Theater

„Alles ist Dummheit, Schamlosigkeit, Scharlatanerie!“

d'Lëtzebuerger Land vom 06.12.2019

Was braucht ein Autor, um ein Werk, idealerweise ein Meisterwerk schreiben zu können? Welche Umstände begünstigen die Arbeit, welche machen sie unmöglich? Der Leser eines gedruckten literarischen Produkts denkt vermutlich eher an die Kreativität, die Schöpfungskraft des Autors oder auch die Erfahrungen, die zum Ausbruch eben dieser führen konnten. Wie sehr im besten Fall der Verleger an der sozioökonomischen Situation des Autors geschraubt und gefeilt hat, um das Entstehen des Werkes zu ermöglichen, bleibt dem Leser meist verborgen.

Außer er wendet sich einem Briefwechsel wie demjenigen zwischen dem österreichischen Autor Thomas Bernhard und dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld zu. In Ausschnitten inszeniert Marion Rothhaar diesen in einer gemeinsamen Produktion von Schauspielhaus Salzburg und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg mit den beiden lesenden Schauspielern Germain Wagner und Harald Fröhlich sowie Cathy Krier am Klavier. Angestoßen wurde das Projekt im 30. Jahr nach Bernhards Tod von der österreichischen Botschaft in Luxemburg.

Bernhard ist berüchtigt für seine Schimpftiraden, im Werk wie in der Wirklichkeit. Keine Überraschung also, dass er sich auch als Briefeschreiber ungehalten und unverschämt zeigt (ein Beispiel: „alle diese anderen Bücher, die jetzt gemacht werden, sind doch nichts anderes als ein Müllhaufen von Geistlosigkeit! Alles ist Dummheit, Schamlosigkeit, Scharlatanerie!“). Aber die Briefe bieten mehr als das: Einsicht in eine genauso feingesponnene wie teils raue Beziehung, das Kennenlernen zweier für die deutschsprachige Nachkriegsliteratur zentraler Figuren und subtile Analyse des eigenartigen Verhältnisses zwischen Autor und Verleger.

In Die Aufgaben des literarischen Verlegers beschreibt Unseld die strukturelle Paradoxie seiner Position: „Das zeitweilig immer wieder auftauchende Unbehagen in der Beziehung zwischen Autor und Verleger beruht auf der merkwürdigen, janusköpfigen Tätigkeit des Verlegers. Er muss die – wie Brecht sagte – „geheiligte Ware“ Buch produzieren und verkaufen, das heißt. er muss nun einmal Geist mit Geschäft verbinden und dies, damit der, der diese Literatur schreibt, leben kann, und der, der sie verlegt, in der Lage ist, sie zu verlegen.“

Die „Formel von Geschäft und Geist“, so eine andere Formulierung Unselds, ist namensgebend für den Abend im Théâtre des Capucins: In die Poesie gehört die Ökonomie – ein Zitat aus einem Brief Bernhards: „Die Zeit, da ich Sie mit finanziellen Kopfsprüngen nicht mehr belästigen werde, ist mit großer Sicherheit bald gekommen, dann entbehrt unser beider Verhältnis vielleicht gar die wunderbare Spannung, die mir, ich erstaune darüber nicht, so recht ist. In die Poesie gehört die Ökonomie, in die Phantasie die Realität, in das Schöne das Grausame, Hässliche, Fürchterliche hineingemischt.“ Dies schrieb Bernhard bereits sehr früh, im Dezember 1965, an seinen Verleger, gut vier Jahre nach seinem ersten Brief. Die Zeit ohne finanzielle Kopfsprünge kam jedoch nie: Der schriftliche Austausch endete erst mit Bernhards Tod 1989, bis zum Ende stand dieser Austausch im Zeichen von Vertrags- und Honorarverhandlungen. Dabei erinnert nicht nur die Sprache, wie die Herausgeber des Briefwechsels in ihrem Nachwort anmerken, an das „Vokabular der Kommuniqués verfeindeter Staaten“. Unseld versucht immer wieder, diplomatisch zu verhandeln, nur ist Bernhard so gar kein Diplomat. Und er muss es nicht sein, dessen ist Unseld sich bewusst, das ist aus vielen seiner Briefe herauszulesen.

Immer, wenn die Situation besonders heikel wird, wenn eine Einigung über Vorschüsse, Darlehen, Honorarsummen nicht mehr möglich scheint, schreibt einer der beiden: „Wir sollten uns doch noch einmal zusammensetzen“ oder „Wir müssen reden“. Der entscheidende Austausch, der über Bernhards Verbleiben im Suhrkamp-Verlag und damit, es ist wohl nicht zu viel gesagt, auch über sein weiteres Werk entscheidet, findet persönlich, von Angesicht zu Angesicht statt. Der Briefwechsel weist so ständig über sich selbst hinaus und wirft ein Licht auf die Unzulänglichkeiten der schriftlichen Kommunikation. „Es fehlt der Tonfall des anderen, man liest und interpretiert das Geschriebene immer aus seiner eigenen Stimmung heraus“, sagt Marion Rothhaar. In ihrer Inszenierung bestimmt unter anderem die Musik den Tonfall und wird so zum interpretatorischen Instrument. Die Regisseurin hat gemeinsam mit Cathy Krier die Musikauswahl getroffen, von Beethoven über Chopin bis Ligeti.

„Wer einen Brief schreibt, sieht die Reaktion des anderen nicht unmittelbar und kann zum Beispiel nicht direkt beschwichtigen, falls etwas falsch verstanden wird oder verletzt. Bei einem persönlichen Treffen schaut man sich in die Augen, das ist etwas ganz anderes. Diese Tatsache werden wir augenzwinkernd als Stilmittel in die Inszenierung aufnehmen. Anders als Bernhard und Unseld werden sich die beiden Schauspieler, oder in dem Fall besser Sprecher, einander zuwenden und in die Augen schauen können. Dadurch entsteht Spannung.“ Zusätzliche Theatralik brauche die Inszenierung aber nicht, die Dramatik liege in den Briefen selbst.

Mit Augenzwinkern nähert Marion Rothhaar sich auch Bernhards Schimpftiraden auf Theater und Theaterleute, die „ausbeuterischen Monumentalunternehmen der allgemeinen Geistesschwäche“ und „gigantischen Bollwerke der Geschmacklosigkeit“. „Ich stecke ja selbst in diesem System fest“, sagt sie und lacht. Ihre Regieanweisung an die Schauspieler: eine kritische Distanz zur Rolle einnehmen. Das passt zum durchgehend analytisch-reflexiven Charakter des Briefwechsels, der sich nicht zuletzt darin äußert, dass Unseld schon beim Schreiben die Wirkung auf die Nachwelt evoziert: „Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.“ Der Briefwechsel ist ein Dokument, das den Literatur- und vor allem Theaterbetrieb mit all seinen Verstrickungen im doppelten Sinne reflektiert. Das Ganze auf einer Theaterbühne inszeniert verspricht einen Meta-Abend im besten Sinn.

In die Poesie gehört die Ökonomie – Thomas Bernhard & Siegfried Unseld – Der Briefwechsel; Konzept und Inszenierung: Marion Rothhaar; mit: Harald Fröhlich und Germain Wagner, sowie Cathy Krier am Klavier; eine Koproduktion der Théâtres de la Ville de Luxembourg mit dem Schauspielhaus Salzburg (wo es derzeit gespielt wird); Aufführungen im Kapuzinertheater am Donnerstag 12. und Freitag 13. Dezember jeweils um 8 Uhr; theatres.lu.

Saskia Müller-Bastian
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