Die Laboratoires Réunis haben an Corona nicht schlecht verdient. Nun hat ein französischer Konzern die Mehrheit an der Junglinster Firma erworben

Boombranche, unruhige

d'Lëtzebuerger Land du 09.07.2021

So schnell kann das gehen: Seit 1. Juli werden die meisten Luxemburger Privatlabors für biomedizinsche Analysen von ausländischen Gruppen kontrolliert. Ketterthill, der Marktführer, gehört schon seit 2012 zum französischen Cerba-Konzern. Am 1. Juli übernahm der ebenfalls französische Biogroup die Mehrheit der Aktien der Laboratoires Réunis. Weil es in Luxemburg nur drei Privatlabors gibt, ist Bionext nun das einzige luxemburgische, wenn man so will. Sein Gründer und Chef Jean-Luc Dourson war bis 2012 Besitzer von Ketterthill, trat die Firma an Cerba ab, wurde Cerba-Aktionär und blieb zunächst Ketterthill-Geschäftsführer. Bis er sich an den Rand gedrängt und Ketterthill von Cerba ausgenutzt empfand. Worauf Cerba ihn als Geschäftsführer feuerte, für den Rückkauf von Ketterthill eine Summe verlangte, die Dourson zu hoch war. In der Labor-Welt, obwohl die der öffentlichen Gesundheit dienen soll, geht es nicht immer fein zu.

Biogroup hat die Laboratoires Réunis nicht ganz übernommen, sondern nur 51 Prozent der Anteile. Den Rest hält Firmengründer Bernard Weber, der auch CEO und Verwaltungsratspräsident bleibt. Dem Land erklärt Weber, er wolle noch an die fünf Jahre Aktionär sein. Biogroup habe nur in strategischen Fragen das letzte Wort, das Tagesgeschäft leite er. Weber weist auch darauf hin, dass Biogroup „nicht finanzialisiert“ sei. Das ist ein kleiner Seitenhieb auf Ketterthill und Cerba: Die Mehrheit an Cerba halten Investmentfonds, die sich ungefähr alle fünf Jahre abwechseln. Biogroup dagegen gehört den Mikrobiologen und Pharmazeuten, die das Unternehmen gegründet hatten.

Dieser Unterschied kann bedeutsam sein: Erwirbt ein Investmentfonds Anteile, will er verdienen, wenn er sie wieder verkauft. Was zu Rentablitätsdruck führt und eventuell dazu, dass Invesitionen unterbleiben. Womit sich die Frage stellt, was die wachsende Kontrolle durch große Gruppen in der kleinen Luxemburger Laborwelt bewirken könnte. Groß ist auch Biogroup; in Frankreich gilt das Unternhmen als Nummer zwei nach Cerba. Im Herbst vergangenen Jahres kaufte Biogroup das größte Labor in Belgien, CMA-Medina. Die belgische Presse spekulierte anschließend, dass Biogroup dadurch größer als Cerba geworden sein könnte und vergleichbar mit dem deutschen Synlab und den Schweizer Unilabs, den beiden Schwergewichten in Europa. 2020 soll der Umsatz von Biogroup bei sechs Milliarden Euro gelegen haben, zehn Mal mehr als 2018.

Utopisch ist so ein Umsatzzuwachs keineswegs: Die Laborbranche gehört zu den Corona-Krisengewinnern. Denn es sind Labors, die PCR-Tests auf das Virus, Antigen-Schnelltests auf eine laufende Infektion oder Antikörper-Tests auf ein Immun-Potenzial vornehmen. Bei den Laboratoires Réunis stieg der Umsatz ebenfalls. Wegen der Aktien-Transaktion hat die Firma ihre Bilanz 2020 schon publiziert: Der Nettoumsatz wuchs von 30,6 Millionen Euro 2019 auf 100,7 Millionen im vergangenen Jahr. Der Nettogewinn lag mit 15,46 Millionen Euro elf Mal höher als 2019 (1,34 Millionen).

Grund dafür dürfte vor allem das Large-scale testing sein – die Analysen der PCR-Tests aus den Drive-in-Stationen besorgen die Laboratoires Réunis alleine. Ihre Bilanz vermittelt einen Eindruck davon: Ärztlich verschriebene Analysen, deren Kosten die CNS den Labors erstattet, machten 37,68 Millionen der 100,7 Millionen Euro Gesamtumsatz aus. Das Gros von 53 Millionen bildeten „diverse Einnahmen“. Unter diesem Punkt hatten die Laboratoires Réunis im Jahr vor der Seuche nur 202 000 Euro in der Bilanz stehen.

