Saint-Paul Luxembourg will ein Viertel seiner Belegschaft entlassen. Ein Ende der Medienkrise ist nicht in Sicht

Wortbruch

« Die Druckerei von Saint-Paul Luxembourg in Gasperich
Foto: Patrick Galbats
d'Lëtzebuerger Land vom 25.09.2020

Ernüchterung Diese Woche ist wieder Pluri-media-Zeit: Die neuesten Umfrageergebnisse von TNS-Ilres zum Medienverhalten der Luxemburger/innnen werden publiziert. Oder wie es branchenintern unter Journalist/innen heißt: Zeit der Selbstbeweihräucherung. Denn die Medienhäuser legen dann ein Verhalten an den Tag, das sie so oft an Politik und Wirtschaft kritisieren. Sie übertreiben maßlos. Sprechen von „Rekordzuwächsen“. Klopfen sich auf die eigenen Schultern. Oder feiern sich zumindest für das Halten der „starken Position“. Als wäre Luxemburg ein Land voller Newsjunkies.

Die Realität sieht natürlich anders aus. Nahezu alle Presseorgane verzeichnen seit Jahren Umsatzeinbrüche. Nahezu alle Medien verlieren Leser/innen, Hörer/innen oder Zuschauer/innen. Ausnahmslos alle Medien in Luxemburg können ohne staatliche Gelder nicht überleben. Anzeigenkunden ziehen ab, Abonnentenzahlen schwinden. Im Netz tummeln sich zwar Tausende potenzielle Kunden, aber ein Geschäftsmodell, um diese gewinnbringend an sich zu binden, haben die Medienhäuser noch nicht gefunden. Die fetten Jahre sind längst vorbei, lautet die Analyse, die dermaßen oft beschrieben und beklagt worden ist, dass die Aussage fast trivial wirkt. Aber der Trend der Medienkrise hält ungebrochen an.

RTL Group hat noch vor Corona einen Sozialplan für 69 Mitarbeiter verabschiedet, das Lëtzebuerger Journal stellt das Printgeschäft Ende des Jahrs ein, wird ein reines Digitalmedium und trennt sich von einem Viertel der 13-köpfigen Belegschaft, Woxx und d‘Lëtzebuerger Land sind seit Jahren angeschlagen, das Onlinemedium Reporter steht noch nicht auf sicheren Beinen, Maison Moderne bläht sich seit Jahren künstlich auf und Editpress taumelt selbst nach der Schließung der Wochenzeitung Le Jeudi und des Verkaufs einiger Immobilien in eine düstere Zukunft. Nur der öffentlich-rechtliche Sender Radio 100,7 bleibt bei dieser Entwicklung außen vor, wenn auch immer noch ohne eigenes Gesetz.

Sozialplan Trotz dieser trüben Lage hat eine Nachricht der vergangenen Woche dennoch überrascht: Fünf Monate nach der Übernahme von Saint-Paul Luxembourg (Luxemburger Wort, Télécran, Contacto, Radio Latina und Luxembourg Times) will der neue belgische Aktionär Mediahuis sich von 80 Mitarbeiter/innen bei Saint-Paul trennen. Das heißt: Rund ein Viertel der Belegschaft muss gehen. Die Nachricht hat zum einen überrascht, weil Saint-Paul nach drei schmerzhaften Sozialplänen innerhalb von zehn Jahren sich eigentlich wieder in ein profitables Unternehmen gewandelt hat, mit Gewinnen von bis zu vier Millionen Euro im Jahr. Sie hat aber vor allem deshalb überrascht, weil bei der Übernahme von allen Seiten ein Sozialplan mit Massenentlassungen ausgeschlossen wurde: Generaldirektor Paul Peckels hat ihn verneint, Mediahuis-CEO Gert Ysebaert hat ihn verneint und selbst der Verkäufer Kardinal Jean-Claude Hollerich hat so einen Plan verneint.

