Saarlandmuseum

Von Hülle und Inhalt

d'Lëtzebuerger Land vom 16.05.2014

Es steht ein Betonklotz in Saarbrücken. Grau. Sichtbetongrau. Dennoch unübersehbar. Inmitten der Stadt. Der Klotz soll den Ruf der saarländischen Hauptstadt als hoher Hort von Kunst und Kultur festigen. Dabei ist fraglich, ob dies der Klotz als überdimensioniertes Kunstwerk und Mahnmal an sich richten soll oder ob aus dem architektonischen Ungetüm nicht doch irgendwann der Erweiterungsbau für das Saarlandmuseum werden wird. Letzteres ist der Plan und das nicht erst seit gestern. Denn gewerkelt wird an dem Bau schon lange. Im August 2009 gab es den ersten Spatenstich für Klotz, der als vierter Pavillon des Museums im Frühjahr 2011 seine Pforten öffnen sollte. Für unter zehn Millionen Euro. Heute, drei Jahre später, ist der Pavillon über den Status des Rohbaus nicht hinausgekommen. Über die Kosten, die der Erweiterungsbau letztendlich verschlingen wird, mag kein Mensch mehr reden, und über das Wiesoweshalbwarum der Verzögerung streiten sich ein Untersuchungsausschuss im Saarbrücker Landtag und jede Menge anderer Menschen vor Gericht. Mit Blick auf das Desaster. Die eigentliche Frage, ob das Saarland überhaupt ein solch großes Museum braucht und es sich in Zukunft überhaupt leisten kann, wird nicht beantwortet. Schlimmer noch: Sie wird gar nicht erst gestellt.

Der Inhalt: Das Saarlandmuseum, genauer gesagt die Moderne Galerie des Saarlandmuseums, besitzt einen interessanten Sammlungsbestand. In Zeiten, als Bergbau und Stahlindustrie noch fluppten, hatten Mäzene und Sammler im Saarland eine ordentliche Auswahl zusammengetragen. Angefangen bei Künstlerinnen und Künstlern des 19. Jahrhunderts, fortgeführt bis in die zeitgenössische Kunst. Diese wurde und wird durch Schenkungen und Stiftungen dem Saarlandmuseum übertragen und ständig erweitert. Dazu zählt beispielsweise auch eine umfangreiche Sammlung mit Werken des ukrainisch-amerikanischen Bildhauers Alexander Archipenkos, der nach seinem Tod dem Saarlandmuseum seine Gipsmodelle vermachte. Die Grafische Sammlung des Museums alleine umfasst rund 18 000 Arbeiten auf Papier, darunter Handzeichnungen und Druckgrafiken der Berliner Secession um Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth, aber auch expressionistischer und informeller Künstler. Der Skulpturengarten bringt Monumentales auf den Rasen. An der Saar.

Die Hülle: Von 1964 bis 1979 plante und baute man die Moderne Galerie, ein eigenes Gebäude für die Sammlung der Moderne des Saarlandmuseums. Es ist – inzwischen – ein Komplex aus drei miteinander verbundenen Pavillons in bester Innenstadtlage. Ein Pavillon zeigt Werke aus der Ständigen Sammlung des Museums, ein anderer bietet Wechselausstellungen mit moderner und zeitgenössischer Kunst Platz und Raum. Der dritte empfängt Besucher und verteilt diese, hat hier noch eine Ecke für eine Skulptur und dort noch eine Wand für Gemälde. Die Verantwortlichen für Kunst und Kultur im Saarland war der Bau bald zu eng. Es begannen Planungen für den Vierten Pavillon und damit auch der Ärger, auch unter denjenigen, die eigentlich vom Erweiterungsbau als kulturpolitischer Aufwertung ihrer Heimat profitieren sollten. So gründete sich alsbald eine Bürgerinitiative gegen den Erweiterungsbau. Sie äußerte nicht nur architekturästhetische Kritik am Bau, sondern wehrte sich auch dagegen, dass eine Grünfläche, ein Rasen und ein Blumenbeet in Saarbrückens Stadtmitte, in etwa der Central Park der Saar-Hauptstadt, für den Bau geopfert wurden. Kunst beansprucht eben Platz.

