LEITARTIKEL

Ein Stück Luxemburg

d'Lëtzebuerger Land du 17.06.2022

Am 8. Juni stimmte die Mehrheit im Plenum des Europaparlaments dafür, dass die PKW-Neuwagenflotten der Autohersteller ab dem Jahr 2035 kein CO2 mehr ausstoßen dürfen. Das hatte die EU-Kommission vor einem Jahr vorgeschlagen. Es kommt einem Verbot für neue Verbrenner-Autos ab 2035 gleich. Definitiv ist das noch nicht; mit der Kommission und dem Ministerrat muss ein Konsens gefunden werden.

Einen Tag nach diesem Votum stellte in Wickringen das Bauunternehmen Giorgetti sein Projekt Grid X vor. Unmittelbar an der Escher Autobahn A4 gelegen, soll sich dort auf drei Hektar „alles ums Auto drehen“, wie das Tageblatt anerkennend schrieb. Autoverkauf, vor allem von Luxus- und Sportwagen. Oldtimer-Ausstellungen. Autowerkstätten. Eine Kontrollstatioun, Fahrschulen, Leasing-Büros. 60 Ladesäulen für Elektroautos soll es geben, denn irgendwie sind die ja am Kommen. Motorrad- und Fahrradläden auch. Vervollständigen werden das Angebot ein Hotel mit 140 Betten, es wird Restaurants und „Food Corners“, ein Fitness-Zentrum und eine „Event-Halle“ geben. Gut vorstellbar demnach, dass ab September 2024, wenn alles fertig sein soll, in Wickringen sogar „Urlaub beim Auto“ möglich und immer was los sein wird.

Dass ein derartiges Vorhaben in einem Land realisiert werden kann, das angeblich so klein ist, wo die Bauernverbände über den Verlust jedes Quadratmeters Ackerland jammern und Handwerksbetriebe klagen, in Gewerbengebieten seien die Plätze knapp, ist einerseits erstaunlich. Andererseits ist das kein überhaupt kein Widerspruch: Wer genug Geld dafür hat, kann auch in Luxemburg so tun, als gäbe es Platz ohne Ende wie im Mittleren Westen der USA.

Die Giorgetti-Gruppe hat auf jeden Fall genug Geld. Von ihren Plänen in Wickringen erzählte sie schon vor fünf Jahren (d’Land, 11.08.2017). Da hatte sie die Flächen dem Unternehmer Guy Rollinger abgekauft, der dort vor zehn Jahren ein riesiges Einkaufszentrum bauen wollte. Die damalige Regierung schaffte es, die Shopping Mall zu stoppen. Dass die aktuelle Regierung versucht hätte, Grid X zu stoppen, war nie zu vernehmen gewesen. Vermutlich aber wäre das schwer, sind die drei Hektar im PAG der Gemeinde ordnungsgemäß ausgewiesen, und dann kann ihr Besitzer dort machen, was zum Zweck der Fläche passt. Und wer wollte behaupten, dass
Grid X nicht zu Luxemburg passe? Zum Land mit der höchsten Motorisierung in der EU, wo deutsche Premium-Autos sich besonders gut verkaufen und von wo aus der belgisch-luxemburgische Leasing-Markt für Ferraris oder Maseratis ganz entscheidend gestützt wird.

Grid X ist ein zum Themenpark werdender Ausdruck des Gebots, dass Privateigentum hierzulande sehr frei sein soll und man damit beinah alles anstellen darf. Wohnungen dürfen von ihren Besitzern ungestraft leerstehen, Bauland darf brach liegen gelassen werden. Sprit ist billig, wenn nicht gerade 2 500 Kilometer weiter östlich Krieg herrscht, aber der ist ja vielleicht bald vorbei. Und für den Fall, dass Sprit generell mehr kosten wird, weil die Ölpreise hoch bleiben oder CO2 sich verteuert, ist in Luxemburg Strom schon jetzt besonders billig.

Dabei werden es wahrscheinlich nicht in erster Linie Besitzerinnen von Ferraris und Aston Martins oder Interessenten am Kauf eines Oldtimers sein, die Grid X eines Tages frequentieren. Eher könnten in dem Vier-Sterne-Hotel neben der stark befahrenen Autobahn, von dem es 2017 hieß, es werde „V8“ heißen, sich Menschen für ein Wochenende einquartieren, die sich nie im Leben ein Auto mit V8-Motor werden leisten können, beziehungsweise den vielen Sprit dafür. Ihnen werden Giorgetti und der schwäbische Partner Motorworld einen Traum verkaufen. Wer so träumt, kommt nicht auf die Idee zu verlangen, dass sich etwas daran ändern sollte, dass Privateigentum sehr frei ist und man damit beinah alles anstellen darf. So, wie es auch in der Verfassung steht. Privateigentum, sei es immobil oder automobil, verpflichtet hierzulande zu nichts. Grid X passt ganz vortrefflich zu Luxemburg.

Peter Feist
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