Die Krise um Covid-19 stellt die Museen weltweit nicht nur vor neue Herausforderungen, sie stellt die Frage der Existenz. Wie überlebensfähig sind Museen in Krisenzeiten? Wie wichtig sind Museen in der heutigen Gesellschaft? Ein Überblick der internationalen Museumslandschaft

Museen in Krisenzeiten – Rückschlag, Resilienz, Relevanz

d'Lëtzebuerger Land du 09.10.2020

Nach der Wiedereröffnung der Museen ab Ende Mai wurde oftmals die Stille und Ruhe vor dem Original als erholender Effekt hervorgehoben und als Kontrast zu den sonst von Massen durchströmten Räumen zelebriert. Die aus Hygienegründen bedingte Reduktion des Publikumsverkehrs und das Abstandgebot lassen dem Einzelnen mehr Raum vor dem Kunstwerk und ermöglichen mehr Kontemplation und Reflektion – wie dies die Institution Museum in ihrem Ursprung vorsah, bevor sie zur Eventmaschine und an Besuchszahlen gemessen wurde. Die Schließungen, das Rückbesinnen und die disruptive Kraft der Krise wurden auch als Chance, als Katalysator begriffen, Altes auf den Prüfstand zu stellen und neue Wege zu gestalten. Krisen und Destruktion waren immer schon Bestandteil von Kunst und beschworen oft Gegenbewegungen. Aber wie sieht es aber aktuell hinter den Kulissen aus? Was bedeuten geringe Besuchszahlen, und wie stark sind Museen derzeit in finanzieller Not?

Kulturinstitutionen in Großstädten leben vom Tourismus. Noch bis März stellten sich die großen Museen die Frage, wie sie mit den Massen an Besuchern überhaupt umgehen, wie sie die Ströme durch die Räume lenken können, um sowohl die Sicherheit der Kunstwerke als einen maximalen Profit zu gewährleisten. In europäischen Städten wie Paris oder Berlin wird z.B. ein großer Teil der Erlöse von Touristen aus den USA, Russland, Korea oder Japan getragen. Im Musée d’Orsay machen die Touristen 60 Prozent der Gesamtbesuchszahlen aus, im Louvre 80 Prozent, auf der Museumsinsel in Berlin ebenfalls 80 Prozent. Durch den ausbleibenden Tourismus und die erforderliche Reduktion der Besuchskapazität verzeichnete das Louvre in Paris im Juli und August bis zu 75 Prozent weniger Besucher/innen als in 2019; das Musée d’Orsay zählte über die beiden Sommermonate 70 Prozent weniger Publikum. In Deutschland liegen die Zahlen vergleichsweise. Die Maximalkapazität liegt bei 40 Proznet der normalen und für das Jahr 2020 einkalkulierten Besuchszahlen. Museen in den USA konnten erst Anfang September dem Publikum wieder zugänglich gemacht werden. Hier gelten derzeit immer noch stark gekürzte Öffnungszeiten und eine Kapazität von 25 Prozent Besucher/innen. In Kanada ist die Lage ähnlich; die Frequentierung des Musée d’art contemporain de Montréal z.B. liegt bei 15 bis 20 Prozent der Durchschnittszahlen. Auch hier generieren die Touristen circa die Hälfte der Einnahmen.

Der Lockdown und das Zurückgeworfensein auf das Zuhause haben das Verhaltensmuster der Menschen und somit auch der Museumsbesucher/innen geändert. Auch eine gewisse Bequemlichkeit hat sich eingeschlichen, und man hat sich im virtuellen Raum sehr zurecht gefunden. Für das Amateurpublikum ging zudem der Rhythmus verlorenen, der mit den Eröffnungen und Veranstaltungen als soziale Treffpunkte einherging. Die Museen sehen sich hier vor neuen Herausforderungen, um diese Verbindung wiederherzustellen, sich als physische Orte des Zusammenkommens und des interkulturellen Austauschs erneut zu positionieren.

Die Einnahmeverluste der Museen fallen bis Ende des Jahres erheblich aus: Das Musée d‘Orsay rechnet mit einem Verlust von 28 Mio. Euro, das Louvre von 40 Mio. Euro, das Metropolitan Museum of Art von 150 Mio. Dollar. Nicht alle Museen sind im gleichen Maße von der Krise betroffen. In Ländern wie Luxemburg, Deutschland oder Frankreich befinden sich viele große Häuser in der Trägerschaft des Landes oder der Städte und werden über Zuschüsse finanziert. Bei Museen in den USA ist die staatliche Finanzierungssäule schmaler, und sie sind auf weitaus höhere Einnahmen, z.B. über Eintrittsgelder, Sponsoring, Verkauf im Shop, Vermietung oder Gewinne in den Restaurants, angewiesen. Museen mit bedeutenden Sammlungen haben einen reichen Fundus, aus dem sie für ihre Ausstellungen schöpfen können; Kunsthäuser, die keine Sammlung besitzen hingegen sind auf Leihgaben und künstlerische Produktion angewiesen, um ein ansprechendes Programm zu bieten. Am stärksten betroffen ist die freie Szene, die über keine staatlichen Zuschüsse verfügt.

