Alexander Grodensky ist Rabbiner der liberalen Gemeinde in Esch. Das Land hat sich mit ihm über den Ukrainekrieg unterhalten, über Russland und das was er sich als homosexueller Vater für seinen Sohn wünscht

„Man muss nicht alles einpacken“

d'Lëtzebuerger Land vom 08.04.2022

Herr Grodensky, waren sie eigentlich vom Angriff auf die Ukraine überrascht oder haben Sie damit gerechnet?

Na ja, beides. Klar überrascht, weil niemand gedacht hat, dass tatsächlich ein Krieg kommt. Andererseits, wenn man zurückdenkt an das, was Putin und vor allem seine Ideologen in der Vergangenheit kundgetan haben, passt das schon sehr gut ins Bild. Diese Propaganda gegen die Ukraine lief schon seit Jahren. Ich selbst bin aufgewachsen mit dem Gedanken, dass man Ukrainern nicht richtig trauen kann, dass sie nationalistisch sind und man aufpassen muss. Und typisch jüdisch ist, dass man lieber vorsichtig ist, da es unter Ukrainern angeblich mehr Antisemitismus gibt. Seit den Maidan-Protesten von 2013-2014 hat sich das verstärkt. Ich war bis 2006 in Russland und damals hat man das schon mitgekriegt. Aber seit 2014 ist das natürlich noch viel präsenter in allen staatlichen Medien.

Sie haben Russland früh verlassen. Was hat sie zu dieser Entscheidung gedrängt?

Es war eine Mischung aus persönlichen Gründen. Ich war skeptisch, was meine Zukunft als Jude in Russland angeht. Ich wollte eigentlich eine ganz normale Familie haben und jemanden kennenlernen, der meine Ansichten teilt. Und in Russland war das ziemlich unwahrscheinlich, auch für einen schwulen Mann, der einen jüdischen Partner oder irgendwelche Art von jüdischer Beziehung hat und sich nicht verstecken möchte. Ich wollte in den Westen auswandern. Zunächst war ich ein Jahr in Israel, aber habe damals gemerkt: Das ist nicht meins. Weil Du in Israel immer einer bestimmten Gruppe zugerechnet wirst. Ich war aber eher Einzelgänger. Dort gab es so eine Gruppenmentalität und das war mir zu eng. Wenn Du religiös bist, dann musst Du dich klar positionieren. Freiheit war wichtig für mich und das war auch einer der Gründe, warum ich nach Westen wollte, weil es dort freiere Gesellschaften gibt. Und es gab auch eine gute Gelegenheit auszuwandern: Ich bin über das Studium nach Wien gekommen.

Oft wird von einer Suchbewegung berichtet, die unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion einsetzte und vor allem in einem Wiedererstarken der orthodoxen Kirche aufging. Würden Sie als einer, der in einer säkularen Familie groß geworden ist, die Rückbesinnung auf ihre jüdischen Wurzeln als Sinnsuche einordnen?

Ja, auf jeden Fall. Es gab da auch ein prägendes Erlebnis, als eine Mitschülerin nach einem Unfall verstarb. Bei ihrem Begräbnis fielen mir die christlichen Rituale auf und dass die Leute rundherum offensichtlich wussten, was zu tun sei. Und ich weiß noch, wie ich damals gedacht habe: Was wäre, wenn so etwas in meiner eigenen Familie passieren würde? Ich wüsste gar nicht, was zu tun wäre. Ich war also sehr wohl auf der Suche und war auch immer sehr geschichtsinteressiert. Aber das heißt jetzt nicht, dass alle so waren wie ich und alle plötzlich religiös geworden sind. Mir scheint die Mehrheit der Bevölkerung in Russland areligiös und die Verbindung zur orthodoxen Kirche eher nationalistischer Natur ist. Als ich aufwuchs, war Ostern nicht strukturtragend. Man hat nicht das Jahr nach kirchlichen Feiertagen organisiert, sondern nach säkularen Feiertagen wie der erste Mai.

Für die russisch-orthodoxe Kirche waren die Putin-Jahre gleichbedeutend mit einem enormen Machtzuwachs. Es war die Gelegenheit, sich vieles unter den Nagel zu reißen.

