Tzeedee

Sommersoundtrack

d'Lëtzebuerger Land du 02.05.2014

In der überschaubaren lokalen Musikszene, in der man auch bei neuen Bands fast immer altbekannte Gesichter sieht, könnte man eigentlich oft von Superbands reden. Bei Ice In My Eyes passt dieser Ausdruck jedoch wie die Faust aufs Auge (Entschuldigen Sie den Kalauer). Die Band besteht nämlich aus Musikern der Elektropop-Formation Hal Flavin, sowie den rockigeren Bands Inborn und Metro. Das Resultat klingt so, wie man sich eine Mischung der Genres dieser Formationen eben vorstellt, nur sind leider die Ecken und Kanten dabei verloren gegangen.

„I’m ashamed“ klagt Sänger Olivier Treinen im Opener Distracted noch, bevor seine Bandkollegen mit einstimmen. Diese ersten Worte sind ein passender Einstieg in ein Album, das traurige Songtexte mit warmen tröstenden Melodien verbindet. „This is the saddest day I’ve ever known“ klingt in Distracted wie ein musikalischer Freudensprung. Ein träumerischer, in Hall gehüllter Gitarrenriff eröffnet Idle Love, während im Hintergrund eine Basslinie freudig dahinrollt. Die Brücke, die ein wenig für Abwechslung sorgt, reißt gegen Ende des Titels noch einmal mit. In We were strangers zeigt sich Olivier Treinen experimentierfreudig, seine Stimme ist in mehreren Spuren zu hören, was dem Stück eine sehr poppige Atmosphäre gibt. Der so geschaffene Olivier-Treinen-Chor klingt hervorragend. Seine glasklare Stimme kennt seit dem Erfolg seiner vorigen Band Metro jeder in der lokalen Musikszene. Leider sind die Verse mit dem repetitiven We were strangers auf Dauer ein wenig irritierend. In Metrostand Treinens Gesang zwar ebenso im Mittelpunkt, doch dort war er perfekt auf die Gitarrenriffs abgestimmt. Hier plätschert der Gesang in schwächeren Songs neben den vielen Melodien scheinbar ziellos daher. In den Songtexten zeigt Treinen sich introspektiv, schwankt zwischen Resignation und Wut: Einmal werden Entscheidungen bedauert (New haven), dann bittet er, sich mit dem abzufinden, was man hat (Joker). In Santa Fe plant er, alles zu sabotieren und auf den Niedergang eines Feindes anzustoßen. Diese Texte stehen in starkem Kontrast zu den meist gut gelaunten Riffs, was eine interessante Spannung gibt.

In Calling the shots hat Mike Kosters Bass das Sagen. Sein Riff setzt die Stimmung eines trägen, gemütlichen Sommertages, während Olivier Treinen die charakteristischen Tiefen beisteuert („Some of you will suffocate me“). Die Basslinien sind vielseitig: Mal sind sie schnell (New haven), mal ähneln sie springenden Disco-Riffs (Shallow). Zusammen mit dem präzisen Spiel von Schlagzeuger Luc Hoffmann, der Songs wie New haven gekonnt vorantreibt, bilden die beiden ein gut eingespieltes Rhythmusteam.

Absoluter Höhepunkt der Platte ist Santa Fe, ein Stück, für das Olivier Treinen die oft gezwungen wirkende Jarvis Cocker ähnliche Brit-pop-Betonung weglässt. Hier begleitet er im Refrain eine wundervoll-dramatische Gitarrenmelodie, während im Hintergrund eine Orgel düster wummert. Das Stück erinnert ein wenig an die leiseren Songs von Queens of the Stone Age. Ben Thommes, der in seiner früheren Band Inborn etwas härtere Töne anschlug, liefert hier seinen Beitrag. Dies verleiht dem Song eine Rauheit, die auf dem Album selten vorkommt. New haven überzeugt mit seiner überraschend tiefen Brücke, die einen schnelleren drängenden Teil einleitet. Bevor das Dunkle Überhand gewinnt, zieht die Band den Zuhörer wieder weiter, und die gute Laune bleibt.

Weniger überzeugend ist A thousand plateaus, dessen Basslinie zwar nett mitreißt, der Gesang jedoch durch Wiederholungen und einfachen Reimen ein wenig uninspiriert wirkt. Auch Joker kann sich selbst nach mehreren Hören nicht einprägen. Es mangelt diesen Liedern auf keinen Fall an Melodie, ganz im Gegenteil. Klangfarbe allein bringt jedoch nicht automatisch Gefühl mit sich, und einige Songs von Ice In My Eyes wirken sehr kalkuliert. Das Album ist bewusst poppig und glatt, doch nach einigem Durchlaufen wünscht man sich hinter dem Reverb-Teppich doch ein wenig mehr Spontaneität und Rauheit zu hören. Trotzdem ist der erste Longplayer von Ice in My Eyes eine gelungene Platte, die sich gut zum unbeschwerten Sommersoundtrack eignet.

Claire Barthelemy
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