Fotografie

Lineares Licht

d'Lëtzebuerger Land vom 04.09.2020

Während viele internationale Fotoausstellungen aufgrund der Pandemie in das nächste Jahr oder den virtuellen Raum verlegt werden, nimmt der Zyklus der fotografischen Saison 2019-2020 in Clerf weiter seinen Lauf; handelt es sich bei den Ausstellungen rund um das Schloss doch seit jeher um Covid-konforme „Fotografie unter freiem Himmel“. In Gärten, an Mauern, auf Felsen rund um den Ausstellungsort der Family of Man finden sich derzeit unter dem Titel Still Light Ausstellungen internationaler Fotografen. Mag der thematische Fokus auf Licht, einem essentiellen Bestandteil der Fotografie, zunächst wenig originell erscheinen, so zeigen sich beim Rundgang durch das Städtchen atmosphärische Arbeiten, in denen unterschiedlichste Lichtstimmungen vorherrschen. In Mona Kuhns Arbeit She Disappeared into Complete Silence verschmelzen Akt- und Tanzfotografie im Joshua-Tree-Nationalpark zu atmosphärischen Reflexionen über Körper und Landschaft in der warmen kalifornischen Wüstensonne. Anna Lehmann-Brauns hingegen inszeniert mit Sun Is an Empty Room düstere Innenräume im Stil von Filmsets. Die Hell-Dunkel-Kontraste bringen Tiefe in die filmisch ausgeleuchteten Räume, lassen dabei jedoch genug Zwischentöne für Details wie Beschriftungen.

Laufen die Ausstellungen dieser und weiterer Fotografen bereits seit letztem Jahr, so kamen im Juli die Ausstellungen zweier weiterer Fotografen hinzu, deren Lichtquellen kaum gegensätzlicher sein könnten. Während Hans-Christian Schink sich mit 1h dezidiert auf die Eigenheiten des Sonnenlichts konzentriert, fokussiert sich Gilles Coulon in White Night auf Leuchtstoffröhren. Gegenüber dem warmen Licht der Sonne, die das für das menschliche Auge wahrnehmbare Spektrum in vollem Umfang abdeckt, bildet das kalte, industrielle Neonlicht meist nur einen trüben und ungemütlichen Ersatz. Umso unerwarteter fallen die fotografischen Umsetzungen aus.

Schinks sonnige, weitläufige Landschaften aus verschiedenen Teilen der Welt schweben unwirklich auf gläsernen Trägern im Schlossgarten. Sie sind in Schwarzweiß gehalten und von starken Kontrasten geprägt. Irritierend ist das Erscheinungsbild: Über Felsenküsten, Flusstälern oder Palmenstränden – auf allen Bildern zieht sich ein tiefschwarzer Strich durch den Himmel. Die Bildunterschriften geben detaillierte geografische und zeitliche Angaben, und der Betrachter erfährt, dass es sich entsprechend dem Titel um Langzeitbelichtungen von exakt einer Stunde handelt. Schink macht sich dabei die Besonderheiten der analogen Fotografie in Form der sogenannten Solarisation zunutze. Wird Film belichtet, so schwärzt sich der Bildbereich zunächst. Nach längerer Zeit nimmt diese Schwärzung wieder ab und der Bereich wird hell. Auf dem anschließenden Abzug des Negativs erscheint der überbelichtete Bereich somit schwarz. Das Resultat erinnert an frühe Ufo-Filme: Wie eine Röhre aus dunkler Materie schwebt die Sonne über der Landschaft und tritt als Bildelement mit ihr in Konkurrenz. Dadurch wird sie zu mehr als einer simplen Lichtquelle für die Landschaftsfotografie. Schink gelingt mit dieser ungewöhnlichen Arbeit eine Synthese aus technisch akribischem Konzept und visuell hoch interessantem Ergebnis.

Auch in Gilles Coulons White Night, auf dem Parkplatz hinter der Kirche an den Fels montiert, ist die Lichtquelle linienförmig. In Fotografien aus aller Welt konzentriert sich der Träger des World Press Photography Award 1997 auf Leuchtstoffröhren. Gezeigt wird das Interieur von Restaurants in Kairo, ein Ventilatorengeschäft in Niger, Parkplätze, Fassaden. Die urbanen Schauplätze sind allesamt in dasselbe schummerige Neonlicht getaucht. Einer Vignettierung gleich erzeugt der Hell-Dunkel-Verlauf im Zusammenhang mit den menschenleeren Orten eine mysteriöse Atmosphäre und vereinheitlicht das Erscheinungsbild der Serie. Entzieht Schink der Sonne in seinen Bildern die Farbe, so erzeugt das vermeintlich kalte Neonlicht in Coulons Aufnahmen Zwischentöne, deutet Details und Texturen an. Im Vergleich zu Schinks konzeptueller Arbeit nährt sich hier die Atmosphäre jedoch banal aus der zuverlässig dämmerigen Lichtquelle. Die Neonröhre als ubiquitäres städtisches Element wirkt als Hauptmotiv in dieser Serie fast schon kitschig – wie eine Art urbanes Kerzenlicht. Es sind Lichtsituationen, die man zur Genüge aus Reisefotografie und Reportagen kennt und die ohne tiefergreifenderes Konzept nicht über einen dokumentarischen Charakter hinausreichen. Gerade die abfotografierte Lichtskulptur lässt den Betrachter nach der Eigenleistung des Fotografen fragen.

Mit Kuhns Lichtspielen, Lehmann-Brauns’ Rauminszenierungen und Schinks Surrealismus finden sich in Clerf bessere Beispiele, wie im Zusammenspiel aus Licht und fotografischer Perspektive atmosphärische Dichte erzeugt wird.

Weitere Informationen: clervauximage.lu.

Boris Loder
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