Lehman Brothers und Luxemburg

Ruhe in Frieden, Bruder

d'Lëtzebuerger Land vom 18.09.2008

„Die Luxemburger müssen wissen, nichts ist mehr, wie es war“, sagte Staats- und Finanzminister Jean-Claude Juncker diese Woche kurz nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers. „Der Zusammenbruch der Welt von gestern“, überschrieb Axa Investment Management diese Woche ein Schreiben über Investitionsstrategien. Andere sehen das Ende des amerikanischen Jahrhunderts nahen. Wiederum andere beschreiben die Situation in der Finanzindustrie wie folgt: „Zusehen und staunen.“

Staunen konnte man allerdings, als sich Lehman Brothers Anfang dieser Woche in den Gläubigerschutz verabschiedeten. Da war passiert, was die meisten für unmöglich gehalten hatten: Too big to fail gab es nicht. Der Insolvenz war hektisches Verhandeln über eine Übernahme vorausgegangen. Zum Beispiel durch die britische Barclays. Vergeblich. Die Briten zogen es vor, sich nach der Insolvenz wie am Wühltisch günstig an den Resten von Lehman Brothers zu bedienen. Ebenso könnten die Geier in den Resten von AIG scharren. Die amerikanische Zentralbank Fed hat dem weltgrößten Versicherer zwar mit einem Riesenkredit von 85 Milliarden Dollar kurzfristig aus der Patsche geholfen. Aber den gab es zu wenig günstigen Bedingungen, so dass davon auszugehen ist: AIG wird Teile des Geschäfts verkaufen, um die Milliarden möglichst schnell zurückzuzahlen. Dann waren da in der Woche zuvor die beiden Hypothekenspezialisten Fannie Mae und Freddie Mac, welche die amerikanische Regierung auffing, als sie stolperten.

Und es scheint, als sei das noch nicht alles. Ausländische und Luxemburger Experten sind sich einig: Es werden noch mehr Banken fallen. Ob es sich dabei nur um kleine Insitute handeln wird, ist auch nicht unbedingt gesagt. Die Aktien von Morgan Stanley und Goldman Sachs stürzten ab, obwohl sie Mitte der Woche eigentlich ganz passable Zahlen vorstellten, welche die Erwartungen der Analysten übertrafen. Wieso nun diese Entwicklung, wenn man in den vergangenen Wochen den Eindruck hatte, endlich hätten alle in ihren Schubladen aufgeräumt, alle Subprime-Risiken säuberlich aufgestapelt und abgeschrieben und, wer diese Räumaktion überlebt habe, den werde es jetzt doch nicht mehr umhauen? Und was bedeutet diese Krise Subprime-bis für die Europäer und nicht zuletzt für Luxemburg?

Die amerikanischen Banken sind dabei, sich in einem Teufelskreis aus Misstrauen und Angst selbst zu zerfleischen. Nach dem Muster, die Anderen hören, dass einer in Schwierigkeiten ist, daraufhin fangen sie an, Aktien und Schuldscheine zu verkaufen. Dadurch fallen die Kurse, die Ka­pitalisierung des Hauses leidet. Das bringt die Rating-Agentur auf den Plan, sie stuft die Bonitätswertung herunter, wodurch es für die betroffene Bank schwieriger wird, sich Kredite zur Refinanzierung zu beschaffen. Deswegen wird ihre Lage noch prekärer als sie es ohnehin schon war, die Anleger wandern noch massiver ab, was die Händler lockt, die darauf wetten, dass die Kurse einstürzen. So dreht sich die Spirale nach unten bis, ja, bis nichts mehr übrig bleibt.

