Interview mit Andrew Ferrone, dem Vertreter der Luxemburger Regierung im Intergovernmental Panel on Climate Change, über den diese Woche erschienenen neuen Bericht des IPCC

„Wir haben noch Handlungsspielraum“

Andrew Ferrone in seinem Büro in der Asta
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 13.08.2021

Andrew Ferrone ist Klimatologe und leitet den staatlichen Wetterdienst AgriMeteo der Administration des Services Techniques de l’Agriculture (Asta) im Ministerium für Landwirtschaft, Weinbau und ländliche Entwicklung. Seit 2014 vertritt er in Zusammenarbeit mit dem Umweltministerium die Luxemburger Regierung im IPCC, dem Intergovernmental Panel on Climate Change, einer Organisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf. Am Montag hat das IPCC den ersten Teil eines neuen „Sachstandsberichts“ über den Klimawandel herausgegeben. Er aktualisiert den naturwissenschaftlichen Kenntnisstand über das Klimasystem und wie es sich verändert. Im Februar 2022 wird eine zweite IPCC-Arbeitsgruppe einen weiteren Bericht herausbringen. Sein Thema sind die Verwundbarkeiten gegenüber dem Klimawandel und die Anpassung daran. Eine dritte Arbeitsgruppe schließlich beschäftigt sich mit der Minderung des Klimawandels. Sie untersucht, wie die im Bericht vom Montag beschriebenen Szenarien umgesetzt werden können; was in den einzelnen Sektoren unternommen werden müsste; welche Maßnahmen zur Verfügung stehen und wie das finanziell zu schaffen wäre. Die Herausgabe dieses Berichts ist für März 2022 geplant. Im September 2022 erscheint eine Synthese aller drei Berichte.

d’Land: Herr Ferrone, ist die Menschheit noch zu retten?

Andrew Ferrone: Der IPCC-Bericht sagt klar, dass die künftigen Temperaturen von den künftigen Treibhausgasemissionen abhängen. Wir haben also noch Handlungsspielraum. Der Bericht beschreibt fünf Szenarien. In einem Szenario wäre es möglich, die Temperaturzunahme bis Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Dazu müssten die globalen Emissionen schon in den nächsten zehn Jahren drastisch sinken, bis 2030 müssten die CO2-Emissionen mindestens halbiert werden. Bis 2050 müssten sie runter auf netto null: Was dann noch ausgestoßen wird, müsste durch Senken, etwa Wälder, kompensiert werden. Die CO2-Emissionen würden in diesem Szenario negativ, also würde mehr CO2 gespeichert als emittiert. Denn es gibt noch andere Treibhausgase, vor allem Methan und Lachgas, die sich nicht auf null werden bringen lassen.

Wie realistisch ist es, dass sich das erreichen lässt? Schon jetzt beträgt die Temperaturzunahme 1,1 Grad.

Das ist eine politische Frage. Das IPCC schreibt keine Politiken vor, es will Einsichten aus dem Stand der Wissenschaften vermitteln. Im pessimistischsten Szenario des neuen Berichts würden 1,5 Grad Erderwärmung schon 2030 erreicht. In dem optimistischsten, das ich vorhin beschrieben habe, würden wir um 2040 auf 1,5 Grad kommen, aber auf diesem Stand ungefähr bleiben, das ist ganz wichtig. Im zweitoptimistischsten würden 1,5 Grad überschritten, aber die Zwei-Grad-Schwelle nicht.

Wie funktioniert das IPCC? Es forscht ja nicht selbst.

Es bringt Wissenschaftler und Regierungen in einen Dialog. Geschrieben werden die Berichte komplett von den Wissenschaftlern im IPCC. Der erste Entwurf eines Berichts geht nur an sie, mit der Bitte um Kommentare. Kommentare kann überhaupt jeder Wissenschaftler einreichen, jeder ist willkommen, sich zu melden. Auf sämtliche Kommentare müssen die Wissenschaftler, die den ersten Entwurf geschrieben haben, antworten. Daraus entsteht ein zweiter Entwurf. Der geht wieder an die Experten und zum ersten Mal auch an die Regierungsvertreter. Letztere können nun ebenfalls Kommentare machen, sowohl zum zweiten Entwurf des Berichts als auch auf die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. Dann wird der eigentliche Bericht abgeschlossen. Die Regierungsvertreter erhalten noch einen weiteren Entwurf der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. Den können sie erneut kommentieren, und die Wissenschaftler schreiben ihn anschließend noch einmal nahezu komplett neu. Diese Fassung wird in einer IPCC-Plenarversammlung Zeile für Zeile diskutiert. Vor allem da findet der Dialog zwischen den Autoren und den Regierungen statt. Die Autoren haben immer das letzte Wort. Selbst wenn alle Regierungen sich einig wären, dass etwas so und nicht anders zu schreiben wäre, könnten die Autoren sagen, nein, das entspricht nicht der Wissenschaft. Die Rolle der Regierungsvertreter ist die, dafür zu sorgen, dass die Zusammenfassungen in einer Sprache geschrieben sind, die von den Regierungen genutzt werden kann.

