Almeida, Paula; Girtgen, Romain; Klein, Yvan: Le Luxembourg de toutes les couleurs

Buntes und Biografisches

d'Lëtzebuerger Land du 14.12.2000

Ein Wochentag in einer Gaststätte in der Oberstadt, die leutselige und bürgerliche Gemütlichkeit ausstrahlt und kein Ort ist, an dem jene in der Überzahl wären, die man abschätzig "Modernisierungsverlierer" nennt. Verdrossen erzählt eine Frau ihren Tischnachbarn, dass Unbekannte ihr am hellichten Tag Bargeld aus der Handtasche gestohlen haben. Das Gespräch wird erregter, man analysiert das Malheur aus allerlei ökonomischen, juristischen und sekuritären Blickwinkeln. Dann steht plötzlich bleiern der Satz im Raum: "Mä dat woren dach bestëmmt erëm Auslänner!" Es regt sich kein Widerspruch. Dass eine ausländische Kellnerin gerade den Nebentisch abräumt, wird nicht einmal zur Kenntnis genommen.

Mag man das nun als verbalen Ausrutscher, schon als schroff formulierte Ausländerfeindlichkeit oder schlimmstmöglich als breiten Konsens definieren: auf Berührungsängste und Vorurteile trifft man allenthalben in der luxemburgischen Gesellschaft. Daran wird vermutlich auch die Foto- und Textdokumentation Le Luxembourg de toutes les couleurs nichts ändern, die in den Éditions Binsfeld von der Association de soutien aux travailleurs immigrés (Asti) verlegt wurde. Und dennoch ist dieses Buch, mit dem die Asti auch ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert, in zweierlei Hinsichten wichtig. Es bestätigt zumindest all jene, die wissen, dass es ein Leben jenseits der eigenen Tellerrandperspektive gibt. Und es deutet gleichzeitig an, wie denn eine "société plus citoyenne", wie es im Vorwort heißt, auszusehen hat. 

Auf 205 großformatigen Seiten werden die Biografien und Porträts von dreißig Menschen vorgestellt, die in Luxemburg leben: im Lande Geborene, Zugewanderte, Vertriebene. Es sind Sportler, Arbeiter, Künstler, Beamte, eingefleischte Individualisten oder Vereinsmenschen, Ärzte, Studenten, ein Schwimmeister, ein Gastwirt, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Rentner. Pluralität hatte eindeutig den Vorrang vor Repräsentativität: "Au lieu de présenter des statistiques, chiffres ou autres données objectives, nous avons tenu à concevoir un ouvrage vivant en donnant la parole aux personnes y figurant et à leur histoire personnelle", wird in der Einleitung hervorgehoben. 

Die Porträtierten sind Luxemburger und Portugiesen (mit jeweils drei Kurzbiografien von Angehörigen dieser beiden demografisch wichtigsten Bevölkerungsgruppen), sie kommen aus Marokko und dem Irak, aus Italien und Belgien, China und Vietnam, Bulgarien und Montenegro, Chile und Spanien, Kongo und den Kapverden. Sie erzählen von Flucht und Exil, wie die Frau aus Ruanda, die Angehörige ihrer Familie bei den Massakern 1994 verlor, von ihren vorsichtigen Bemühungen, sich die Fremde als Heimat anzueignen, ihrem Engagement in kulturellen, sozialen, karitativen und politischen Assoziationen, von ihren Ängsten und Hoffnungen. 

Schwierigkeiten werden nicht verschwiegen; der kritische Unterton gegenüber dem luxemburgischen Schulsystem und den unattraktiven Strukturen für Erwachsene, die gerne die erste Landessprache erlernen möchten, ist allgemein. Diese Vorwürfe nimmt auch der Historiker Gilbert Trausch in seinem Beitrag "La cohabitation entre Luxembourgeois et étrangers" über das Großherzogtum als klassisches Einwanderungsland auf. Auch wenn Französisch in vielen sozialen und interkommunitären Bereichen zum wichtigsten Kommunikationsmittel  geworden ist, dürfe nichts unterlassen werden, um Neuankömmlingen und länger im Land Verweilenden den Zugang zur luxemburgischen Sprache zu erleichtern. "L'intégration passe d'abord par la langue", so Trausch. Auch in einem Land, in dem selbst die autochthonen Stacklëtzebuerger auf einen korrekten Satzbau, grammatikalische Genauigkeit und zutreffende Wortwahl wenig Wert legen.

 

Paula Almeida, Romain Girtgen, Yvan Klein: Le Luxembourg de toutes les couleurs, Éditions Guy Binsfeld, Luxemburg 2000,  205 S., 1275 Fr.

 

Jhos Levy
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