ZUFALLSGESPRÄCHMIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Kolonialkrieg

d'Lëtzebuerger Land vom 12.01.2024

Soll die israelische Armee weiter Gaza bombardieren? Bis kein Stein mehr auf dem anderen liegt? Soll sie weitere Zehntausende Zivilisten töten? Die Meinungen in der Regierung gehen auseinander.

CSV-Premier Luc Frieden ist gnadenlos. Schließlich „verbidden ech mer total, ze jugéieren, wéini ee muss ophale mat reagéieren oder net“ (RTL, 1.1.). DP-Außenminister Xavier Bettel zweifelt. In einem Krieg „muss och eng Proportionalitéit do sinn. Sinn zwee Méint derno nach eng Proportionalitéit do?“ Fragt er das Parlament (19.12.).

Disproportionalität heißt in der israelischen Armee Dahiya-Doktrin. Das schert Luc Frieden wenig: „Wann eng Demokratie ugegraff gëtt, muss eng Demokratie – och am Respekt vum internationale Recht – sech och verteidegen. “ Er erklärt sich: „D’Ukrain ass attackéiert gi vu Russland, Israel ass attackéiert gi vum Hamas.“

Der Premier gibt sich kurzsichtig. Das Töten begann nicht am 7. Oktober. Als Hamas-Kämpfer aus dem Gaza-Gefängnis ausbrachen. Ihr Terror, der Gegenterror der israelischen Armee sind Episoden eines Kolonialkriegs. Er begann 1936 mit dem Aufstand arabischer Bauern gegen die britische Kolonialverwaltung, gegen jüdische Siedler. Die die Fellachen mit Geld und Waffen von ihrem Land vertrieben.

In der Nakba mussten Hunderttausende eingesessene Bauern ihre Lebensgrundlage aufgeben. Damit jüdische Kolonisten ein neues Leben beginnen konnten. Als andere Staaten sich weigerten, die Überlebenden der deutschen Konzentrationslager aufzunehmen.

Am 15. März 1945 verbot die CSV/LSAP-Regierung ihren Auslandsvertretern, „de prendre en considération les passeports pour étrangers et les passeports Nansen [...] ainsi que les cartes d’identité délivrées par le ministère de la Justice“.

Die Vertreibung hat nicht aufgehört. Die ehemalige Außenministerin Lydie Polfer besuchte Gaza. Sie erzählte dem Parlament am 17. Dezember 2014: „Dat ass effektiv e Prisong ënner oppenem Himmel, an d’Konditiounen, wéi d’Leit do musse liewen, sinn onerträglech.“ Ihr Nachfolger Jean Asselborn pflichtete bei: „Et kann ee keng 1,7 Millioune Leit ouni Hoffnung, dacks a grousser Aarmut an a Verzweiflung, aspären an erwaarden, dass se sech friddlech verhalen.“ Hinzu komme „eng aggressiv Siedlungspolitik op Territoiren, déi engem net gehéieren“.

Kolonialkriege sind asymmetrische Kriege. In diesem Fall zwischen einer Atommacht und einer Guerrilla. Asymmetrische Kriege sind besonders grausam: Hamas-Kämpfer brachten am 7. Oktober 1 200 Männer, Frauen, Kleinkinder und Greisinnen um, entführten 250 Geiseln. Der Kolonisierte, so Franz Fanon, „est toujours prêt à abandonner son rôle de gibier pour prendre celui de chasseur. Le colonisé est un persécuté qui rêve en permanence de devenir persécuteur“ (Les Damnés de la terre, S. 41).

Seither bombardiert die israelische Armee Wohngebiete, Schulen, Krankenhäuser in Gaza, behindert die Versorgung mit Trinkwasser, Lebensmitteln, Medikamenten, Benzin. Sie tötete bisher 23 000 Menschen, verletzte 60 000.

Dank Waffenlieferungen und UN-Vetos der USA macht die israelische Armee Gaza unbewohnbar. Das Kolonialregime verzichtet auf den gebundenen Absatzmarkt, auf die rechtlosen, billigen Grenzpendler. Im Schutz der Armee überfallen Wehrbauern im Westjordanland Dörfer der Fellachen. Der Augenblick scheint günstig. Um die 1967 begonnene Eroberung abzuschließen.

In Jerusalem berufen sich Minister auf die Bibel als Kataster. Sie versprechen eine zweite Nakba: Sie möchten die Bewohner Gazas in die Sinai-Wüste jagen. Oder nach Afrika umsiedeln. Kooperationsminister Bettel würde sicher humanitäre Hilfe leisten.

Bettel versicherte dem Parlament: „Déi eenzeg Solutioun ass, Här President, en Zwee-Staate-System.“ Der Außenminister gibt sich kurzsichtig. Er möchte die Schaffung vollendeter Tatsachen nicht sehen. „Entre la violence coloniale et la violence pacifique dans laquelle baigne le monde contemporain il y a une sorte de correspondance complice, une homogénéité“ (Fanon, S. 60).

Romain Hilgert
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