Die Schriftstellerin Nora Wagener über ihr neuestes Buch, die Verlagsbranche in Luxemburg und ihren Weg in die Literatur

Am Wendepunkt

d'Lëtzebuerger Land vom 25.03.2022

d’Land: Nora Wagener, was haben Sie verpasst?

Nora Wagener: Das ist eine schwierige und auch eine sehr persönliche Frage.

Und der Titel Ihres neuen Buchs, Was habe ich verpasst. Wie kam es zu diesem Thema?

Der Titel ist ein Zitat aus der vorletzten Geschichte. Der Arbeitstitel lautete noch anders. Doch beim Schreiben, als sich die Geschichten allmählich ansammelten, wurde mir klar, dass dieser Satz sie ziemlich treffend beschreibt. Die Figuren befinden sich alle an einem Punkt, an dem ihnen etwas bewusst wird, das sie verändern wollen. Manchmal wissen sie auch nicht, wie sie etwas verändern können oder ob sich überhaupt etwas an ihren Umständen verändern lässt. Daher passt diese Frage „Was habe ich verpasst?“ sehr gut zu ihrer Gedankenwelt und den Lebensumständen, in denen sie sich in diesem Moment befinden.

Beim Lesen fällt auf, dass es oft um einen innerlichen Prozess geht, eine Reflektion, auf die meistens noch keine Handlung folgt. Was passiert, nachdem man sich diese Frage gestellt hat?

Das fällt ganz unterschiedlich aus. Bei einigen wird sich nie etwas verändern, aber immerhin stellen sie sich diese Frage. Bei anderen wird sich vielleicht etwas radikal verändern. Und bei weiteren Figuren wird es noch lange dauern, bis sie herausgefunden haben, welchen Weg sie einschlagen wollen. Letzteres trifft vermutlich auf die meisten Figuren in diesem Buch zu. Sie sind noch nicht auf die richtige Bahn gekommen, von der aus sie sich neu orientieren könnten.

Warum haben Sie sich in diesem Buch erneut Kurzgeschichten zugewandt und nicht der Romanform, wie in Ihrem letzten Buch, Alle meine Freunde (Éditions Guy Binsfeld 2020)?

Ich bin ein großer Fan von Kurzgeschichten. Ich mag sie als Leserin und auch als Schriftstellerin. In einem Roman bleibt man lange bei einer oder auch mehreren Figuren. Die Kurzform hingegen ermöglicht, nur einen kleinen Ausschnitt aus einem Leben zu zeigen. Das hält die Neugierde aufrecht und ist für mich als Schriftstellerin spannender. Es ist eine Herausforderung, in dieser sehr kurzen Form verschiedene Perspektiven einzunehmen und pointiert darzustellen. Gleichzeitig spielen die Geschichten in einem gemeinsamen Kosmos. Jede Hauptfigur kommt auch in einer anderen Geschichte vor, als Rand- oder Nebenfigur. Das ist nicht so explizit, dass es direkt auffällt, weil die Figuren zum Teil auch ohne Namen wieder auftauchen. Aber diese Geschichten und Figuren zu einem Roman zu verbinden, wäre zu gekünstelt gewesen.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Das ist eine lange Geschichte. Ich habe quasi schon als Kind angefangen. Meine erste Texte waren Gebete, auch beeinflusst durch die Erstkommunion, alles sehr religiös. Die Religiosität hat sich später aufgelöst, aber ich habe weiter geschrieben. Wenn mir in der Schule langweilig war, habe ich Miniaturen verfasst, und das irgendwann zuhause als Hobby weitergeführt. Als ich mir dann die Frage gestellt habe, was ich studieren will, bin ich durch Zufall auf zwei Studiengänge für Literarisches Schreiben gestoßen. Damit war meine Entscheidung gefallen, ich habe mich beworben und wurde glücklicherweise angenommen. Gegen Ende des Studiums habe ich mein erstes Buch veröffentlicht. Das ist jetzt über zehn Jahre her. Heute schreibe ich hauptberuflich, was natürlich nicht ohne eine gewisse Unterstützung durch das Kulturministerium gehen würde. Ich habe den „statut d’artiste“, was mir finanziell den Rücken stärkt. Als Schriftstellerin hat man ja sehr unregelmäßige Einkünfte.