Erste Konsequenzen mussten längst gezogen werden. Langfristig sind die Auswirkungen in ihrer gesamten Bandbreite noch nicht absehbar und hängen sehr eng mit der Entwicklung um Covid-19 und des Tourismus (binnenländisch oder international) zusammen. Die American Alliance of Museums führte im Juni gemeinsam mit der Dynamic Benchmarking eine Studie zu den Auswirkungen von Covid-19 auf die US-amerikanische Museumslandschaft durch. 750 Museen nahmen teil. Aus der Studie geht hervor, dass ein Drittel der befragten Museen ihre finanzielle Lage als gefährdet ansieht oder nicht weiß, ob sie im Laufe des Herbsts ihren Betrieb komplett einstellen müssen. In 87 Prozent der Museen sind Rücklagen von zwölf Monaten vorhanden, davon können mehr als die Hälfte nur die kommenden sechs Monate bestreiten.

Dabei hatte die Kunst- und Kreativwirtschaft sich in den letzten Jahren zu einem dynamischen, nicht unwesentlichen wirtschaftlichen Bestandteil entwickelt. In 2016 trugen z.B. die Museen in den USA 50 Mrd. Dollar zum BIP bei und zahlten zwölf Mrd. Steuern. Sie beschäftigen circa 726 000 Menschen auf direkte oder indirekte Weise. Das Metropolitan Museum of Art musste wegen Covid-19 20 Prozent der Angestellten entweder in Urlaub schicken, sie pensionieren oder entlassen. In anderen US-amerikanischen Museen verhält es sich ähnlich. Das Guggenheim Museum in New York schickte ab April 92 Angestellte in den Urlaub. Das Whitney Museum of American Art musste 76 Angestellte feuern. Eine Studie von Art Fund zu den Herausforderungen von Covid-19 legt offen, dass mehr als 80 Prozent der befragten 427 Museen im Vereinigten Königreich Personal beurlauben mussten. Zudem mussten hier 98 Prozent der geplanten Ausstellungen vorschoben oder abgesagt werden mussten. Die Krise zwingt einzelne Museen auch, Grundprinzipen umzuwerfen, um die Finanzierung des Betriebes aufrechterhalten zu können. So sieht das Brooklyn Museum in New York einen Verkauf von Kunstwerken aus seiner Sammlung vor. Zwölf Werke sollen im Oktober unter dem Hammer von Christie’s versteigert werden, darunter auch Werke von Gustave Courbet oder Lucas Cranach dem Älteren.

Welche Auswirkungen jenseits des finanziellen Aspektes hat die Krise um Covid-19 auf Museen? Durch den Lockdown und die anhaltende Reiseeinschränkungen kamen die Reisen und der Leihverkehr ins Stocken. Reisen für Forschungszwecke, Fachaustausch oder Tagungsbesuche fielen aus und sind weiterhin erschwert. Leihgaben mussten abgesagt werden, konnten vorerst nicht zurück in ihre Sammlung geschickt werden oder nur auf teuren Umwegen. Es ist damit zu rechnen, dass der Leihverkehr sich in 2021 ebenso schwierig erweisen wird. Durch die Zunahme von Risikogebieten und die einhergehende verpflichtende Vorlage von einem Coronatest werden internationale Kunsttransporte erschwert, gerade, wenn es sich um hochkaratige Leihgaben handelt, die von Kurieren begleitet werden müssen. Verläuft der Transport durch mehr als ein Land, kommen noch weitere Schwierigkeiten hinzu, nicht zuletzt durch die Unmöglichkeit einer schnellen Übersetzung des Coronatestes in unterschiedliche Sprachen. Auch die Tatsache, dass in einigen Museen Personal beurlaubt oder entlassen wurde und dass im Winter mit vermehrten Krankheitsausfällen zu rechnen ist, bedeutet, dass der Leihverkehr sich reduziert und die Kosten hierfür steigen. Museen nehmen deswegen aktuell von Blockbuster-Ausstellungen oder teuren Übernahmen Abstand, welche zudem mit geringeren Besuchszahlen finanziell nicht tragbar sind.

Museen werden weiter an Programm, Vermittlung und Ankäufen sparen müssen. Ausstellungen werden sich voraussichtlich auf Sammlungen fokussieren. Das lokale und regionale Publikum sowie der binnenländische Tourismus rücken verstärkt in den Vordergrund der Überlegungen und Strategien der Museen, gerade jener die stark vom Tourismus abhängen. Entsprechend werden auch andere programmatische Themenschwerpunkte gesetzt werden. Kulturinstitutionen bauen derzeit auch auf ein stärkeres regionales Netzwerk und versuchen, die lokalen Künstler/innen zu unterstützen. Der Wettstreit zwischen Original und Reproduktion bekommt vor dem Hintergrund der zahlreichen digitalen Angebote eine neue Wendung; die Möglichkeit, mit Faksimiles in den Ausstellungen zu arbeiten, wird zunehmen.

Die Resilienzfrage ist vor allem eine Relevanzfrage. Selbst wenn finanzielle Pakete für Kulturinstitutionen geschnürt wurden, bleibt die Lage in den kommenden Jahren unsicher. Der Kampf um die Gelder hat längst begonnen, und die Etats für die Kultur werden vereinzelt reduziert, um wesentliche Bereiche wie den Gesundheitssektor aufzustocken. Der Stellenwert von Kunst und Kultur in der Gesellschaft steht somit auf dem Prüfstand. Museen werden insbesondere nun Lobbyarbeit betreiben müssen, damit sie nicht weiter an Besuchszahlen gemessen werden, sondern an anderen Erfolgskriterien. Das qualitative Erlebnis im Museum oder die Besuchsdauer des Publikums, seine Wiederkehr könnten fortan im Vordergrund der musealen Arbeit und ihrer Rezeption stehen.

Florence Thurmes
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