Museumsdirektor Frank Schroeder will das nationale Resistenzmuseum von der Luxemburger Widerstandgeschichte des Zweiten Weltkriegs emanzipieren

Ewiger Widerstand

d'Lëtzebuerger Land vom 09.10.2020

Wie ein Relikt aus einer anderen Zeit sieht der Sakralbau am Brillplatz aus: hohe Pfeiler, kahle, monumentale Architektur – und sehr viel Beton. Das Gebäude am Brillplatz (oder Placede la Résistance) ist beeindruckend und passt rein optisch so gar nicht in das urbane Bild von Esch/Alzette. Und wer sich bis vor kurzem dem Gebäude näherte oder gar das Foyer betrat, stellte fest, dass der Zahn der Zeit am Resistenzmuseum nagt: schmutzige Fassade, bröckelnde Decken. Fast so, als wäre das Motto: Resistenz gegen Erneuerung. 

Doch seit einiger Zeit geschieht etwas: Gerüste stehen vor dem Gebäude. „Spätestens 2020 werden wir wieder hier sein“, sagte Frank Schroeder bereits 2017, als der Plan für das neue Resistenzmuseum der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Der Direktor des Hauses fügte damals ein leises „hoffentlich“ hinzu, wohl wissend, dass öffentliche Bauten sich selten nach Zeitplan realisieren lassen.

Tatsächlich ist das Museumsteam von Schroeder Ende 2020 noch nicht zurück an seiner eigentlichen Wirkstätte. Das Baugerüst steht noch immer vor dem Sakralbau – die Sanierung mitsamt Vergrößerung des Museums stellt sich für Ingenieure und Architekten komplizierter da als gedacht. Schroeder steht zwischen dicken Betonwänden, Kabel hängen von der Decke, Staub bedeckt den Boden. Er zeigt auf einen Übergang zwischen dem neuen und dem alten Gebäude: „Beide Teile miteinander zu verbinden, ist technisch hoch anspruchsvoll.“ Das Museum wird nach hinten in eine Baulücke erweitert, die lediglich wenige Meter schmal ist. Hinzu kommt das grundsätzliche Problem mit dem Grundwasser in Esch – immerhin läuft die Alzette nur wenige Meter neben dem Museum am Brillplatz. Zudem berichtete RTL Anfang des Jahres von „Menschenskeletten“, die bei den Bauarbeiten entdeckt wurden – es handelte sich nur um eine reißerische Fehlmeldung, aber der Umbau verzögerte sich trotzdem. Schroeder bleibt dennoch optimistisch: Er visiert nun Ende 2021 an.

Während der Umbau voranschreitet, stellt sich jedoch die Frage, was das Resistenzmuseum inhaltlich im Jahr 2020 darstellen soll. Das Gebäude wurde 1956 von Architekt Laurent Schmit erbaut und sollte ein sichtbares Mahnmal gegen den NS-Terror darstellen. Ein Erinnerungs- und Gedenkort, dessen Funktion der neue Architekt Jim Clemes nicht umdeuten wollte. Er hält sich mit starken architektonischen Eingriffen (Kostenpunkt: rund 9 Millionen Euro) zurück, „um politische Statements zu vermeiden“.

Doch die Generation der Zeitzeugen ist mittlerweile vergreist oder verstorben. Der Großteil der Bevölkerung in Luxemburg hat keinen oder nur noch einen indirekten Bezug über die Eltern oder Großeltern zum Zweiten Weltkrieg. Einstige Kämpfe zwischen Resistenzlern, also Menschen, die aktiv Widerstand gegen das NS-Regime geleistet haben und Zwangsrekrutierten, die sich eine Uniform der Wehrmacht überstreiften, sich aber als Opfer bezeichneten, sind längst passé.

Frank Schroeder will sich deshalb vom zeitlichen Rahmen 1941-1945 ein Stück weit lösen und das Motiv des Widerstands breiter definieren. Er will den Widerstand gegen repressive Gewaltregimes universell deklinieren und historisch ausweiten. Die Mechanismen der Gewaltregimes seien ähnlich, die Erfahrungen von Opfern vergleichbar. „Wir sollten als Museum die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nicht isoliert als abgeschlossenen Prozess betrachten, sondern universelle Lehren daraus ziehen.“

Das birgt natürlich die Gefahr einer gewissen Beliebigkeit: das Resistenzmuseum als Projektionsfläche für sämtliche Leiderfahrungen durch staatliche Strukturen. Oder platter formuliert: als Ort gegen die Vertreibung dunkler Kräfte. Der universelle Ansatz birgt jedoch vor allem die Gefahr, die Gewalttaten der Nationalsozialismus zu relativieren. Denn mit einem vergleichenden Diktaturansatz steht man schnell mitten im Historikerstreit der 1980-er-Jahre, der noch bis in die Gegenwart nachhallt. Wer am Postulat die Einzigartigkeit des Holocausts rüttelt oder die ungeheuerlichen Gewaltmethoden des Nationalsozialismus mit anderen Diktaturen vergleicht, begibt sich auf geschichtspolitisch vermintes Terrain und droht in die Fänge des Justemilieu zu geraten. Noch 2019 ist die Entstehung eines Instituts für vergleichende Diktaturforschung an der Humboldt-Universität unter anderem daran gescheitert.

Schroeder ist sich dieser möglichen Einwände bewusst und er stellt klar, dass es keinesfalls darum gehe, eine Debatte über die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Völkermords zu führen, geschweige denn, irgendetwas aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs relativieren zu wollen. Für ihn gehe es vielmehr darum, dem öffentlichen Bildungsauftrag des Museums gerecht zu werden und Anknüpfungspunkte für eine junge, diverse Bevölkerung in einem modernen Luxemburg zu finden. „Flucht ist nun einmal kein exklusives Phänomen des Nationalsozialismus“, sagt Schroeder. So gern man es auch hätte, aber Verstöße gegen die Menschenrechte begrenzen sich nicht auf das NS-Regime. Deshalb wird sein Museum in Zukunft den Namen Musée national de la Résistance et des droits de l‘Homme tragen und sich thematisch ein wenig vom Korsett der NS-Zeit lösen.

Für das neue inhaltlich Konzept hat sich das Museum dabei fachkräftige Unterstützung aus Historikerkreisen zugesichert: Ein historischer Sammelband von rund 500 Seiten, unter der Obhut eines wissenschaftlichen Beirats um die Luxemburger Historiker/innen Sonja Kmec, Vincent Artuso und Paul Dostert, wird im kommenden Jahren erscheinen. Und für die Museumstexte zeichnet sich Historiker Pit Péporté mit seiner Agentur Historical Consulting verantwortlich.

„Wenn alles glatt läuft, werden wir Ende 2021 wieder im Museum sein“, sagt Schroeder. „Hoffentlich.“

Pol Schock
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