Erschwerender Faktor für die amerikanischen Banken: Sie sind allesamt ziemlich spezialisiert. Lehman Brothers waren eine pure Investmentbank, Fannie und Freddie vergeben nur Hypotheken. Wenn man nur eine Geschäftslinie hat und in diesem Sektor wackelt es, bedeutet das Probleme auf der ganzen Linie. So stimmt die Gemüter in Europa denn auch optimistisch, dass die hiesigen Banken breiter aufgestellt sind. Das Modell der Universalbank, die ein wenig hiervon, ein bisschen davon macht, ist dabei, sich als langfristig überlebensfähiger zu beweisen. Weswegen nun die amerikanischen Kollegen versuchen, sich mit Spezialisten aus anderen Feldern zusammenzutun, um sich ebenfalls besser aufzustellen. Aber Achtung: Die Partnersuche könnte Gerüchte schüren, dass es den Suchenden schlecht geht – und was dann passiert, hat man gesehen. 

Doch nicht nur, weil ihr Modell Schule macht – siehe Merril Lynch und Bank of America –, macht sich bei den Europäern hinter vorgehaltener Hand eine gewisse Genugtuung breit. Dass Lehmann – anders als Fannie Mae und Freddie Mac – weder Regierung noch Fed zur Seite sprangen, findet manch ein Bankenexperte hier nur gerecht. Denn Erstere mussten im Juni erstmals in ihrer Geschichte als börsennotiertes Unternehmen einen Verlust verzeichnen. Die Arroganz ihres CEOs Richard Fuld, an dem einer Teflonpfanne ähnlich jegliche Vorwürfe über zu hohe Risiken in den Büchern abglitten, zeigt sich nicht zuletzt am 22-Millionen-Dollar-Bonus, den er sich erst im März für das gelungene Jahr 2007 auszahlen ließ. So findet CSSF-Direktor Jean-Nicolas Schaus nicht nur Schlechtes an der aktuellen Krise. Er spricht von einer „gesunden Reaktion“ und Banken, die beim Aufnehmen von Risiken übertrieben hätten. Als Bestätigung des europäischen Modells und Abstrafung des amerikanischen auf Pump aufgebauten Systems, angefangen beim Hausbesitzer über die Banken bis hin zur öffentlichen Hand, sehen andere die aktuelle Entwicklung.

Welche Folgen hat nun der Zusammenbruch von Lehman für Luxemburg? Die Bank beschäftigt hierzulande laut CSSF fünf Mitarbeiter und lieh und verlieh vor allem Wertpapiere. Die Bankengewerkschaft Aleba zählt vier Mitarbeiter, die sich um ihre Gehälter und Boni sorgen, denn bei Lehman in London habe man für den vergangenen Monat bereits kein Gehalt mehr erhalten. Eine Insolvenz von Lehman Brothers in Luxemburg liegt derzeit allerdings nicht vor, bestätigen Gericht und Finanzaufsicht. 

Beängstigender ist die Wirkung auf die Bücher der anderen Banken. Die CSSF hat, bestätigt Jean Nicolas Schaus gegenüber dem Land, eine Umfrage über die Risikoaussetzung der Luxemburger Geldhäuser durchgeführt. Wie viel dabei zusammengekommen ist, will er nicht sagen; die Summe könnte irreführen. Nur soviel: „Lehmann war eine gute Adresse. Es ist nicht verwunderlich, dass viele mit ihnen Geschäfte getätigt und in Lehman-Papiere investiert haben. Diesmal werden wir nicht verschont.“ Trotzdem werde auch deswegen keine Bank ins Wanken geraten, fügt der oberste Bankaufseher hinzu. Dass die Risikoaussetzung in der Summe beeindruckend sein wird, steht außer Zweifel. Allein die Dexia-Gruppe kommt auf 500 Millionen Euro, die Fortis-Gruppe auf rund 530 Millionen Euro und die KBC verzeichnet Außenstände in Höhe von 280 Millionen Euro. Schaus betont, die Luxemburger Banken verfügten weiterhin über genügend Liquiditäten, auch wenn sie während der Subprime-Krise bereits einiges davon aufbrauchten, um Freunden und Verwandten im Ausland durch die erste Dürreperiode zu helfen.

