Luxemburgensia

Gewinnerin des Prix Servais 2021: Ein Lob

d'Lëtzebuerger Land vom 11.06.2021

Der Prix Servais ist einer der wichtigsten Literaturpreise in Luxemburg und kürt jedes Jahr ein im vergangenen Jahr erschienenes Werk aus Luxemburg, unabhängig von Genre oder Sprache. Nach Nico Helmingers Gedichtsammlung Abrasch (2014) und Jean Kriers ausgezeichnetem Gedichtband Herzens Lust Spiele (2011) ist die Wahl der Jury zum dritten Mal im vergangenen Jahrzehnt auf einen Gedichtband gefallen: Ulrike Bails wie viele faden tief (Conte, 2020).

Ulrike Bail wurde in Metzingen in Tübingen geboren und lebt seit 2005 als Schriftstellerin in Luxemburg. Sie hat Theologie studiert, Texte und Artikel zu diesem Thema veröffentlicht und widmet sich seit den 2010-er Jahren der Poesie. Ihre Gedichte wurden in Zeitschriften und Anthologien wie den Cahiers luxembourgeois oder dem Jahrbuch der Lyrik veröffentlicht. 2011 erschien ihr erster Gedichtband wundklee streut aus. 47 gedichte über theodora (Conte), gefolgt von sterbezettel (edition offenes feld, 2016), die empfindlichkeit der libelle (Phi, 2017).

In ihrem 2020 erschienenem Gedichtband wie viele faden tief steht, wie Titel und Coverbild verheißen, das Nähen im Vordergrund, entlang dessen Vokabular die Autorin ihre Gedichte dekliniert. Kreuzstich, Kopfzackennaht oder Zickzackstich: Sie geben die Zeilenumbrüche eines Gedichtes vor, die Sprünge innerhalb der Verse. Mal spiegelt sich der geübte Rhythmus der Handarbeit oder das Rattern der Nähmaschine in den Versen, mal bestimmt das Zusammenspiel aus sichtbarer Vorder- und Rückseite die Folge der Bilder. Denn nicht das Endergebnis des Nähens, sondern die Minimalschritte stehen im Vordergrund, und so übernehmen die Stichmuster oder Fädchen die Sprache, werden auf den Text übertragen – die einzelnen Etappen, die sich vor allem beim Machen selbst feststellen lassen.

So geben auch die Materialien auf dem Nähtisch die Form vor: Die Sprünge und Verbindungen zwischen den Versen werden zu Nähten, Säumen, Schnitten oder Skizzen. Wie zum Beispiel das Gedicht Ausgefranst (S. 24) sich allmählich auflöst:

du löst die nähte auf löst los die fasern am äußersten
rand des zettelkastens nistest du stoffkante an holz
über vertäuungen verzäunt fransen verse aus geheule
wie gehäuse flattern ins verlinkt unvertäut verflogt

Wortschöpfungen wie „verflogt“ entstehen aus der Überlappung der verschiedenen Bilder: Begriffe über das Nähen vermengen sich mit Assoziationen, die an Vögel oder das Meer erinnern. „Fransen“, „Flattern“, „Fasern“: Auch diese Worte bezeichnen das Lose, Losgelöste, und dazu stellt die unvollständige, immer weiter zerfasernde Satzstruktur das Ausfransen selbst dar. Wenn anfangs noch eine Struktur zu erkennen ist, geht sie nach und nach ganz verschütt.

Inhaltlich schlagen sich das bildliche Vokabular und seine Verweise auch über das Nähstübchen hinaus nieder, wie bereits am Titel erkennbar ist: Denn der Faden ist auch ein nautischer Begriff, um Gewässertiefen zu messen, oder aber bezeichnet hier, in Bezug auf diesen Band, wie tief wir in die Sprache des Nähens vordringen und alles andere unter diesem Aspekt betrachten werden. So wird auch das Wort „säumen“ (S. 65) in alle Richtungen gebeugt und gewendet, streift dabei den Saum der Kleidung, den Säumerfuß, der an die Nähmaschine angebracht werden kann, aber auch das Versäumen, Verpassen. Vom Stöckchen zum Hölzchen, oder vom Knöpfchen zum Fädchen, besprechen sie Landschaften, das Schreiben selbst (das auch eine Art Nähen oder Säumen ist), Erinnerungen, Nachrichten aus aller Welt, indem die Begriffe wechselseitig vom Nähtisch ins Leben springen:

vogelspuren fransen über des wintersversäuberung im zickzackstich knapp an der kante büdig weiß die schussfäden in eisiger luft ein trippeln ein suchen die schnäbel inwendig überzogen in grün (Zickzackstich, S. 16)

Unglaublich zart sind die Gedichte in ihrer sprachlichen Offenheit, andeutungsvoll, lautmalerisch und vieldeutig. Sie spielen mit den Worten oder erschaffen neue Begriffe, die durch das jeweilige Stück, das jeweilige Gedicht vorherbestimmt sind und zugleich etwas Neues perfekt zu treffen scheinen. Dabei schöpft Bail aus den Tiefen des Fundus’ der deutschen Sprache, findet Raritäten in den Wörterbüchern und wendet sie zielgenau an. Das ist ein Worte-Kosten, das in vieldeutigen, sprunghaften und unvollständigen Satzstrukturen oder Assoziationen schwelgt. Und stets ein kompaktes Gedicht hervorbringt, dessen Deutung doch offen und vielfältig bleibt. Ein sprachlich anspruchsvoller und ausgestalteter Gedichtband, der sich vorder- und hintergründig einem einzigen, klaren Thema widmet und doch noch viel mehr sagt, erforscht und erkundet. Man würde sich höchstens noch Fadenbindung wünschen können für einen derartigen Gedichtband.

Ulrike Bail: wie viele faden tief. Conte (2020). 102 Seiten 17 Euro

Claire Schmartz
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