LEITARTIKEL

Wozu sind Spitäler da?

d'Lëtzebuerger Land vom 27.05.2022

Am Montag deponierte Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) im Parlament den Gesetzentwurf, der den vier Krankenhausgruppen erlauben soll, an je zwei zusätzlichen Standorten bestimmte ambulante Angebote zu machen. Unter anderem Radiodiagnostik. Das soll nicht zuletzt das Politikum „IRM Potaschbierg“ zur Ruhe bringen. Würde die Radiologie in dem Ärztehaus von einem Spital übernommen, könnte sie weitermachen. Für die Kostenübernahme durch die CNS legt der Gesetzentwurf ebenfalls die Basis. Sie würde auch für andere Radiologien gelten, in Junglinster und Cloche d’Or zum Beispiel.

Für die Ministerin und ihre Partei ist es natürlich vorteilhaft, wenn die politischen Konflikte um Auslagerungen im Allgemeinen und um IRM im Speziellen aufhören. Doch würden sie sich zuspitzen, böte sich die Möglichkeit, eine Diskussion zu führen, die geführt werden müsste: Wozu sind die Spitäler da?

Luxemburgs Krankenhaussystem ist ziemlich einzigartig. Die Ärztinnen können verschreiben, was sie wollen, die Patienten können nachfragen, was sie wollen. Die Direktionen haben nicht viel zu sagen; vor allem an den Häusern mit freiberuflichen Belegärzten. Wie es um die Qualität der Leistungen steht, ist öffentlich nicht bekannt. Abgesehen von einer Reihe „Services nationaux“ (vorwiegend am CHL), bietet jedes Spital dasselbe an. Damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen, zwingt die CNS alle Kliniken seit zehn Jahren in ein Globalbudget. Schwierige Krankheitsfälle werden ins Ausland überwiesen.

Im Wahljahr 2018 begann der Ärzteverband AMMD zu erzählen, die Spitäler seien „ineffizient“. Das ist nicht ganz falsch, aber richtiger wäre zu sagen, dass der gesamte Sektor nicht gut organisiert ist. Es dauerte bis zur Gesundheitsreform von 2010, um bis hinunter zu den Krankenhaus-Trägerorganisationen einen Konsens darüber herzustellen, dass in wichtigen medizinischen Bereichen die Bildung von „Kompetenzzentren“ nötig ist. Im Sinne von: Wer macht an spezialisierten Tätigkeiten was? Der Krankenhausverband FHL sollte diese Festlegung treffen, und 2011 gelang das fast. Aber nur fast. Anschließend lautete der Kompromiss „Kompetenznetzwerke“. Nur ein anderes Wort dafür, weitermachen zu können, wie bisher. Ohne klare Organisation und ohne Hierarchien. Kein Wunder, dass von den Netzwerken nicht viel zu hören ist. Die offizielle Begründung lautet, daran sei Corona Schuld.

So kann das durchaus weitergehen. Wäre da nicht zum Beispiel die Einsicht, dass Luxemburg seine Ärzt/innen selber ausbilden muss, wenigstens einen Teil. Die ersten drei Jahre Medizin-Grundstudium werden an der Universität Luxemburg schon angeboten. Demnächst vielleicht auch die verbleibenden drei. In ein paar Fachdisziplinen kann die fünf- bis sechsjährige Spezialausbildung absolviert werden. Und künftig sollen auch Pflegeberufe mit Bachelor oder Master Uni.lu verlassen.

Wer so etwas will, darf nicht zulassen, dass die Spitäler sich verzetteln. Die Bündelung von Kompetenzen ist nötig. Falsch wäre auch, Aktivitäten, die Studenten übernehmen können, aus den Kliniken in Centres médicaux auszulagern. Wer Spitzenmedizin auf universitärem Niveau will, muss aber auch die Frage beantworten, mit welchem Statut Ärztinnen und Ärzte an den Krankenhäusern tätig sein sollen: angestellt oder freiberuflich? Beziehungsweise: für welche Tätigkeiten mit welchem Statut? Spitzenmedizin wird kaum leisten können, wer den größten Teil seiner Arbeitszeit im Cabinet verbringt und nur ab und zu im Krankenhaus auftritt.

Zehn Tage ehe sie in der Abgeordnetenkammer den Gesetzentwurf deponierte, der die ambulanten „Antennen“ regeln soll, hinterlegte Paulette Lenert einen Gesetzentwurf über den Staatsbeitrag von knapp 556 Millionen Euro zum Neubau des „CHL Centre“. 2028 soll er fertig sein. Zusammen mit dem Escher Südspidol erhielte Luxemburg damit gegen Ende dieses, beziehungsweise Anfang des nächsten Jahrzehnts zwei neue Krankenhäuser. Letzten Endes aber sind das nur zwei moderne Gebäude, keine andere Medizin.

Peter Feist
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