2024 traf das auf 3 572 Ärzt/innen zu, 58 Prozent mehr.
Man kann das für eine schlechte Idee halten. Denn mit so laschen Kriterien wird zwangsläufig auch erfasst, wenn ein pensionierter Arzt sporadisch noch Sprechstunden gibt. Oder wenn einer aus dem Ausland nur manchmal in Luxemburg tätig ist. Um gerade solche Fälle auszuschließen und eine einigermaßen klare Vorstellung von der medizinischen Versorgung im Lande zu bekommen, war die activité significative eingeführt worden.
Zum Glück halten die IGSS und das Observatoire national de la santé, auf das die Neuerung zurückgeht, sie nur für eine Etappe. Das Observatorium führt mehr im Schilde. Es möchte ein klareres Bild von der medizinischen Versorgungslage liefern, als die activité significative erlaubt. Denn die meisten Ärzt/innen sind Freiberufler. Manche arbeiten besonders viel, andere besonders wenig: Nicht nur als schon Pensionierte oder als nur manchmal hier Tätige, sondern vielleicht auch, weil sie das für ihre Work-Life-Balance so wollen. Am Beispiel der Allgemeinmedizin hat das Observatorium das vorgerechnet: 2023 hatten 23 Prozent der Generalist/innen Honorareinnahmen um den Medianwert von damals 202 800 Euro in der Disziplin. Eine Minderheit von 7,3 Prozent lag um mehr als das Doppelte über diesem Median, und ein Fünftel nahm höchstens das 0,2-fache vom Median ein – unter ihnen waren mehr als 50 Prozent aller Generalist/innen über 64, aber auch viele junge.
Noch ist das nur ein Beispiel und nicht als Standard im System angekommen. Kommt das im System an, dürfte die Statistik nach einer scheinbaren Ärztevermehrung im Jahre 2024 demnächst von einem scheinbaren Ärzteschwund zu erzählen haben. Denn allein schon wenn bei jungen Ärzt/innen die Haltung verbreitet ist, nicht leben zu wollen, um zu arbeiten, sondern umgekehrt, dann ist eine entsprechend angepasste Optik auf den Dienst am Patienten nötig. Dann ist definitiv nicht jede „Arbeitskraft Arzt“ identisch.
Bis es soweit ist, arbeitet die CNS intern weiterhin mit der actitivité significative. Und kann berichten: Sogar wenn man diese Schwelle höher ansetzt als bei einem einfachen Mindestlohn-Äquivalent im Jahr, nämlich bei 50 000 Euro, dann hat zwischen 2012 und 2024 die Zahl der so aktiven Ärzt/innen stärker zugenommen als die ansässige krankenversicherte Bevölkerung. Letztere wuchs in diesen 13 Jahren um durchschnittlich 1,84 Prozent jährlich. Die der Generalisten wuchs um 4,1 Prozent, die der Kinderärzte und der Zahnärzte um je fünf Prozent, und so fort. Das ist durchaus beruhigend. Es zeigt, dass Luxemburg als Arbeitsort für die Medizin attraktiv ist. Trotz des conventionnement automatique et obligatoire oder gerade seinetwegen.
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