In Ostfrankreich und der Schweiz erinnert eine Themenstraße an die Abschaffung der Sklaverei

Mitmenschen aus dem Hinterland

d'Lëtzebuerger Land vom 09.10.2020

In den Wäldern an der Schweizer Grenze waren nie besonders viele „Negersklaven“ oder Paläste von Menschenhändlern. Als dort aber Dörfler anno 1789 zur Wahl der Generalstände ein „Beschwerdebuch“ verfassten, notierten sie ausdrücklich: „Die Einwohner und die Gemeinde von Champagney können nicht an die Leiden der Neger in den Kolonien denken, ohne dass ihre Herzen vom schärfsten Schmerz durchdrungen werden.“ Obwohl die Schwarzen doch die gleiche Religion hätten, würden sie schlechter als Lasttiere behandelt.

Von den rund 60.000 Cahiers de Doléances, die sich in ganz Frankreich erhalten haben, ist das von Champagney das einzige, das nicht nur über hohe Steuern und feudale Privilegien klagt, sondern auch uneigennützig die Abschaffung der Sklaverei fordert. Historiker vermuten, dass die Idee dazu von einem Leibwächter des französischen Königs stammte; der Offizier war gerade in Champagney auf Heimaturlaub. Heute erinnert daran ein Haus der Négritude und der Menschenrechte, in der Nähe der bekannten Le-Corbusier-Kirche auf dem Hügel von Ronchamp.

Der Osten Frankreichs scheint weit weg von Atlantikhandel, Zuckerrohrplantagen oder Demonstrationen für Black Lives Matter. Die Regionen Grand-Est und Bourgogne-Franche-Comté sehen sich aber als die „historische Wiege der Bewegung für die Abschaffung der schwarzen Sklaverei“. Im Jahr 1998, zum 150. Jahrestag der Befreiung, gründete Champagney zusammen mit vier weiteren Orten die Route des Abolitions de l‘Esclavage.

Bei Lunéville hat das Dorf Emberménil ein Haus zum Gedächtnis an Abbé Grégoire eingerichtet: Der einstige Pfarrer des Orts ist vor allem für seine Rolle während der Französischen Revolution berühmt, als einer der Gründer der Ersten Republik und Autor der Erklärung der Menschenrechte. Er war aber auch Präsident der Gesellschaft der Freunde der Schwarzen, und in der Nationalversammlung kämpfte er gegen die „Aristokratie der Hautfarbe“, also gegen die Vorherrschaft der Weißen.

Im Schloss Joux bei Pontarlier entwickeln sich die ehemalige Gefängniszelle und das Grab von Toussaint Louverture zum Wallfahrtsort für Antikolonialisten: Der Anführer des Aufstands auf der Insel Saint-Domingue, der ersten und einzigen erfolgreichen Sklaven-Revolte im französischen Weltreich, wurde im Jahr 1802 auf Befehl Napoléons dort eingekerkert. In der Jura-Festung starb Louverture noch vor der Gründung von Haiti, der ersten unabhängigen Republik von Schwarzen, die ihn heute als Nationalheld verehrt.

Bei Dijon haben die Dörfer Chamblanc-Seurre und Jallanges einen „Erinnerungswald“ für eine dort geborene Missionarin gepflanzt: Anne-Marie Javouhey bildete in Französisch-Guyana freigekaufte Sklaven in verschiedenen Berufen und Handwerken aus. Die Gründerin der Josefschwestern von Cluny, des ersten Missionarinnen-Ordens, vertrat Jahrzehnte früher als Bischöfe und Päpste die Meinung, Schwarze seien „Menschen wie wir“.

Etwas an den Haaren herbeigezogen ist die Antikolonialgeschichte von Fessenheim: Das elsässische Dorf nahe Freiburg, ansonsten für ein altes Kernkraftwerk bekannt, zeigt ein Museum für Victor Schoelcher. Dieser Porzellanfabrikant und Staatssekretär verfasste nach einer schockierenden Amerika-Reise unzählige Artikel gegen Menschenhandel - und dann auch das Dekret, das am 27. April 1848 in Frankreich die Sklaverei „endgültig und vollständig“ abschaffte. Geboren und gestorben ist Schoelcher in Paris, gelebt hat er lange auf den Antillen und im englischen Exil. Sein Vater aber stammte aus Fessenheim, und auch er selbst sei immer „stolz auf seine elsässischen Wurzeln“ gewesen.

Mittlerweile haben sich insgesamt 25 Erinnerungsorte, die etwas mit der Abschaffung der Sklaverei zu tun haben wollen, zu einem europäischen Gedächtniszentrum vereint. Dazu gehören auch Monumente berühmter Persönlichkeiten, zum Beispiel das Geburtshaus des Schriftstellers Victor Hugo in Besançon und das Schloss des Philosophen Voltaire in Ferney bei Genf. Fünf der Gedächtnisorte liegen in der französischsprachigen Schweiz: vom Verlagshaus STN in Neuchâtel, das einst die Enzyklopädie und andere in Frankreich verbotene Schriften veröffentlichte, bis zum Haus des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau in Genf.

Die Themenstraße soll die „Verteidigung der Freiheit“ stärken und der „Bewusstseinsbildung zu Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz“ dienen. Ein Ziel ist aber auch die „Entwicklung des Erinnerungstourismus“: Die „einzigartige monopolartige Position in der Geschichte“ soll neue Zielgruppen zu Reisen in die französisch-schweizerische Grenzregion locken, insbesondere die „nationale und internationale Diaspora von Sklavennachkommen.“ Immerhin waren einst mehr als zwölf Millionen Afrikaner über den Atlantik verschleppt worden.

Dabei sind manche der Souvenirs durchaus unschön. Das Museum in Champagney hat gerade eine Sonderausstellung zum Zweiten Weltkrieg eröffnet: Zwei Drittel der Soldaten, die unter großen Opfern Frankreich befreiten, kamen aus den Kolonien - zum Sieg durften dann aber nur Weiße durch Paris paradieren. Gemildert wird die historische Schande dadurch, dass dafür vor allem die USA verantwortlich waren, die damals noch Rassentrennung hatten. An den Rassismus der anderen erinnert man sich meist lieber als den eigenen.

Martin Ebner
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