Wie viel genau die Firma am Large-scale testing verdient hat und noch verdienen könnte, sei „vetraulich“, sagt Bernard Weber. Das sei mit der Regierung so abgemacht. Ziemlich klar scheint aber, dass sich auch die Bilanz 2021 des Labors wird sehen lassen können: Über die bisher drei Gesetze zum Large-scale testing erhielt es nicht nur den Auftrag für die Analysen in Phase eins, die bis September 2020 dauerte, sondern auch für Phase zwei (bis März 2021) und drei (bis zur Rentrée am 15. September). Der kommerzielle Erfolg aus den Massentests habe aber keinen Einfluss auf die Bewertung des Unternehmens für den Deal mit Biogroup gehabt: „Die geschah hors Corona“, erklärt Bernard Weber, „Corona ist ein einmaliger Schub.“ Die Frage, wie viel Biogroup für den 51-Prozent-Anteil bezahlt hat, beantwortet Weber ebenfalls mit, „das ist vertraulich“.

Weil das Gesundheitsministerium sogar Abgeordneten nicht erklären will, bei wem welcher Teil der insgesamt rund 130 Millionen Euro Staatsgeld für die drei Phasen des Large-scale testing bleibt, was davon zum Beispiel an den Militärdienstleister Ecolog geht und was an die Schuman-Tochter Santé services SA, wird darüber wohl erst eine Untersuchung des Rechnungshofs Aufschluss geben. Ende Juni hat der parlamentarische Haushaltskontrollausschuss sie auf Betreiben von ADR und CSV bestellt. Der Rechnungshof soll auch ermitteln, ob die Regeln für öffentliche Ausschreibungen eingehalten wurden.

Bis der Bericht vorliegt, könnte zwischen den Privatlabors der Frieden fragil bleiben; die Biogroup-Mehrheit an den Laboratoires Réunis hätte damit gar nichts zu tun. Denn es ging erneut um das Large-scale testing, als Bionext-Chef Jean-Luc Dourson sich am Mittwoch darüber beschwerte, dass das Gesundheitsministerium am Montag per Facebook bekanntgeben hatte: „Ab dieser Woche geht LST mit mobilen Teststationen auf Tour.“ Den Anfang mache eine Station in der Bartringer City Concorde.

„Warum kann nicht auch ich solche Tests gratis anbieten, weil mir die Staatskasse das bezahlt wie den Laboratoires Réunis?“, fragt Dourson gegenüber dem Land aufgebracht. Die Frage ist nicht unberechtigt, nachdem der Regierungsrat Mitte Juni entschied, bis zum 15. September könnten alle, die einen Covid-Check haben möchten, aber weder geimpft, noch genesen sind, über die Covid-Webseite der Regierung einen Termin für einen Gratistest an einem der Drive-ins fürs Large-scale Testing vereinbaren. Eine Woche später richtete Dourson einen scharfen offenen Brief an Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP). Er warf ihr vor, staatlich finanzierten unlauteren Wettbewerb zu dulden, und ging so weit, anzudeuten, dass es dazu Absprachen mit den Akteuren geben könnte.

Laboratoires-Réunis-Chef Weber sieht die Auseinandersetzungen um das Large-scale testing gelassen: „Ich gehe davon aus, dass die Regierung die nötigen Vorkehrungen getroffen hat, um sich nichts vorwerfen lassen zu müssen.“ Dass die Angelegenheit eine politische Dimension annehmen und der Rechnungshof mit einer Untersuchung beauftragt werden könnte, sei „zu erwarten gewesen, schließlich geht es um viel Geld vom Staat“. Dass die schon länger schwelenden politischen Auseinandersetzungen um das Large-scale testing einen Einfluss auf die Transaktion mit Biogroup hatten, bestreitet Weber zunächst, räumt dann aber ein: „Wenn vor der Due-Diligence-Prozedur plötzlich eine Summe im Raum gestanden hätte, die umstritten gewesen wäre, hätte das die Operation beeinträchtigen können.“ Denn nicht immer geht es fein zu in der Laborbranche.

