Helminger, Nico: grenzgang

"Nichts ist wie ..."

d'Lëtzebuerger Land vom 11.03.2003

"und doch / kommen wir ohne / vergleiche nicht aus / reden in / kurzschlüssen / irren weiter / erinnerungsheftig / die landschaften ab ...", heißt es bereits im dritten Text von grenzgang, der nach Nico Helmingers Willen partout keine Lyrik, sondern bloß "sequenz(en)" vorstellen soll.

Die Gebrüder Nico und Guy Helminger zählen seit langem schon deshalb unter die gestandenen Größen der kleinen Luxemburger Literaturszene, weil sie sich in Frankreich und Deutschland die raueren Existenz- und Schreibwinde um die Ohren wehen, weil sie sich ungern ganz und gar vom heimischen Literatenklüngel verwursten ließen bzw. lassen. Guy Helminger hat sich, wie u.a. der mit dem Servais-Preis 2003 bedachte Prosaband Rost belegt, entschiedener noch als Bruder Nico von seiner Escher Herkunft abgenabelt und in Form und Inhalt seiner Arbeiten der sentimentalen Heimatschlacken und industriellen Schlackenheimat entledigt. Etwas anders verhält es sich beim jahrelang aushäusigen Nic. Helminger, der, wie schon in seiner deutschen und lëtzeburgischen Erzählprosa und nun wieder in lyrischen "sequenzen", nicht müde zu werden scheint, einen und noch einen Abgesang auf das Industrierevier der Minetteregion anzustimmen.

Allein, unsere Helminger Brothers sind, ein jeder auf seine Weise, Neuerer. In der Tat, wenn die mit "grenzgang", "brachen", "schrittschnitte", "übertragung", "komm", "versuch über die wildnis", "palimpsest" und "so what?" übertitelten und - was bei einem hochbelesenen poeta doctus nicht verwundert - ausgiebig auf Motti von Amelia Roselli, Henry David Thoreau, Jean-Michel Espitallier, René Char, Denis Roche, Andrea Zanzotto, Ernst Herbeck, Rainer Maria Rilke und Paul Celan komponierten "sequenzen" lediglich Nostalgie und Melancholie verströmende Elegien über den Verlust von Lebens- und Seelenlandschaften wären, hätten sie vielleicht noch ein Gran mehr Heimatrecht in echt Luxemburger Lyrik; Nic. Helminger geht freilich sprachkreativ einen beachtlichen, wenn auch nicht so weiten Schritt voran wie sein dekonstruktiv zu Werk gehender Dichterbruder Guy.

grenzgang ist als Lyrik ein Grenzfall, denn seine "sequenzen" sind nicht zuletzt die Kon-Sequenz, die Nico Helminger aus der in einer Spätzeit wie der unsrigen unter dem Druck misslichster medialer und gesellschaftlicher Verhältnisse wirklich oder doch vielleicht nur angeblich zu Geraune, Gestotter, bestenfalls zu Fachidiomen und Jargonkrümeln zermörserten Sprache zieht. Er nimmt das dekonstruierte Sprachmaterial nur auf, um aus der heftigen, wütenden Reibung der Scherben und Splitter untereinander mitunter giftige, mitunter brillante, mitunter glibbrige Funken zu schlagen, um sich gewissermaßen mit in ultimo geretteteten Versatzstücken eine neue, eine eigne Sprachheimat zu schaffen. Nico ist als Widerpart seines Bruder Guy Helminger - er hört es vermutlich nicht gern, hat er doch in vorhergehenden Publikationen gern den "kleinen Mann" (des Minette-Volkes) heraushängen lassen - also eher ein ästhetisierender, gelehrt zitierfreudiger Rekonstruktivist, um nicht zu sagen: Allusionist. Anders lassen sich die bedeutungsschwangeren, doch durchaus melodischen Verskaskaden, die Katarakte aus Wortgetümen, die Tiraden aus hausgemachten, selbstgebastelten Sprachfrakturen kaum erklären oder rechtfertigen.

Vor ihnen und vor durchgehender Lektüre sei gewarnt, denn leicht findet man als LeserIn aus Helmingers lyrischem Perpetuum mobile nicht heraus. Oder soll es einem nach einer wahren Eruption an Wortgeschöpfen wie "gichthandlandschaften", "vergangenheitsgetucker", "zuckerbohnenparadies", "glückshallenentwürfe", "torsionsmodulen", "universalsukzessionen", "unipolarmaschinen", "metalepse", "brachylogien" und unendlich viel mehr dieser Kraftmeiereien etwa nicht (wohlig?) schwindlig werden? Es hätte ihrer freilich nicht bedurft, es darf dem Autor durchaus geglaubt werden, dass er zu ganz unerhörten neuen kreativen Horizonten unterwegs ist.

Einerseits setzt sich Nico Helminger vor allem in seinen längeren, dichteren Texturen à la "brachen", "schrittschnitte" und "versuch über die wildnis" mitunter etwas leichtfertig dem Verdacht auf vokabulares Imponiergehabe, der überflüssigen Verklausulierung aus und führt andererseits überzeugend eloquent vor, dass seine Gedichte, pardon: "sequenzen" auch ohne Fremdwörterfeuerwerk und Stabreim-Stakkato auskommen:

"die worte fallen / als schatten/ vor des dichters schuhwerk / die zeit / geht oder fliegt / vielleicht fackelt sie auch / nichts ist wie und doch / kommen wir ohne / vergleiche nicht aus / reden in kurzschlüssen / irren weiter / erinnerungsheftig / die landschaften an / im komm-und-geh-areal / fraktaler ausdehnungen / ins innere / (des mangels / sind wir uns wohl bewusst / aber wie / sich einen mangel abgewöhnen?)"

Dass und wie ein Gedicht, im Bennschen Sinne, nicht dem Zwielicht der Inspiration zu verdanken sei, nicht erdichtet, sondern von seinem Autor bewusst und konzentriert gemacht, fast gebaut wird, führt auch Nico Helminger wieder einmal aufs Schlüssigste vor in den an seinen langen Aufenthalt im französischen Sprach- und Poesieraum erinnernden "sequenzen" "übertragung" und "komm", in denen sieben fiktive "textes trouvés" von der fast wörtlichen deutschen Übersetzung in völlig neuwertige Textgebilde getrieben und verwandelt werden.

Fazit: grenzgang von Nico Helminger ist und will wohl nicht mehr sein als ein "übergang", der sich auch treffend in Versen artikuliert wie:

"Gehe durch nebenfelder / und vergangenheitsgetucker / vom band / schwache horizontentzündungen / kameras haben das meiste kahlrasiert / jedes wort eine blendung / und doch genieße ich / dies um-kommen in worten".

 

Nico Helminger: grenzgang. Collection graphiti, Editions phi, 12 Euro

 

 

Michel Raus
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