Während sich das Bistum laut Land-Informationen wegen des Wortbruchs hintergangen fühlt, hat Reporter Anfang der Woche skizziert, was genau dem Konzern vorschwebt. Demnach betrifft knapp die Hälfte der 80 Entlassungen die Redaktionen des Hauses. 23 Journalist/innen sollen auf einer „Streichliste“ stehen, die Generaldirektor Paul Peckels und Personalchef Pascal Marchesin ausgearbeitet haben. Darunter vor allem Journalist/innen des Flaggschiffs Luxemburger Wort. Laut Angaben von Personen, die an der Ausarbeitung des Sozialplans beteiligt sind, soll eine Summe von fünf Millionen Euro im Raum stehen, die eine Personalreduktion einbringen soll. Der Konzern zielt wohl insbesondere auf die Generation der Babyboomer – Mitarbeiter/innen, die noch mit alten Kollektivverträgen eingestellt wurden, als Saint-Paul noch großzügige Gehälter zahlen konnte. Die vollkommene Einstellung des Printgeschäfts oder etwa des Printmagazins Télécran stehe jedoch nicht zur Disposition. Langfristig soll die Druckerei, die nicht zu Saint-Paul, sondern dem Bistum gehört, lukrativen Immobiliengeschäften weichen. Aber dazu muss die Stadt Luxemburg noch den Bebauungsplan anpassen. „Die Zukunft des Printgeschäfts von Saint-Paul liegt in der Hand von Bürgermeisterin Lydie Polfer“, so ein Mitarbeiter des Medienhauses.

Paul Peckels wollte die Details zum Sozialplan nicht kommentieren und zeigt sich generell wortkarg. Den kurzfristigen Kurswechsel begründet er mit den Einbußen des Anzeigengeschäfts in Millionenhöhe aufgrund der Coronakrise. Doch viele andere halten das nur für einen Teil der Wahrheit, für einen vorgeschobenen Grund. Demnach soll der Plan der Umstrukturierung, Rationalisierung und Digitalisierung schon länger in der Schublade liegen. Darauf deuten zumindest einige Veränderungen in der Führungsstruktur hin: Im Juni hatte der Konzern Statutenänderungen vorgenommen und Verwaltungsmitglieder in „Kategorie A“ und „Kategorie B“ unterteilt. Die Luxemburger Verwaltungsmitglieder, die noch aus Bistumszeit dort sitzen, Marc Wagener und François Pauly, sind seither B-Mitglieder und ohne die Stimmen eines belgischen A-Mitglieds handlungsunfähig. Zudem hat der neue Besitzer mit Erno Loo einen neuen Finanzdirektor aus dem flämischen Mutterhaus nach Gasperich geschickt und damit Generaldirektor Peckels in seiner Macht beschnitten.

Krise als Chance Mediahuis hatte dabei nie vor, das Geschäft in Luxemburg einfach weiterlaufen zu lassen. Laut Angaben von Personen aus der Führungsriege hatte der neue Aktionär ursprünglich einen strategischen Plan, um strukturelle Veränderungen über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren vorzunehmen. Dazu gehörte die sukzessive Anbindung an das digitale Netz des Mediahuis-Konzerns: Informatik, Betriebssysteme oder Verwaltungsprogramme sollten ausgetauscht, das Organigramm und die Strukturen angepasst werden. Und der Plan sah auch vor, ältere Journalist/innen, bei denen sich eine digitale Umschulung nicht mehr lohne, nach und nach in Frührente zu schicken. Denn Mediahuis kalkuliert nicht mehr mit Zuwächsen, neuen Abonnenten oder Anzeigen im Printgeschäft. Solange Print rentabel ist, will der Konzern weiter Zeitungen drucken. Aber alle Ressourcen sollen für das digitale Angebot mobilisiert werden, aber kein zusätzlicher Cent für Änderungen am Printmodell. Das ist die Mediahuis-Lehre nach über zwanzig Jahren Strukturwandel in der Medienbranche.

Corona habe diesen Prozess nun dramatisch beschleunigt. Die Krise sei dabei vielmehr Gelegenheit als Ursache. Denn sie bietet die nötige Legitimation eines radikalen Umbruchs. Frei nach dem Bonmot von Winston Churchill: Never let a good crisis go to waste.