„Noch ist das Geld ja nicht unwiderruflich verloren“, gibt ABBL-Direktor Jean-Jacques Rommes zu bedenken. Aber bis die Insolvenz geregelt ist, kann es dauern. Auch bei den Fonds kann man davon ausgehen, dass solche, die in amerikanische Bankenwerte investieren, sicherlich Lehman Brothers im Portfolio haben, sagt Charles Müller vom Fondsverband Alfi. Und der Börsensturz, den die Pleite ausgelöst hat, lässt auch den Nettoinventarwert der anderen Fonds sinken. Weil die Rendite auch schon in den vergangenen Monaten unter der Subprime-Krise litt, verschwinden aus den europäischen Fonds monatlich mehrere Milliarden. Im ersten Halbjahr 480 Milliarden aufgrund negativer Markteffekte und rund 100 Milliarden Euro, weil die Anleger ihre Anteile zurückgeben. Nur Irland und Luxemburg konnten aufgrund guter Geschäfte in Asien noch positive Verkaufszahlen verbuchen. „Bisher sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen“, so Muller. Ob die Asiaten da noch länger mitmachen, wagt auch er nicht zu bejahen, hebt aber hervor: Es werden immer noch neue Fonds in Luxemburg aufgelegt. Die Attraktivität des Standortes, könne man daraus schließen, sei unversehrt. Er empfängt keine Alarmsignale von den amerikanischen Kollegen vor Ort, auch wenn die natürlich wegen der schlechten Märkte, wie alle anderen auch, weniger verdienen werden. Was das alles längerfristig für die Beschäftigung am Finanzplatz bedeutet, dazu wagt niemand eine Prognose.

Jean-Claude Juncker sieht sich in seinen Warnungen der vergangenen Monate bestätigt, das Ende der Krise sei noch nicht erreicht. Deswegen werde man beim Budget 2009 doppelt vorsichtig sein müssen. Es werde ein Budget der Vorsicht und Zuversicht zugleich, meinte Juncker Anfang der Woche gewohnt kryptisch gegenüber dem Land. Dabei musste er vergangenes Wochenende in Nizza zusehen, wie die Franzosen die Krise nutzten, um für eine zentralisierte europäische Finanzaufsicht zu werben. Noch glaubt kaum einer daran, dass aus der Idee etwas werden könnte, weil letztendlich kein Mitgliedstaat bereit sei, seine Autonomie an eine europäische Regulationsbehörde abzutreten. CSSF-Direktor Jean-Nicolas Schaus ist dennoch auf der Hut. Sollte eine europäische Bank in Schwierigkeiten geraten, könnten dies die Befürworter als Steilvorlage zur Umsetzung ihrer Vision des einheitlichen Regulierers nutzen. „Das wäre nicht gut für Luxemburg“, warnt Schaus.  

Aber auch als Vorsitzender der Eurogruppe droht die neuerliche Bankenkrise Juncker Kopfschmerzen zu bereiten. Denn den kürzlich erst abgeschwächten Euro hielt er eigentlich immer noch für überbewertet. Die staatlichen Rettungseinsätze für Bear Stearns, Fannie Mae, Freddie Mac und AIG, die manch Liberalen in Panik vor französischen Zuständen versetzte, kommt die USA mit über 300 Milliarden Dollar teuer zu stehen. Und ihnen predigt Juncker schon seit langem, sie sollten etwas gegen ihre budgetäre Schieflage unternehmen. Um diese Politik der staatlichen Intervention zu finanzieren, wird den Amerikanern nicht viel anderes übrig bleiben, als die Gelddruckmaschinen anzukurbeln und den Dollar abzuwerten. Deswegen stellen Finanzblogger im Internet einen Euro-Dollar-Wechselkurs von 1:2 in nicht allzu ferner Zukunft in Aussicht. Ob es soweit kommt oder nicht: Ein stärkerer Euro brächte kaum Gutes für die europäische Exportwirtschaft mit sich. Das würde indirekt auch Folgen für die Luxemburger Wirtschaft nach sich ziehen.

Michèle Sinner
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