Der Patriarch Kyrill ist im Grunde genommen die ekklesiastische Version Putins. Seine Politik ist ähnlich auf Zentralisierung ausgerichtet wie die des russischen Präsidenten. Dabei ist die orthodoxe Kirche im Unterschied zur katholischen ursprünglich weit weniger zentralisiert und viel kollegialer. Aber mit ihm etablierte sich eine Art „russischer Papst“. Noch spricht niemand von „Unfehlbarkeit“, aber es würde mich nicht überraschen, wenn es irgendwann dazu kommt. Übrigens handelt es sich bei Kyrill auch um einen Ex-KGB-Agenten. Vor ein paar Wochen, anlässlich des Sonntags der Vergebung hat er in seiner Predigt den Ukraine-Krieg nicht als einen physischen, sondern einen „metaphysischen Krieg“ darzustellen versucht – unter anderem gegen die Gay-Parade gerichtet. Als seien die Ukrainer derart pro-gay, dass man etwas dagegen unternehmen müsste – also völlig absurd. Demnach geht mit diesem Krieg auch ein Eintreten gegen westliche Werte und den Liberalismus einher. Man versteht sich als Bollwerk der so genannten „traditionellen Werte“. Jede Diktatur versucht einen gewissen Grad an Homogenität in einer Gesellschaft zu erzeugen, und das geschieht nun einmal am einfachsten, indem man die Kirche unterstützt und ein gewisses ideologisches Narrativ. Über das, was wir sind und das, was die anderen sind. So wird die Gesellschaft stabilisiert. Was in der Ukraine gerade passiert, ist wirklich unfassbar. Man kann sich das überhaupt nicht vorstellen, vor allem was da jetzt an Massakern in Butcha bekannt wurde. Man fühlt sich wie im falschen Film. Dass die russische Armee so etwas machen kann, sprengt jede Vorstellungskraft. Das ist der pure Wahnsinn.

Wohin steuert Russland ihrer Meinung nach?

Es geht weiter in Richtung totalitärer Staat, und es wird schlimmer werden als die Sowjetunion. Damals, in den 70ger, 80ger Jahren waren die Leute kritisch gegenüber dem Regime. Man hat die sowjetische Ideologie nicht ernst genommen. Als ganz normaler Bürger hat man sich arrangiert mit dem System und zu überleben versucht. Heutzutage ist da emotional eine viel größere Nähe zum Staat, es gibt den nationalen Stolz und die kulturelle Skepsis – eine wirklich abgrenzende Haltung gegenüber dem Westen und auch Amerika, was neu ist. Das muss einem Sorge bereiten. Solange es sich nur auf die politische Führung begrenzt, ist das eine Sache. Wenn es aber so tief in eine Gesellschaft eindringt, dann ist das viel ernsthafter. Soziologen sprechen von Atomisierung, einem typischen Phänomen moderner Gesellschaften. Bloß in Russland geschieht das viel radikaler. Es gibt keinen Willen zur Solidarität heutzutage. Jeder versucht nur irgendwie in diesem System zu überleben und je weiter man von der Politik entfernt ist, desto besser - auch aus Sicherheitsgründen. Und ich bin wirklich überrascht, wie viel Menschen sich noch auf die Straße trauen. Vor dem Hintergrund, dass bereits an die 15 000 verhaftet wurden, ist das wirklich heldenhaft. Vor allem meine eigene Generation, die mehr Erfahrung mit der Welt und etwas zu verlieren hat durch die Abgrenzung und Abschottung ihres Landes - die zieht weg. Die Juden versuchen zu fliehen, nicht etwa wegen Antisemitismus, sondern weil Juden im Allgemeinen mobiler und dynamischer sind, aber auch sensibler, wenn es um solche Entwicklungen geht. Daher versucht man nach Möglichkeit in den Westen auszuwandern, vor allem nach Deutschland.

Auffallend ist, dass sehr viele Menschen offensichtlich eine völlig andere Wahrnehmung haben von dem, was da gerade passiert, auch aufgrund der russischen Propaganda.

