Rekordtemperaturen auf der iberischen Halbinsel warnen vor einer lebensfeindlichen Umgebung in Südeuropa

Bald Wüsten in Europa

d'Lëtzebuerger Land du 17.06.2022

Am heutigen Freitag spielt Madrid mal wieder Gastgeber. Der Zeitpunkt ist derart treffend, dass man meint, die Konferenz ei kurzfristig anberaumt worden. Doch hätte Spaniens Regierung die Wahl, würde sie liebend gerne auf die Ehre als Gastgeber und noch viel mehr auf das passende Ambiente verzichten: Zum „Tag des Kampfes gegen Verwüstung und Dürre treffen“ sich im Museum Königin Sofia Experten mit hochrangigen nationalen und internationalen Politiker/innen. Und ächzen zum Ende des Frühlings unter Rekordtemperaturen. Falls es das Konferenzenprogramm erlaubt, können sie am kleinen Fluss Manzanares oder auch am eine Autostunde weiter südlich gelegenen Tajo ablesen, dass es derzeit nicht nur ungewöhnlich heiß, sondern auch ziemlich trocken ist.

Schon Mitte Februar hatten in den internationalen Medien Bilder vom kleinen Dorf Aceredo die Runde gemacht. Nahe der Grenze zu Portugal gelegen, verschwand es 1992 in den Fluten des Staudamms Alto Lindoso. Und tauchte nach einem trockenen Sommer und kaum Niederschlag im Winter aus einem auf karge 15 Prozent Inhalt geschrumpften Stausee wieder auf. Die atlantische Seite der iberischen Halbinsel leidet seit einigen Jahren an zu geringen Niederschlägen. Doch auch am Mittelmeer befürchten einige bereits extreme Zustände wie im Mai 2008, als große Tankschiffen Barcelona kurzzeitig mit Trinkwasser versorgen mussten. Bereits im Februar staubte der Boden unter den Füßen fein. Im Skigebiet Alp 2 500, das die alpinen Skiwettbewerbe der Olympischen Winterspiele 2032 beherbergen soll, falls die Bewerbung Barcelonas dafür Erfolg hat, hatten die Sonne und milde Temperaturen den wenigen Schnee, bis auf ein paar schmale Kunstschneebahnen, bereits weggefressen.

Ausgiebige Regenfälle vor allem im trockenen Süden und Südwesten brachten in einem laut offizieller Darstelllung „extrem feuchten März und regenreichen April“ zwar einige schwerere Überschwemmungen, aber der Landwirtschaft das kostbare Nass. Die Dürre verschwand aus den Köpfen und den Schlagzeilen. Doch mit der schon zweiten Hitzewelle in diesem Frühjahr richtet sich der bange Blick wieder auf die Daten und Statistiken der Meteorologen: Das hydrologische Jahr 2022 (es wird ab 1. Oktober 2021 gemessen) ist in Spanien das trockenste seit einem Jahrzehnt. Und während laut langfristiger Vorhersage ein überdurchschnittlich heißer Sommer bevorsteht, sind die für Trinkwasserversorgung und Landwirtschaft des im Sommer trockenheißen Spanien unverzichtbaren Stauseen trotz der Niederschläge vom März/April nicht einmal zur Hälfte gefüllt. Was noch nicht dramatisch ist, aber rund 20 Prozent unter dem Durchschnitt liegt und einen langjährigen Trend zeigt.

In Spanien (und Frankreich) war der Monat Mai der wärmste jemals registrierte Mai. Auch die erste Hitzewelle Anfang Juni brach den Rekord der letzten 20 Jahre. Der nationale Wetterdienst Aemet erwartet in den kommenden Tage neue Höchstmarken zu einem solch frühen Zeitpunkt. „Mit dem Klimawandel beginnt der spanische Sommer 20 bis 40 Tage früher“, konstatiert Aemet. Was nicht verwunderlich ist: Laut Weltklimarat IPCC ist der Mittelmeerraum ein Hotspot der Klimakrise. Bereits ein IPCC-Sonderbericht von 2018 prognostizierte Spanien, dass schon 2050 erschreckende 74 Prozent seines Territoriums akut von Verwüstung und Versteppung bedroht sein werden.

In dieser Gefahrenlage sind Hitze und ausbleibender Niederschlag die wichtigsten Faktoren, doch Verwüstung und der Kampf dagegen ist ein hochkomplexer Prozess mit vielen Variablen. Weite Teile Spaniens gelten als trocken oder halbtrocken, mit jahreszeitlichen Dürren und unregelmäßigen, teils starken Regenfällen. Diese machen den meist kargen Boden in einer oftmals zerklüfteten Landschaft sehr anfällig für Erosion und er wird leicht weggeschwemmt. Was durch die Abholzungen der vergangenen Jahrhunderte verstärkt wurde, aber seit 150 Jahren mit einer Wiederaufforstung von rund fünf Millionen Hektar oder einem Zehntel der Landesfläche gebremst werden konnte. Immer offensichtlicher wird jedoch die kurzsichtige, nicht nachhaltige Nutzung wertvoller Grundwasserreserven in den letzten Jahrzehnten für die Bewässerung in der Landwirtschaft, für den Tourismus oder auch die Industrie insbesondere in den Küstenregionen. Wie es sich vergangenen August in der südwestlichen Region Murcia lehrbuchartig bei der Umweltkatastrophe im Mar Menor zeigte.

Mittel und Wege gegen die drohende Verwüstung gibt es. Man darf gespannt sein, was UN-Generalsekretär António Guterres in Madrid bei der Konferenz zum Thema sagt, denn in den letzten Monaten wird er für einen Chefdiplomaten zunehmend und ungewöhnlich deutlich. Noch diesen Dienstag erinnerte er beim österreichischen Weltgipfel: „Vor 50 Jahren berief die Uno die Weltumweltkonferenz in Stockholm [eine erste Konferenz der Uno zur Umwelt im Juni 1972; Anm. d. Red.] ein. Doch seither wurden nur wenige unserer Versprechungen zur Umwelt eingehalten. Letztes Jahr wuchsen die weltweiten energiebedingten CO2-Emissionen um sechs Prozent, während sie fallen sollten. Lassen Sie es mich unverblümt sagen: Die meisten nationalen Klimazusagen sind einfach nicht gut genug.“ In Madrid ist nicht mit freundlicheren Worten zu rechnen. Der Wetterdienst Ipma in Guterres’ portugiesischen Heimat meldet aktuell, dass der Mai dort mehr als drei Grad wärmer als der Durchschnitt war, den höchsten Wert seit 1931 erreichte, und dass der Regen im Mai nur 13 Prozent des normalen Niederschlags ausmachte. Schon ehe diese Woche Temperaturen von 40 Grad drohen, herrscht auf über 97 Prozent der Landesfläche Portugals eine „schwere Dürre“.

Chrëscht Beneké, Barcelona
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