Kino

Zornige Männer

d'Lëtzebuerger Land du 25.06.2021

Mit The Gentlemen knüpfte Guy Ritchie wieder an das an, was er als Spielfilmregisseur seit seinen Anfängen tat – hat er sich vor rund zwanzig Jahren mit Lock, Stock and Two Smoking Barrels und Snatch doch einen Namen als Regisseur mit einer unverkennbaren Handschrift gemacht: In diesen Filmen ging es um kriminellen Klassenkampf; um Verbrecherstrukturen, die geprägt sind durch Herkunft und Gesellschaftsstatus; um das Erringen von Loyalität und Respekt; um durch Kommunikationsprobleme verschuldete Opfer. All dies griff der britische Regisseur mit The Gentlemen wieder auf. In Wrath of Man hat er sich inhaltlich zwar stärker von diesen Themenfeldern entfernt, aber mit Jason Statham einen alten Weggefährten in die Hauptrolle gesetzt. So hält er die früheren Filme gewissermaßen in der Erinnerung präsent.

Wrath of Man kann als so etwas wie Guy Ritchies erster moderner Western gewertet werden. Denn in ihm zeigt sich – und da ist sein weiterer Verleihtitel Cash Truck noch bezeichnender –, dass der Gangsterfilm die Extension des Westerns ist. Hier werden keine Postkutschen mehr überfallen, sondern Geldtransporter. Und wie im klassischen Western ist das Motiv des Helden die Rache: Der mysteriöse Hill, genannt H, bewirbt sich bei einer Geldtransportfirma, die durch immer mehr Überfälle in Bedrängnis gekommen ist. Doch der reservierte Fremde ist nicht der, für den er sich ausgibt. Bald schon merken seine Kollegen, dass er diesen Job aus ganz persönlichen Gründen angenommen hat und ganz eigene Ziele verfolgt. Die Frage nach seiner Identität ist der zentrale Punkt des Films; alles an diesem H ist beunruhigend.

Der „dark fucking spirit“, den seine Kollegen ihm zuschreiben, eilt ihm weit voraus. Nicht einmal darauf, dass seine Angaben während des Vorstellungsgesprächs stimmen, kann sich der Zuschauer verlassen. Dieser H wirkt wie arretiert in einem identitären Transitstadium; so gesehen handelt Wrath of Man vom Widerspruch, vom Gefangensein im Zwischendrin.

Dafür, dass der Film thematisch um Identität kreist, lässt er sehr wenig von der Persönlichkeit eines Guy Ritchie verspüren. Besonders überraschend an dem Film ist mithin, dass Ritchie – je bewusster er sich von seinen stilsicheren Markenzeichen entfernt – scheinbar nichts Neues mehr einfallen will. In Wrath of Man kopiert sich der Regisseur allenfalls in Ansätzen selbst und lässt so seine einst originellen Einfälle zu ärgerlichen Klischees verkommen. Ein möglicher Erklärungsgrund ist, dass es sich bei Wrath of Man um die Neuverfilmung des französischen Films Le convoyeur (2004) von Nicolas Boukhrief handelt. Wo Boukhrief sich noch von amerikanischen Produktionen absetzen wollte, indem er Charakterzeichnungen wichtiger einstufte als Action und Gewalt, konzentriert Ritchie sich eher auf das Gegenteil: Er verzichtet auf eine Ausformung seiner Hauptfigur, lässt sie betont stoisch und wortkarg erscheinen, ein Westerner eben, und betont stärker die Action. Diese willentliche Vernachlässigung hat freilich konzeptuellen Charakter: Sie steigert die Kluft zwischen dem mysteriösen Äußeren von H und seinem beschädigtem Inneren. Dabei erhöht die brutale und mitunter sinnfreie Bösartigkeit das Beunruhigende der Figur.

Wrath of Man ist weniger ungehobelt und originell in Sprache und Form wie Lock, Stock and Two Smoking Barrels und Snatch, mutloser in der Ironie als King Arthur: Legend of the Sword und bemüht sich auch nicht mehr um den unverhohlenen Dekonstruktivismus seiner Gentlemen. Das ist erstaunlich. Denn wenn Wrath of Man somit etwas gelingt, dann ist es, den Ausnahmestatus von Guy Ritchies Arbeiten ex negativo zu bestätigen: Keine der sonst so ausgefallenen, spritzigen Dialoge, die Quentin Tarantino in nichts nachstehen. Kein verspielter Montagerhythmus, keine erhöhte Schnittfrequenz. Kurz: kein Ritchie-typischer Stil.

Marc Trappendreher
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