Binge watching

Frau gegen Frau

d'Lëtzebuerger Land vom 28.08.2020

Eine Ermittlerin jagt eine Auftragsmörderin. So weit, so bekannt. Im Zentrum von Phoebe Waller-Bridges für BBC-America produzierter Serie Killing Eve stehen die MI5-Beamtin Eve Polastri (Sandra Oh) und die geheimnisvolle Oksana Astankova, auch bekannt unter dem Namen Villanelle (Jodie Comer), die im Auftrag einer kriminellen Geheimorganisation Morde begeht. Beide liefern sich ein unerbittliches Katz-und-Maus-Duell und erkennen bald, dass sie sich der gegenseitigen Anziehungskraft nicht mehr erwehren können.

Eve Polastri ist eine Frau, die aus einer spannungsvollen Mischung von Selbstzweifeln und seltsam motivierender Angstlust geprägt ist. Sie besitzt kein Privatleben, die Beziehung zu ihrem Mann Niko (Owen McDonnell) leidet unter den Ermittlungsarbeiten, der Jagd nach der anderen Frau. Soziales Engagement kann aufgrund einer existenziellen Veranlagung von Professionalität nicht mehr stattfinden. Beides steht nicht mehr im harmonischen Einklang, sondern schließt sich aus. Freilich gibt es dazu reichlich filmische Vorbilder, allerdings war diese Rolle bislang hauptsächlich dem Mann vorbehalten – und da besticht Killing Eve durch die prominent inszenierte Geschlechtervarianz. Mit Killing Eve wenden sich Phoebe Waller-Bridges und die Regisseure Harry Bradbeer, Jon East und Damon Thomas der literarischen Vorlage der Villanelle-Romanen des Autors Luke Jennings zu, ferner den klassischen Vorbildern aus der Geschichte des Genres, und unterziehen dies einer ironischen Retrospektive. Nicht mehr der männliche Held ist der treibende Motor der Handlung, sondern die Frau. Der Mann übernimmt hier die Rolle des verständnisvollen und unterstützenden Partners, eine Figur, die kaum ausgearbeitet wird und der Dramaturgie der Serie entsprechend skizzenhaft bleiben muss. Bezeichnend sind in diesem Sinne auch die scharfen Dialoge, die der Serie ihre Spritzigkeit verleihen und einige Reminiszenzen an die hollywoodschen Screwball-Komödien der 30er-Jahre wecken, jenes Filmgenre, das besonders den weiblichen Charakteren den Dialog, den Wortwitz als schärfste Waffe zu eigen machte.

Der Konvention des Thrillers folgend, erzeugt Killing Eve sein Tempo durch den rasanten Wechsel der Schauplätze und der Vorstellung diverser europäischer Städte, die der Reisekatalog so zu bieten hat. Zum Aufbau des Spannungsfaktors ist die Parallelmontage ein gern genutztes Stilmittel, besonders wenn die Serie von der tiefen Verbundenheit beider Frauen erzählt. Die Faszination für die Killerin, für das Verbrechen, löst in Eve ein sonderbares Verlangen aus; beide Frauen verbindet eine Anziehungskraft, die latent erotische Züge offenbart. Villanelle ist ihrerseits von einem seltsamen Ineinander von Indifferenz und Überlegenheit, Gewalt und Kreativität geprägt. So werden ihre Morde dann auch immer ausgefallener, sie finden Vorbilder in der Malerei, ja sie werden fast schon zelebriert wie eine eigenständige Kunstform. Über die Figur der Villanelle, die von Jodie Comer mit Hingabe gespielt wird, erzählt Killing Eve im Grunde neben den allseits bekannten Stilmitteln Angst und Panik im Endeffekt auch die traurige Geschichte einer Frau, die durch die traumatisierenden Erlebnisse in ihrer Kindheit zur kranken Psychopathin wurde und fernab jeglicher Realität ihre eigene Welt geschaffen hat. Mit aktuellen filmischen Darstellungen weiblicher Super-Assassinen wie in Anna (2019) oder Ava (2020) hat diese Villanelle nicht viel gemein, viel eher strebt Phoebe Mary Waller-Bridges, die auch Hand an das Drehbuch für den neuen James-Bond-Film No Time To Die legte, ein komplexeres Bild von Weiblichkeit an, das mitunter verspielte Glamourösität und abgründige Bosheit in eins schließt.

Was Killing Eve von anderen Thriller-Serien unterscheidet, ist nicht allein die ironische Darstellung der Heldinnen und der Aktion. Die Serie ist irgendwo auch eine psychologische Komödie, die durch die Doppelgesichtigkeit der Heldinnen in Gang kommt, sie zelebriert förmlich ein Spiel mit Rollen. Darin wird dann auch nie wirklich erkennbar, wie groß die Faszination für die Andere bereits geworden ist oder wie weit sich die eine schon von der Anderen hat infizieren lassen. Marc Trappendreher

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Marc Trappendreher
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