War der Dialog diesmal, wo der Bericht zu alarmierenden Konklusionen kam, schwieriger?

Würde ich nicht sagen. Ich war 2007 zum ersten Mal im IPCC, damals in der Delegation Belgiens. Seit 2014 vertrete ich Luxemburg. Vergangenes Wochenende habe ich zum ersten Mal erlebt, dass die Plenarversammlung pünktlich fertig wurde und nicht in die Verlängerung gehen musste.

195 Regierungen tragen den Bericht. Bedeutet das, dass sie alle sensibilisiert sind für den nächsten Klimagipfel in Glasgow und dort vielleicht weitreichende Entscheidungen fallen könnten?

Das weiß ich noch nicht. Die früheren IPCC-Berichte wurden auch so angenommen. Einen Einfluss hatten sie alle. Der erste Sachstandsbericht kam 1990 heraus. Er führte zur Klima-Rahmenkonvention der Uno, unter der die Gipfeltreffen stattfinden. Der zweite Bericht führte zum Kyoto-Protokoll. Der fünfte hatte beträchtlichen Einfluss auf den Pariser Gipfel: Weit unter zwei Grad zu bleiben und wenn möglich 1,5 Grad Erderwärmung nicht zu überschreiten, kam unmittelbar aus diesem Bericht. Der nun sechste hat hoffentlich ebenfalls seine Wirkung. Nächstes Jahr beginnt der Global Stocktake, wie im Abkommen von Paris vereinbart. Dann werden national festgelegte Beiträge mit den Erkenntnissen des IPCC verglichen.

Wie erleben Sie das IPCC nach fast 15 Jahren Erfahrung? Es trägt ja viele Erkenntnisse zusammen, die einen deprimieren können.

Es ist zum Teil deprimierend. Auch wenn man zum Beispiel die Vertreter kleiner Inselstaaten im Plenum sagen hört: „Ihr diskutiert, ob es wird oder könnte sein heißen soll. Wir dagegen erleben tropische Wirbelstürme und die Folgen davon. Machen wir doch ernst und geben klare Botschaften heraus!“ Der am Montag erschienene Bericht der Arbeitsgruppe 1 enthält viele deprimierende Nachrichten. Aber nicht nur: Wie gesagt, ist es noch möglich, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu limitieren, sofern wir dieses Ziel verfolgen. Das finde ich eine positive Nachricht. Wie auch die, dass die Temperatur der Zukunft von unserem Handeln abhängt.

Die IPCC-Berichte gelten wegen des Konsensprinzips als eher vorsichtig, wenn nicht gar konservativ. Kann es sein, dass sich hinter dem Bericht vom Montag eine noch schlimmere Wahrheit verbirgt?

Das wird uns die Zukunft zeigen.

Jetzt sind auch Sie vorsichtig.

Es ist schon richtig, dass die Berichte wegen des Konsensprinzips eher auf der konservativen Seite liegen. Aber von „Klima“ kann man nur im Rückblick auf 30 Jahre sprechen. 1990 wurde der erste Sachstandsbericht geschrieben. Zehn Jahre später konnte man noch nicht sagen, ob zutraf, was darinstand. Nun haben wir die 30 Jahre, und man sieht, die Aussagen von 1990 passen ziemlich gut. Es gibt aber auch Entwicklungen, die unterschätzt wurden. Der dritte Sachstandsbericht unterschätzte 2007 den Rückgang des Meereises, wie wir heute wissen. Auch zu den Wetterextremen waren die Grundaussagen noch nie falsch, aber die Entwicklung ging definitiv schneller voran als früher projiziert.