Sie sind auch Mitglied bei A:LL Schrëftsteller*innen, dem 2020 gegründeten Schriftsteller*innenverband. Was bedeutet das für Sie?

Für mich ist es sowohl ein Zeichen nach innen als auch nach außen. Wir sehen uns als eine Zunft mit gemeinsamen Zielen. Wir sind nicht nur Idealisten, die eigenbrötlerisch vor ihren Computern sitzen. Es ist wichtig, dass wir auch gemeinsam für unsere Ziele eintreten und für sie kämpfen. In Luxemburg werden gewisse Standards der Verlagspraxis nicht eingehalten. Mit A:LL können wir geschlossen Vorschläge unterbreiten und tatsächlich etwas verändern, insbesondere zum Beispiel die Konditionen und die Kommunikation nach außen.

Sie veröffentlichen vor allem in Luxemburg?

Meine erste Veröffentlichung ist in Luxemburg erschienen, die zweite in Deutschland beim Conte Verlag. Danach habe ich wieder in Luxemburg veröffentlicht. Doch das ist schwierig, allein wegen der Verkaufszahlen und der Vertriebswege. Luxemburg ist einigermaßen abgeschieden von den anderen Buchmärkten, was sich auf die Verkaufszahlen niederschlägt. Lesungen werden nicht besonders gut bezahlt. Es bleibt noch viel zu tun.

Welche Auswirkungen hat die Absage der Leipziger Buchmesse auf Sie als junge Autorin, die bei dieser Gelegenheit ihr neues Werk einem größeren deutschsprachigen Publikum hätte vorstellen können?

Ich habe die Nachricht ziemlich gefasst aufgenommen. Ich bin mir bewusst, dass wir angesichts der Pandemie noch lange nicht in trockenen Tüchern sind. Zurzeit ist man immer darauf vorbereitet, dass Veranstaltungen ausfallen können. Natürlich ist es auch schade. Meine Vorfreude auf ein Event dieser Größenordnung, bei dem Literatur und Bücher im Vordergrund stehen, war groß. Die Autoren und die ganze Branche hätten aufatmen können – das fehlt jetzt einfach. In den letzten zwei Jahren habe ich zwei Bücher veröffentlicht, aber ich hatte noch nie so wenig Lesungen. Das ist unglaublich schade, weil man mit Lesungen oft ein neues Publikum erreicht. Wenn das Buch nicht „draußen“ ist, wenn es nicht besprochen oder beworben wird, dann geht es einfach unter. Und für etwas, an dem man selber und auch andere so lange gearbeitet hat, ist das fatal.

Sie sind dieses Jahr im Herbst zu Gast im Literarischen Colloquium in Berlin (LCB), wo Sie 2015 schon einmal waren. Was sind Ihre Pläne für die geplante Schreibresidenz?

Ich plane, zehn Wochen in Berlin zu verbringen. Ich werde an einem Projekt arbeiten, das ich vor Kurzem begonnen habe. Ein neues Buch mit Kurzgeschichten. Ich kann im LCB sehr gut arbeiten. Ich freue mich auch schon darauf, die Veranstaltungen dort zu besuchen, die Haus-Lesungen, und mich mit den anderen Stipendiaten auszutauschen. 2015 habe ich fast alle Veranstaltungen besucht, die während meiner Residenz stattgefunden haben. Das war unglaublich bereichernd.

Kann man sich bis dahin auf Veranstaltungen mit Ihnen in Luxemburg freuen?

Ab dem 31. März kann man im Servais-Haus die Ausstellung „Imaginer Servais – Preisgekrönte Literatur erleben“ besuchen, bei der die bisherigen Preisträger des Prix Servais vorgestellt werden – der Literaturpreis feiert dieses Jahr sein 30. Jubiläum. Mein Kurzgeschichtenband Larven, für den ich 2017 ausgezeichnet wurde, ist Teil dieser Ausstellung. Und für alle, deren Interesse an meinem neuen Buch geweckt wurde: Am 10. Mai stelle ich Was habe ich verpasst in einer Lesung mit Joseph Kayser in der Bibliothek in Ettelbrück vor.

Nora Wagener: Was habe ich verpasst? Kurzgeschichten. Editions Guy Binsfeld 2021. 144 S. 22,00 €

Claire Schmartz
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