Nun steht auf diesem Areal seit etwa vier Jahren ein grauer, unfertiger Rohbau-Klotz. Baustopp. Denn kaum war der erste Spatenstich vollbracht, zeigte der Bau alsbald seine Unzulänglichkeiten, Mängel und Fehlplanungen – so waren etwa die Eingänge zu den Aufzügen zu schmal für Rollstuhlfahrer und der Hochwasserschutz nicht genügend berücksichtigt. Dann ist in der Regel der politische Skandal nicht weit – inklusive Schlammschlacht über alle Ebenen und viele Nebenkriegsschauplätze. Der Bau wurde stillgelegt, was vom Saarlandmuseum selbst als „situationsbedingte Bauunterbrechung“ bezeichnet wird. Man feuerte den Direktor des Saarlandmuseums, später dann die Architekten. Erst vor wenigen Wochen folgte letztendlich das Bekenntnis zum Vierten Pavillon und die Absichtserklärung, diesen alsbald fertigstellen zu wollen. Die Saarländer suchten und fanden ein neues Architekten-Büro, das aus dem Pavillon nun einen Anbau an den bestehenden Komplex macht. Die Fassade wird sich gegenüber den ursprünglichen Planungen ebenfalls ändern und überhaupt wird alles besser. Und teurer. Doch die Kosten mag niemand verbindlich kalkulieren. Statt der ursprünglich veranschlagten neun Millionen Euro, spricht man heute – hinter vorgehaltener Hand – von mindestens 30 Millionen Euro. Die Stiftung, die für das Saarlandmuseum und Klotzbau verantwortlich zeichnet, möchte die Kosten auf 29,4 Millionen Euro begrenzen. Dazu verzichtet sie auf die Planung des Umfelds.

Doch es ist müßig darüber zu debattieren, wer beim Pavillon, wann, welches falsche Detail geplant, die Aufzugstür zu schmal gebaut, den Rasen gerodet oder den Vorplatz vergessen hat. Es gilt die Metaebene. Denn ob nun Erweiterung, Pavillon oder Anbau: Der Klotz in Saarbrückens Mitte steht, wie auch die Elbphilharmonie im Hamburger Hafen, symptomatisch für die Kulturpolitik, für deren Anspruch, Werden und Wollen, vor allem aber für deren Versagen und auch für ihren Missbrauch durch Institutionen, Menschen und Figuren, die sich als Förderer der hohen Kunst feiern lassen. Selbstredend kann nun der „Monsterklotz“, wie er in saarländischen Zeitungen genannt wird, als Metapher für all dies gelten und somit selbst zu einem Kunstwerk überhöht werden. Begehbar. Jeden zweiten Mittwoch mit Baustellenführung. Doch über die Sinnhaftigkeit macht sich niemand Gedanken.

Es liegt die Vermutung nahe, dass Saarbrücken ein wenig auf den Bilbao-Effekt gehofft hatte – jedoch die saarländischen Determinanten dabei aus den Augen verlor. Ein mehr oder weniger aufregender Museumsbau in der Mitte von Nichts und Garnichts setzt die Landmarke und die Touristen fliegen mit billigen Flugtickets ein, lassen Geld in der Stadt und verschwinden am nächsten Tag wieder. Die Rechnung mag für London, Paris und Barcelona aufgehen, aber wohl kaum für Saarbrücken. Denn was sollen die Reisenden nach zwei Stunden Museumsbesuch in dieser Stadt unternehmen? Wie sollen sie in dieser Einöde den Abend überleben? Wo schlafen? Und sich vor welcher Sehenswürdigkeit facebook-selfie-tauglich fotografieren können? Kunst braucht Raum und Platz, Kultur braucht vor allen Dingen aber ein Konzept, das gerne etwas kosten, aber nicht zur Last werden darf.