Das IPCC schreibt, in den nächsten 20 Jahren würden die Trends sich von einer „natürlichen Variabilität“ abzuheben beginnen. Heißt das, wir sehen noch nicht genau genug, was sich entwickelt?

Damit ist der Unterschied zwischen Meteorologie und Klimatologie gemeint. Es gibt eine natürliche Variabilität – das eine Jahr ist wärmer oder kälter als das andere. Das ist ganz normal und hat noch nichts mit Klimawandel zu tun. Aber betrachtet man die Entwicklung über zwei oder drei Jahrzehnte, beginnt sich die Statistik zu ändern. Würden wir tatsächlich das optimistische Szenario anstreben, das die Temperaturzunahme auf 1,5 Grad limitieren würde, wenn wir umgehend Aktionen ergreifen, sähe man den Unterschied zu dem pessimistischen Szenario erst in 20 Jahren, weil das Klimasystem relativ träge ist. Rascher würde sich dagegen die Luftqualität verbessern. Die Emission von Luftschadstoffen hängt oft mit der von Treibhaugasen zusammen. Gäbe es zum Beispiel keine Dieselautos mehr, würden die Rußpartikel schnell zurückgehen. Sie würden beim nächsten Regen ausgewaschen und wären fort.

Wie kann man die jüngsten Wetterextreme einordnen – den heißen Sommer bei uns im vergangenen Jahr, die Überschwemmungen dieses Jahr? Ist das Klimawandel oder noch Wetter? Oder die extreme Hitze in Nordamerika im Juni oder in Russland jenseits des Polarkreises?

Im Sachstandsbericht von 2014 galt noch, dass einzelne Ereignisse sich nicht dem Klimawandel zuordnen lassen. Das hätte für den heißen Sommer 2020 bei uns oder die vielen Niederschläge vergangenen Monat gegolten. Der Bericht vom Montag hingegen sagt, dass man auch einzelne Phänomene dem Klimawandel zuordnen kann.

Wie kommt das?

Das ist eine neue Erkenntnis der Forschung. Sie kam beispielsweise über die Hitzewelle in Nordamerika zu dem Schluss, dass es „quasi unmöglich“ wäre, dass es sie ohne Klimawandel gegeben hätte. Das ist schon eine ganz große Sicherheit. In dem Sinn sagt der neue IPCC-Bericht, es ist mehr oder weniger wahrscheinlich, dass ein Einzelphänomen etwas mit dem Klimawandel zu tun hat.

Der Bericht teilt die Welt auch in Regionen ein. Von Hitzeextremen sind offenbar alle betroffen.

Das stimmt, und nur aus vier Regionen gibt es entweder nicht genug Daten, oder es ist noch nicht klar genug, ob die Extreme sich wirklich dem menschengemachten Klimawandel zuordnen lassen. Die regionale Betrachtung im Bericht ist neu. Auch extreme Niederschläge und Dürren werden regional dargestellt, wobei in diesen Fällen der Zusammenhang mit dem Klimawandel noch nicht so klar ist. Aber man sieht, dass zum Beispiel in der Region West- und Zentraleuropa, zu der Luxemburg zählt, eine Tendenz zu mehr starken Niederschlägen und zu Dürren besteht.

Immer wieder ist die Rede von Kipppunkten (tipping points), die erreicht werden könnten. Anschließend wäre das Klima irreversibel ein ganz anderes. Der Bericht scheint das aber für recht unwahrscheinlich zu halten. Kann man das wirklich so sagen oder wissen wir noch nicht genug?

Ich mache einen Unterschied zwischen „irreversibel“ und Kipppunkten. Irreversibel sind zum Beispiel – und das schreibt der Bericht ganz klar – die Erwärmung der Ozeane und der Meeresspiegelanstieg. Auch im optimistischsten Szenario hört das im Jahr 2100 noch nicht auf, bei weitem nicht. Ich habe persönlich insistiert, dass eine Grafik im Bericht bis zum Jahr 2300 reicht. So lange würde der Meeresspiegel im Zwei-Grad-Szenario ansteigen, und man käme auf bis zu drei Meter mehr. Heute liegt der Anstieg bei 20 Zentimetern.

Aber würde der Meeresspiegel nicht eines Tages wieder sinken?