Aus Gewerkschaftskreisen heißt es, dass der Sozialplan auch eine Konsequenz der Kurzarbeit sei.
63 Personen sind oder waren bei Saint-Paul Luxembourg in Kurzarbeit. „Das hat leider gezeigt, dass die Zeitung auch mit weniger Personal erscheinen kann“, so Delegationsführer Guy Pelletier.

Kulturkampf Mediahuis bricht dabei auch mit der Kultur im Hause Saint-Paul. Das älteste Medienhaus Luxemburgs wurde lange Zeit streng hierarchisch nach katholischer Werteordnung geführt. Loyalität vor Leistung, Demut vor Courage, Respekt vor Risiko. Diese Kultur des Wegduckens hat dazu geführt, dass Journalist/innen sich eher zurückhielten, um nicht anzuecken – eine konstruktive Streitkultur, die geradezu unabdingbar für ein kritisches Medienhaus sein sollte, war kaum vorhanden. Wer aus der Reihe sprang, musste büßen und sich fügen oder das Haus verlassen. Wer sein Schicksal mit Demut trug, dem winkte die Beförderung. Diese repressive Kultur sowie die Erfahrung von drei Sozialplänen hat die Mitarbeiter/innen misstrauisch und ängstlich gemacht: Die Belegschaft solidarisiert sich kaum miteinander, gewerkschaftlich engagiert sind die wenigsten – der LCGB wird trotz der Hiobsbotschaft wohl nicht einmal eine Protestaktion organisiert bekommen. Oder wie eine Mitarbeiterin sagt: „Hier kämpft jeder für sich alleine.“

Es handelt sich nun um den ersten Sozialplan, bei dem politische oder ideologisch-religiös Motive keine Rolle spielen, der rein auf utilitaristischen Gesichtspunkten beruht. Die alten Seilschaften und die Gunst des einstigen Eigentümers gelten nun als obsolet. Und manche Arbeitnehmer/innen sehen diese Umkehr der Hierarchie gar als Chance, um Ungerechtigkeiten auch im Gehaltsgefüge aufzulösen. Aber auch als Chance, um endlich Mentalitätsblockaden zu lösen und den digitalen Umbruch einzuleiten, wie er stets gepredigt, aber selten vorgelebt wird. So jedenfalls die vage Hoffnung.

Aide à la presse Medienminister Xavier Bettel (DP) wollte sich zu den Entlassungen bei Saint-Paul Luxembourg nicht äußern. Er hat vor kurzem seinen Gesetzentwurf zur Pressehilfe vorgestellt. Es steht in der Tradition des bisherigen Gesetzes, will jedoch nicht mehr Seitenzahlen subventionieren, sondern die Anzahl von Journalist/innen. Vereinfacht ausgedrückt, werden Medienhäuser 30 000 Euro pro Redakteur sowie 200 000 Euro Digitalisierungshilfe erhalten. Bettel erwartet sich dadurch einen Qualitätsschub. Tatsächlich ist jedoch eher mit einem Digitalisierungsschub zu rechnen, so der Gründer des Onlinemediums Reporter, Christoph Bumb. Die bisherige Pressehilfe habe vor allem das Printgeschäft begünstigt und die Häuser nicht dazu veranlasst, in Innovation zu investieren. „Das neue Gesetz setz einen Incentive sich von Print zu lösen“, so Bumb.

Die Journalistengewerkschaft ALJP steht dem Gesetz kritischer gegenüber. In einem Schreiben beklagt sie einen Zusammenhang zwischen dem Sozialplan bei Saint-Paul und dem neuen Mediengesetz. Anders als ursprünglich geplant habe Bettel die Summe pro Journalist/in von 55 000 auf 30 000 Euro reduziert und auf zwölf Millionen Euro insgesamt begrenzt. Das Gesetz werde die Medienkrise in Luxemburg nur noch weiter verschärfen und zu einer „Erosion der Medienvielfalt“ führen. Der Sozialplan bei Saint-Paul sei erst der Anfang.

Pol Schock
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