Ehrlich gesagt, kenne ich niemanden in der jüdischen Gemeinde in Luxemburg, der unkritisch russisches Fernsehen schauen würde. Im Allgemeinen gibt es sehr viel Solidarität mit den UkrainerInnen. Wir sind eine kleine Gemeinde und trotzdem unterstützen wir Aufrufe für Spenden von der World Union for Progressive Judaism und anderen jüdischen Organisationen. Es gibt bei uns auch Leute, die bereit sind, bei sich zu Hause Flüchtlinge aufzunehmen. Wir hatten allerdings weniger Anfragen als beispielsweise Gemeinden in Polen oder Deutschland. Luxemburg ist dann doch weiter weg und die Leute fliehen normalerweise dorthin, wo sie Bekannte oder Freunde haben, oder wenn es sich um Juden handelt, dorthin, wo auch jüdische Infrastruktur vorhanden ist. So gesehen ist Deutschland natürlich viel attraktiver als Luxemburg, weil es dort auch viel mehr russischsprachige Gemeinden gibt. Überraschend ist, dass jene Leute, die die Unterstützung der jüdischen Gemeinde suchen, selbst oft nicht jüdisch sind. Das ist dann doch komplexer, als man manchmal denkt. Wie ich aber von meinen Kollegen in Deutschland höre, soll es in der Tat Gemeinden geben, die sehr prorussisch sind. Allerdings frage ich mich, ob das lange so bleiben wird, da man ja immer mehr erfährt über das, was in der Ukraine passiert.

Fühlten sie sich eigentlich manchmal als Russe in Europa missverstanden?

Dadurch, dass ich eigentlich integrationswillig war, war das für mich nicht wirklich ein Thema. Ich war ziemlich kritisch gegenüber der russischen Mentalität und ich wollte nicht als Russe in Europa leben. Wenn man Teil dieser Gesellschaft sein will, dann versucht man das so offen wie möglich zu betrachten. Am Anfang war es schwierig in Österreich, weil man automatisch an die Nazivergangenheit denken muss. Jedes Mal, wenn ich älteren Menschen in der Straße begegnet bin, habe ich mich sofort gefragt, was die wohl im Krieg gemacht haben. Und auch wenn man durch die Stadt geht und die alten Gebäude sieht und denkt: Hofburg. Hier war Hitler… Aber es hat dann auch irgendwann nachgelassen, vor allem, weil ich nicht wirklich mit Antisemitismus konfrontiert war. Ich kann nachvollziehen, dass man sich manchmal missverstanden fühlt, aber ich persönlich fühle mich oft sehr fremd mit Russen in Europa, auch wenn ich mit ihnen rede. Weil ich einen bunten Hintergrund habe – ich bin in Tadschikistan geboren und dann in der Republik Komi aufgewachsen, wo es eine nicht russisch-ethnische Bevölkerung gibt, dann war ich in Sankt Petersburg, in einer der europäischsten Städte Russlands. Ich habe in Israel gelebt, ich habe ein Jahr in Stockholm verbracht. Eine enge Bindung an die russische Kultur oder Mentalität habe ich aus biografischen Gründen also nicht.

Sie und ihr Mann sind vor Kurzem Eltern geworden. Denken sie manchmal daran, was sie ihrem Sohn an „Gutem“ aus der russischen Kultur weitergeben wollen?

Da ist zum Beispiel die Frage, ob ich mit ihm Russisch spreche oder nicht. Und da wir sowieso in Luxemburg in einer mehrsprachigen Gesellschaft leben… ist das nicht zu viel? Deutsch, Französisch, Luxemburgisch, Englisch, Hebräisch… noch dazu Russisch! Wozu? Na gut, um mit den Großeltern sprechen zu können... Aber er wird nie Russisch lernen, so dass er es wirklich sprechen kann. Ich will eigentlich nicht, dass er irgendeine Verbindung hat zur russischen Community. Es gibt einzelne Russen, die interessant sind, aber es gibt eine gewisse Gruppendynamik, wenn man so unter Russen ist, da fühle ich mich sehr fremd. Die Sprache wird Deutsch sein, da wir in der Familie Deutsch sprechen und wir eher mit dem deutschen Sprachraum vertraut sind – obwohl Russisch meine Muttersprache ist. Und das ist auch genug. Man muss nicht alles einpacken.

Frédéric Braun
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