Das kann Tausende von Jahren dauern. Unter anderem, weil die Ozeane sich immer schneller erwärmen. Zurzeit nehmen sie 90 Prozent der Energie im Klimasystem auf, nur zehn Prozent sehen wir in der Atmosphäre. Die zusätzliche Energie in den Ozeanen abzubauen, wird Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende dauern. So lange bleibt auch der Meeresspiegel höher, denn wärmeres Wasser braucht mehr Platz.

Und was wären Kipppunkte nach Ansicht des IPCC?

Vor allem ein kompletter Kollaps des grönländischen Eisschildes. Momentan geht das IPCC davon aus, dass es zumindest bis zum Ende dieses Jahrhunderts eher nicht dazu kommt, wenngleich die Schmelze in Grönland sich beschleunigt. Die Projektion lautet deshalb: „Es ist unwahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen.“ Käme es dazu, würde der Meeresspiegel schon bis zum Jahr 2100 um zwei Meter steigen und um sieben Meter in der ferneren Zukunft. Würde auch der westantarktische Eisschild komplett kollabieren, der als der instabilste der Antarktis gilt, stiege der Meeresspiegel um insgesamt 15 Meter mehr als heute. Das wäre eine völlig andere Welt. Heute machen sich in Küstenstädten schon die 20 zusätzlichen Zentimeter bemerkbar.

Durch Flutwellen?

Genau. Was früher ein Jahrhundertereignis war, ist heute schon fast ein Zehn-Jahres-Event. In den Niederlanden wurden die Deiche schon angepasst. Aber bei einem um 15 Meter höheren Meeresspiegel würde Holland nicht mehr existieren. Gar nicht zu reden von den kleinen Inselstaaten, wo in manchen der höchste Punkt nur zwei oder drei Meter über dem Meer liegt.

Weiß man, welches Risiko ein Auftauen des Permafrostbodens mit sich bringen könnte? Es hat ja schon begonnen.

Das ist noch nicht klar. Die Erwärmung des Permafrostbodens wurde im Bericht dokumentiert und wird weitergehen. Neben Methan wird auch CO2 emittiert. Zur Frage, wie viel das genau sein wird, gehen die Spannbreiten noch zu weit auseinander. Das IPCC konnte sich dazu noch nicht festlegen.

Anscheinend ist auch der Einfluss der Wolken auf Klimaveränderungen noch nicht voll geklärt. Das liest sich überraschend.

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen hat es mit der Modellierung zu tun. Die meisten globalen Klimamodelle haben eine Maschengröße von 50 Kilometern. Die kleinräumigsten haben 20 Kilometer, aber auch damit lassen sich Wolken nicht detailliert genug abbilden. Regionale Klimamodelle können das besser, sie haben zwei oder sogar nur einen Kilometer Maschenbreite. Deshalb haben wir, wenn es um Starkniederschläge geht, mehr Vertrauen in diese Modelle als in die globalen. Eine andere Unsicherheit sind Aerosole, die zum Beispiel in Verbrennungsprozessen entstehen, und wie sie mit Wolken interagieren. Wir verstehen das aber mittlerweile besser. Im globalen Durchschnitt kühlen Aerosole die Atmosphäre ab.

Das bringt mich auf das „Geoengineering“. Es gibt ja Ideen, Aerosole in die Atmosphäre zu blasen, um sie abzukühlen. Weiß man, welchen Effekt das hätte?

Dazu wurde für diesen Bericht eine Modellierung angestellt. Die Arbeitsgruppe 3 des IPCC wird sich diese Frage für ihren Bericht genauer anschauen. Für den Bericht von Arbeitsgruppe 1 wurde modelliert, was passieren würde, wenn man zum Beispiel Sulfate in die Atmosphäre spritzt. Generell gilt: Solche Aerosole verschwinden schnell aus der Atmosphäre. Man müsste sie ständig nachliefern, was Kosten hätte, aber auch die Frage aufwerfen würde, wer das macht: Einigen sich alle Länder auf eine gemeinsame Anstrengung, oder machen nur manche das? Und was wäre, wenn die betreffenden Länder sich plötzlich nicht mehr einig wären? Das ist die eine Sorte Fragen in Pandoras Büchse, meine ich. Die andere: Studien zeigen, dass es möglich wäre, die Temperatur auf diese Weise zu drücken, sogar auf vorindustriellen Stand, falls man viel Aerosol spritzt. Aber das Klima wäre dann ein anderes als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Temperatur wäre am Äquator niedriger als heute, in der Arktis wäre sie höher. Dadurch würden sich die atmosphärische Zirkulation und damit die Niederschläge komplett verändern. Der Mittelmeerraum würde nahezu austrocknen, weil es dort kaum noch Niederschläge gäbe, andere Regionen würden überflutet.

