Kino

There are unknown knowns... but these are known knowns

d'Lëtzebuerger Land du 16.07.2021

Der Tod von Donald Rumsfeld Ende Juni und die Palme d’Or für das Lebenswerk an US-Schauspielerin Jodie Foster vor wenigen Tagen – zwei mehr oder weniger aktuelle Meldungen, die angesichts des Films The Mauritanian herangezogen werden können. Zum einen ist Foster in einem ihrer wenigen Leinwandauftritte zu sehen – seit 2010 sind es gerade Mal eine Handvoll credits. Zum anderen sind Rumsfeld und das verheerende Resultat seiner Amtszeit als Verteidigungsminister unter George W. Bush eine konstante Schattenerscheinung in Kevin McDonalds neuem Thriller.

Der titelgebende Mauritanier ist Mohamedou Ould Slahi, der sich wenige Monate nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in amerikanischer Gefangenschaft wiederfindet. Er soll ohne jegliche Anklage viele Jahre im berühmt-berüchtigten Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base festgehalten werden. Parallel zu seinem Leben in Gefangenschaft erzählt der Film einerseits von den Versuchen der Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Nancy Hollander, ihren Klienten Slahi wegen Mangels an Beweisen aus der Gefangenschaft zu befreien, andererseits von denen von Oberstleutnant Stuart, Slahi zur Hinrichtung zu geleiten.

The Mauritanian wirkt 2021 etwas fehl am Platz. Sein Anliegen ist legitim: Das Gefangenenlager auf Guantanamo Bay wurde weltweit und auch von Machthaber/innen über das komplette politische Spektrum verurteilt. Ex-Präsident Obama musste eingestehen, dass das Lager mehr islamistische Terroristen aus dem Boden sprießen ließ. Sein Wahlversprechen, Guantanamo Bay zu schließen, konnte er Zeit seiner Präsidentschaft nicht einhalten. Das Lager auf Kuba existiert mit rund 50 Gefangenen weiterhin. Von den enhanced interrogation methods, Synonym für grässliche Foltermethoden, gar nicht zu reden.

All das ist bekannt. Kevin McDonalds Film bringt nichts Neues zu Tisch. Wissend, dass sich der schottische Regisseur gleichermaßen im Dokumentar-, wie im Spielfilm zurechtfindet, ist vielleicht die Erwartungshaltung eine Falsche. Aber es ist vor allem die dramaturgische Erzählstruktur des Films, die diese Haltung nährt. The Mauritanian ist Chronik eines unzerstörbaren Geistes und Aufdeckungs-Thriller zugleich.

Der Thriller wiederum ist in zwei geteilt und versucht aus Davids wie aus Goliaths Blickwinkel die Handlung zu beleuchten. Mohamedou Ould Slahis Geschichte wird mit einem filmisch-didaktischen Kunstgriff – der auf Slahis in Gefangenschaft geschriebener Geschichte in Briefform an seine Rechtsanwältin basiert – in Rückblenden und Rückblenden innerhalb von Rückblenden erzählt. Das Resultat ist bei allem guten Willen unfokussiert und frustrierend manieristisch. Es liegt vor allem am Drehbuch, dass der Film zu keinem Zeitpunkt mehr als die Summer seiner Einzelteile wird.

Trotz allem bleibt The Mauritanian dank McDonalds sauberer und konventionneller Regiearbeit am Ball. Das größte Verdienst für das Am-Ball-Bleiben gebührt jedoch Tahar Rahim, der mit seiner Verkörperung von Mohamedou Ould Slahi den Film fast komplett über die Zielgerade bringt. Hätte sich das Drehbuch exklusiv an Slahis Buch Guantánamo Diary gehalten und damit exklusiv auf seine Jahre innerhalb des Hochsicherheitstraktes, wäre mit Rahim in der Rolle ein beeindruckendes psychologischen Kammerspiel entstanden. The Mauritanian hätte so eine eigenständige Identität bekommen. Rahim bringt den unzerstörbaren Lebenswillen seiner Figur mit einer Klarheit zu Tage, die im sonst so unklaren Film weit hervorsticht. Diese Rolle kommt jedoch für Tahar Rahim nach seiner Entdeckung in Audiards Un Prophète ähnlich verspätet wie The Mauritanian in der sozio-politischen Filmlandschaft. Und Benedict Cumberbatchs aufgesetzter amerikanischen Akzent und seine Teilnahme am Projekt bleiben schleierhaft.

Natürlich kann man sich The Mauritanian anschauen – und sei es nur wegen Tahar Rahim oder Jodie Foster. Wer konsequentere Filme zu den darin verhandelten Themen sehen will: Das Hybridwek The Road to Guantanamo (2006) von Michael Winterbottom und Mat Whitecross über das Leben von Insassen im Lager und The Report von Scott Z. Burns (2019) über das Unter-den-Teppich-Kehren und Aufdecken der Foltermethoden der CIA sind in diesem Kontext durchaus zu empfehlen.

Tom Dockal
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