Keinen Kommentar dazu im Zusammenhang mit Covid, und was die Präsenz großer ausländischer Gruppen für den Sektor in Luxemburg bedeuten könnte, möchte Stéphane Gidenne machen, der Präsident des Branchenverbands Fédération luxembourgeoise des laboratoires d’analyses médicales (FLLAM). Der FLLAM gehören die drei Privatlabors an, nur die drei. Auf die schriftliche Anfrage des Land um einen Kommentar reagierte Gidenne nicht. Vielleicht, weil er auch CEO von Ketterthill ist und traditionell sehr diskret. Verglichen mit den Laboratoires Réunis und Bionext hielt der Marktführer sich mit Analyse-Angeboten in der Pandemie deutlich zurück. Zwar bietet Ketterthill Tests an, hat aber nicht so aufgerüstet wie die anderen beiden Labors und beteiligte sich so gut wie nicht an den Diskussionen um das Large-scale testing oder am Kampf um Marktanteile für den Covid-Check.

Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden. Auszuschließen ist nicht, dass es mit der Weiterveräußerung der Aktienmehrheit an Konzernmutter Cerba an einen neuen Investmentfonds im Frühjahr dieses Jahres zu tun hat: Die Transaktion soll 4,5 Milliarden Euro gekostet, den Cerba-Konzern mit mehr als dem elffachen operativen Betriebsergebnis (Ebitda) bewertet haben und laut dem in London ansässigen Informationsdienst Healthcare Business International „the largest transaction ever in European healthcare services“ gewesen sein. Was das mit Corona-Tests zu tun haben könnte? Sie vorzunehmen, erfordert Investitionen in Technik und Personal, was ein Labor zunächst weniger rentabel macht. Die spektakuläre Bewertung von Cerba zur Übergabe der Mehrheit an den nächsten Private Equity Fonds musste Rentabilität des Konzerns vorausgesetzt haben. Und vielleicht Zurückhaltung bei Investitionen durch Cerbas Tochterfirmen.

Dass zwischen den drei Luxemburger Privatlabors demnächst nicht nur die Konkurrenz sich verschärft, sondern Schluss sein könnte mit dem bisher gepflegten Grundsatz „Leben und leben lassen“, ist nicht gesagt. Wengleich zumindest zwischen Bionext und den Laboratoires Réunis die Stimmung nicht die beste ist. Künftig könnten die drei Labors sich am Laboratoire nationale de santé (LNS) reiben: Das frühere Staatslabo, seit 2012 eine öffentliche Einrichtung privaten Rechts, war schon vor zwölf Jahren einem Druck der Privatlabors ausgesetzt, „Routineanalysen“ an sie abzugeben.

Später bedrängten vor allem die Laboratoires Réunis die wechselnden Gesundheitsminister/innen, die Untersuchungen von Gewebeproben auf Tumoren nicht mehr allein von der Abteilung für Anathomopathologie des LNS vornehmen zu lassen. Zu jener Zeit standen die Krebsanalysen des LNS stark in der Kritik; Bernard Weber argumentierte, seine Partner im Ausland könnten sie zuverlässiger und schneller erledigen. Gegen das LNS-Monopol klagte er vor dem Verwaltungsgericht, wurde aber abgewiesen. 2018 erklärte ein neues Krankenhausgesetz nicht nur die Anathomopathologie, sondern auch die Abteilung für Genetik am LNS zu „services nationaux“ an einem „Diagnosezentrum“ und schrieb die Monopole in beiden Bereichen fest.

Dort möchte Bernard Weber nun mit seinem neuen großen Partner und Mit-Aktionär ansetzen: Biogroup betreibt im Elsass eine Genetik-Abteilung, „und wir kooperieren mit ihr schon seit Jahren“. Die Genetik, sagt Weber, sei „ein derart weites Feld, da gibt es für jeden etwas zu tun“. Die Laboratoires Réunis entwickeln seit gut 20 Jahren Test-Kits für genetische Analysen, die sie vor allem im Ausland verkaufen. Mit Biogroup erhofft Weber sich einen leichteren Zugang zum französichen Markt. Mit Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) habe bereits ein erstes Gespräch stattgefunden, ob das Junglinster Labor nicht doch eine Rolle spielen könnte bei Genanalysen. Er wolle das aber, sagt Weber, „nicht im Konflikt erreichen“. Als könnte es in der Branche doch fein zugehen.

Peter Feist
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