Das sieht nicht nach einer Option aus.

Wie gesagt, das wird in dem im März erscheinenden Bericht genauer behandelt. Arbeitsgruppe 1 hatte dazu nicht das Mandat.

Aber hat das Modell, das in dem Bericht vom Montag beschrieben wird, untersucht, was geschehen würde, wenn die Aerosolzufuhr in die Atmosphäre nicht mehr weiterginge? Würden die Temperaturen dann rasant steigen?

Vermutlich ja. Sie würden dann viel schneller auf den Wert gelangen, der dem Treibhausgasanteil in der Atmosphäre entspricht. Vielleicht könnte man dann von einem Kipppunkt sprechen.

Kann man dem Bericht vom Montag entnehmen, welche Regionen der Erde regelrecht unbewohnbar werden könnten? Es wird ja immer wieder vermutet, dass der Klimawandel Migrationsbewegungen hervorrufen wird, die wir uns noch gar nicht vorzustellen vermögen – und die politischen Konsequenzen auch nicht.

Das wird mehr im Bericht von Arbeitsgruppe 2 behandelt. Klar ist aber, dass manche Regionen auch bei den gleichen klimabedingten Veränderungen vulnerabler wären als andere. Dass die Niederlande zum Beispiel sich an einen Meeresspiegelanstieg besser anpassen könnten als Bangladesch, liegt auf der Hand. Mit der Migration und mit sozioökonomischen Aspekten wiederum beschäftigt sich der Bericht von Arbeitsgruppe 3. Aber alles wird auf den Erkenntnissen von Arbeitsgruppe 1 über die Physik basieren. Und die drei Arbeitsgruppen werden diesmal stärker zusammenarbeiten als früher.

Beim wichtigen Klimagipfel in Glasgow dieses Jahr werden die Berichte noch nicht alle vorliegen. Ist das bedauerlich oder kann, wenn man das politisch will, auf ganz gleich welchem Treffen etwas Weitreichendes beschlossen werden?

Der jetzt erschienene Bericht hat nur vier Monate Verspätung gegenüber dem geplanten Termin. Der Gipfel in Glasgow sollte eigentlich schon 2020 stattfinden. Wegen Corona wurde er um ein Jahr verschoben. So gesehen, kann das IPCC dem Gipfel nun sogar mehr Input liefern als ursprünglich gedacht. Wichtige Aussagen liegen nun vor, um den Druck zum Handeln auf die Politik zu verstärken. In Glasgow werden die verschärften national festgelegten Beiträge auf den Tisch gelegt, dazu kann jedes Land sich von dem Bericht der Arbeitsgruppe 1 informieren lassen. Und nichts im Abkommen von Paris verhindert, die Ziele jederzeit weiter zu verschärfen.

Die jüngsten Klimaziele der EU sehen so aus, als würden sie dem optimistischsten Szenario im IPCC-Bericht gerecht, bis 2030 mindestens eine Halbierung der Emissionen zu erreichen und Klimaneutralität bis 2050. Die Ziele der USA unter ihrem neuen Präsidenten auch, die Chinas vielleicht auch. Vorausgesetzt, alle ergreifen entsprechende Maßnahmen.

Wir sind noch nicht verloren, um auf Ihre erste Frage zurückzukommen. Persönlich fand ich es bemerkenswert, dass vor kurzem die G20 über Klimaneutralität diskutiert und sich in ihrer Abschlusserklärung dazu bekannt hat. Damit liegt zumindest auf dem Papier eine Einigung vor, die rund 80 Prozent aller Treibhausgasemissionen abdeckt. Und schaut man sich an, was die einzelnen Länder sich an Verpflichtungen bis 2050 gegeben haben, beziehungsweise China bis 2060, um Klimaneutralität zu erreichen, dann entspricht das rund 70 Prozent aller Treibhausgasemissionen. Das sind schon Zeichen, dass die Hauptbotschaften angekommen sind. Die konkreten Maßnahmen zur Umsetzung müssen noch folgen, aber die Message ist angekommen. Das ist ein erster wichtiger Schritt und gibt Grund zur Hoffnung. Manchmal muss man sich an jeder Hoffnung festhalten..

Peter Feist
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