Kino

Der falsche Priester

d'Lëtzebuerger Land vom 09.10.2020

Das polnische Kino gelangt beständig zu größerer internationaler Aufmerksamkeit: Pawel Pawlikowskis Filme Ida (2013) und Cold War (2018) waren weltweite Erfolge. Jan Komasas neuer Film Corpus Christi ist das jüngste Beispiel in dieser Reihe; der Film gewann bei den polnischen Filmpreisen fünfzehn von zwanzig möglichen Auszeichnungen und wurde auch für den Oscar in der Kategorie des besten fremdsprachigen Films nominiert. International lief er auf mehr als sechzig Filmfestivals, darunter auch im Rahmen des CinEast vergangenen Jahres.

Corpus Christi ist ein Verwirrspiel, in dem die Identität eine Frage der (Ver-)Kleidungen ist: Ob er nun im Gefängnis zum Glauben gefunden hat, weiß der zwanzigjährige Daniel (Bartosz Bielenia) noch nicht recht. Er legt mehr aus einer Laune heraus das Priestergewand um. Bei seiner Entlassung versichert ihm der Gefängnispater Tomasz (Lukasz Simlat) jedenfalls, dass Straftätern der Zugang zum Priesterseminar versagt ist. Daniel soll fortan in einem Sägewerk arbeiten, doch als er, in die Soutane gehüllt, für einen Priester gehalten wird, entscheidet sich Daniel, seine Wiedereingliederung in die Gesellschaft in der Rolle des Geistlichen zu verwirklichen. Die knappe Inhaltsangabe könnte einen dazu verleiten, Corpus Christi als Komödie aufzufassen. Wohl hat Regisseur Jan Komasa (Suicide Room, 2011; Warschau ’44, 2014) seine Geschichte mit komödiantischen Elementen versehen, sie aber so sparsam und klug dosiert, dass der Film nie eine Komödie oder gar eine Parodie auf orthodoxe Praktiken geworden ist. Im Besonderen ist Corpus Christi eine Charakterstudie. Komasas Film handelt vom Widerspruch, vom Gefangensein im Zwischendrin, und der Film entwickelt sein Thema am Beispiel des jungen Daniel: Bartosz Bielenia spielt ihn charismatisch und zurückhaltend, als zögernden, introvertierten Sinnsucher, dem die stürmische Energie eines Jugendlichen noch nicht ganz abhanden gekommen ist. So begegnet er auch seiner Kirchengemeinde: unorthodox, aber aufrichtig.

Der Schauspieler Bartosz Bielenia trägt diesen Film auf besondere Weise, sein Ansatz ist der des Spiels im Spiel. Sein äußeres Erscheinungsbild ist fern von der Vorstellung eines Würdenträgers: Sein kahler Schädel, die knochenbetonten Gesichtszüge sowie der kräftige Körper schicken seine schuldbeladene Vergangenheit bereits voraus, und seine strahlend blauen Augen, sein stechender Blick lassen die Abgründe erahnen, die sich hinter diesem jungen Mann verbergen. Dass diese Augen viel Böses erlebt haben, ist beinahe offenkundig – die Anfangsszene, die Daniel als Aufpasser bei einer Gefängnisprügelei zeigt, wirkt in ihrem Expositionscharakter beinahe redundant, so sehr wirkt der Hauptdarsteller mit seiner rein physischen Präsenz. Seine neugewonnenen, aber trügerischen Zeichen des Glaubens eilen ihm ebenso voraus wie die seines möglichen Misslingens. Jan Komasa achtet auf die Undurchsichtigkeit des Handlungsverlaufs, und so ist niemals eindeutig zu bestimmen, wohin diese Reise führt – wird sie im Chaos oder in der Erlösung enden? Und: Sind Daniels Gottesdienste wahrhaft aufrichtig oder lediglich eine Vorspiegelung von Gemeinschaft zum Zwecke des eigenen Vorteils? Corpus Christi wirft seiner modernistischen Haltung entsprechend mehr Fragen auf, als er Antworten gibt. In letzter Konsequenz kann sich der Moment der Gnade, der erhofften Erlösung, dann auch nicht auf der Leinwand ereignen, er liegt vielmehr bei den Zuschauern, zwischen ihren Blicken und denen des jungen Daniel. Komasa verwandelt den Kinosaal sozusagen in eine Art Beichtstuhl. Die Frage, ob der falsche Priester in seiner Rolle am Ende auffliegt, ist denn auch nicht mehr so gewichtig. Viel wesentlicher steht da die Erkenntnis, dass in der Welt des Misstrauens, die einzige Möglichkeit eines Weges zur Glaubensfindung oder sogar einer Rettung vielleicht darin liegt, zueinander Vertrauen zu fassen.

Marc Trappendreher
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