Die kleine Zeitzeugin

Oberflächlich beobachtet

d'Lëtzebuerger Land du 18.03.2022

Die Stadt ist umzingelt, höre ich in den Nachrichten, augenblicklich werde ich zurück zu Cäsar katapultiert. In einem rustikal wirkenden Raum treffen sich Vertreter der Kriegsparteien. Die Russen tragen Anzug und Krawatte, die Ukrainer Tarnanzüge und Militärlook. Sie geben einander zur Begrüßung die Hand, so etwas habe ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. 

RU.TV verschwindet von meinem Bildschirm, stattdessen ein pinkes Nichts. Schade, es war ausnehmend lehrreich zwischen dem amerikanischen Propagandasender CNN und dem russischen Propagandasender RU.TV zu pendeln. RU.TV mit seinen zerrupften alten Intellektuellen und seinen clownesk-grotesk gestylten Moderatoren war sicher unterhaltsamer als das professionellere, mit Fastfood-Häppchen abspeisende CNN. Auch wenn es in der letzten Zeit leider zunehmend Bemühungen gab, sich der global dominierenden Ästhetik anzupassen. In der Woche, in der der Krieg begann, wurden in Endlosspiralen ein greises Ehepaar gezeigt, das versonnen Rebstöcke streichelte, und japanische Männer, die Puppen in Rollstühlen spazieren fuhren. Dazwischen der Ausbruch der Revolution in Kanada. 

In den deutschen Medien heißt Lviv Lviv, wie es heißt, in den österreichischen Medien heißt Lviv habsburgisch Lemberg. Amerikanische Fernsehteams sind in Riesenkonvois unterwegs, mit gewaltigem Equipment, auch die großen europäischen TV-Anstalten sind entsprechend ausgerüstet und aufgerüstet. Wir kommen mit unserm kleinen roten Auto, sagt ein Journalist eines österreichischen Privatsenders inmitten von Getreidefeldern, die diesen Sommer wohl kaum bestellt werden werden. Er ist ein normalerweise tranig und verschlafen wirkender älterer Herr, zuständig für Studio-Kommentare und alle möglichen Expertisen, jetzt steckt er die Nase in Soldaten-Unterschlupfe oder lässt sich von Straßenkämpfern die Rezeptur eines Molotow-Cocktails erklären. Er wirkt aber immer noch genauso schläfrig und einschläfernd. 

Ein Bild-Journalist hingegen, ganz rasender Reporter, steht in Schutzmontur inmitten von Trümmern eines Kiewer Wohnblocks und redet besessen auf die Kamera ein. Panzer rücken vor wie Prozessionen von Schildkröten. Ist die Stadt belagert?, fragt die Moderatorin.

Studierende flechten Tarnnetze, alte Männer schichten Sandsäcke auf, Einwohner/innen errichten Barrikaden, während die Angreifer näher rücken. Ist das ein Pippi-Langstrumpf-Kampf, voll mit potenziellen Held/innen, lauter potenziellen Toten, angefeuert von jemandem, der den Helden spielt? Gottseidank gewinnt Pippi Langstrumpf immer. 

Mariupol wird ausgehungert, heißt es in den Nachrichten. Vier europäische Spitzenpolitiker aus Osteuropa fahren mit dem Zug in die Stadt Kiew, von der seit Wochen spekuliert wird, dass sie bald eingenommen wird. Es wird ein Foto gezeigt, in dem sie die Köpfe über einer Karte zusammenstecken und die Reise planen. Das hat so etwas schön altertümlich Abenteuerliches und Kindisches, wie bei Erich Kästner. 

In den sozialen Netzwerken tummeln sich die Osteuropa-Spezialist/innen, die Kriegsstrateg/innen und natürlich die Ethikkommissar/innen. Genauso, wie vor nicht allzu langer Zeit die Expert/innen im Corona-Schlagabtausch kennen sie sich genau aus, ergreifen Stellung und gehen in Stellung. Das absolut Böse hat wieder ein Gesicht, aber wem angesichts des Heldenrauschs allmählich mulmig wird, stellt prophylaktisch lieber klar, dass nicht relativiert werden soll. Ein Putinversteher will man eher nicht sein, nicht mal ein Putinversteherversteher. Verstehen, der Ausgangspunkt jeden Lösungsansatzes, ist zum No-Go geworden. Auf der anderen Seite tobt sich der Putin-Fanclub in einem Universum aus, das nicht nur parallel, sondern daneben ist. Er kommuniziert mit Zeichen, die nur noch Eingeweihte verstehen. 

Niemand postet „Je suis Ukraine“. Diese Form der Extrem-Empathie, die nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo in Mode kam, scheint sich erschöpft zu haben. Alle sind erschöpft vom jahrelangen Totsein. Wir sind alle Ukrainer, sagt Markus Söder im bayerischen Landtag.

Michèle Thoma
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