Darum weiß man auch in Saarbrücken und vergeudet mehr Energie mit der Rechtfertigung des Baus als mit seiner Fertigstellung. Im Internet gibt man zu erkennen, dass man mit Shitstorms jedweder Art rechnet und diesen schon im Vorfeld ihre Wucht nehmen möchte. Die Webseite des Museums bleibt weiß und hat den knappen Hinweis, dass hier eine Internetpräsenz entstehen wird, verlinkt aber gerne auf das Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Die Museumsstiftung gibt sich auskunftsfreudiger. Man veröffentlicht ein nichtssagendes „Mission Statement“ eigens für den Erweiterungsbau. Darin heißt es: Das Saarlandmuseum genieße europaweites Ansehen. Und weiter: „Mit der Errichtung eines Erweiterungsbaus wird ein entscheidender Schritt unternommen, der Idee eines Museums für das 21. Jahrhundert im Saarland Raum zu geben und dem hohen Rang seiner Sammlungsbestände künftig noch angemessener Rechnung zu tragen.“ Der jahrzehntelang angestrebte Zugewinn an Räumen werde zudem eine Aufwertung sämtlicher musealer Aktivitäten bereichern. „Der Neubau wird das Museumserlebnis des Besuchers bereichern und seine Begegnung mit Kunst intensivieren“, so schließt das Glaubensbekenntnis der saarländischen Museumsbauer. Schaut man sich die bisherigen Planungen und Konzeptionen zum Erweiterungsbau an, erkennt man jedoch, dass dies ein vollkommen niveau-nihilistischer Bau werden wird: gerade Wände, ein bisschen Licht, kein architektonisches Juwel, keine Weiterentwicklung, kein Akzent, nichts Aufregendes, eher Allerlei, eher Saarland. Eben kein London, Paris, Barcelona, sondern provinzielles Gemauschel um einen Klotz. Mehr nicht. Aber sehr viel weniger.

Kultur ist ein Standortfaktor im Verteilungskampf um Touristenströme und Gelder der Reisenden. In der Bildenden Kunst fußt er auf mehreren Säulen: Sammlung, Bau und Name. Wenn das New Yorker Museum of Modern Art Gemälde und Skulpturen auf die Reise schickt, dann garantiert das Besucherschlangen in den ausgewählten Museen, egal welche Bilder letztendlich auf Tournee sind. Mit dem Pfund kann das Saarlandmuseum nicht wuchern. Es kratzt ein wenig an der Sammlungsstele, doch mit der bisherigen und künftigen Museumsarchitektur kann es in keiner Weise Akzente setzen – oder Besucher anlocken. Hier sitzt Saarbrücken ein wenig in der Zwickmühle und schielt neidisch auf Metz sowie Luxemburg. Ein aufsehenerregender Museumsneubau hier, ein anderer dort versetzten die Politikerinnen und Politiker an der Saar in Panik. Von diesem Sternenstaub hätte man allzu gerne profitiert, wollte vor allen Dingen aber nicht ins Hintertreffen geraten. Somit war der Museumsneuerweiterungspavillon für die Politik gesetzt. Unüberlegt. Denn in der Sammlungsgüte übertrifft das Saarlandmuseum sowohl das lothringische als auch das luxemburgische Museum. Das Gedankenspiel die Sammlung zu verfeinern, sich zu spezialisieren und damit einen Namen zu machen – den Inhalt über die Hülle triumphieren zu lassen, wagte in Saarbrücken wohl niemand. 18 000 Blätter in der Graphischen Sammlung sind ein Pfund, mit dem sich einkaufen lässt.

Bei einem Klötzchenbau hingegen können viele Menschen partizipieren und – in erster Linie – an der Hülle Geld verdienen. Nahezu jeder Mensch hat dabei eine Meinung und nahezu jeder Mensch denkt, dabei mitreden zu müssen. Widmet man sich hingegen dem Inhalt eines Museums, dann braucht es Expertise, Gespür und Weitblick, Mut und Beharrlichkeit. Das ist wohl nicht der Saarländerinnen und Saarländer Ding. Die Kunst- und Kulturszene in Saarbrücken möchte sich ein Denkmal setzen. Gerne auch als Klotz. In Grau. In Sichtbetongrau. Ohne Hochwasserschutz.

Martin Theobald
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