Luxemburgische Sprachenpolitik

Das verborgene Denken des Herrm

d'Lëtzebuerger Land du 01.07.2004

"La langue invite à se réunir; elle n'y force pas"

Ernest Renan

Mit Jean-Claude Junckers jüngst erneuertem Ruf nach dem Luxemburgischen als dem in Zukunft einzig verbleibenden nationalen Ferment strebt eine Entwicklung ihrem Höhepunkt zu, welche an einem der denkwürdigsten Tage unserer jüngeren Geschichte, jenem der "Personenstandsaufnahme" vom 10. Oktober 1941, ihren Anfang nahm. An diesem Datum erhoben die Luxemburger in einem solidarischen Kraftakt ohnegleichen ihr Idiom zur Nationalsprache und legten damit gleichzeitig den Grundstein zum Selbstverständnis der luxemburgischen Nation als einer Sprachnation. Dabei ist es gerade dieses unter akuter existentieller Bedrohung so bitter erkämpfte Selbstverständnis,welches sich in eben jener angesprochenen Zukunft als überholt erweisen könnte.

Dem Selbstverständnis der Luxemburger als einer Sprach- oder Kulturnation entsprechend, ist die Nation ein organisches, sich nach eigenen Gesetzen entwickelndes Wesen, als dessen kennzeichnendes Merkmal die auf der Vorstellung einer Gemeinsamkeit der Rasse fußende gemeinsame Sprache gilt. Die Übergewichtung der Sprache als dem ausschlaggebenden Moment der kollektiven Identität bringt es mit sich, dass das Element des eigenen bewussten Willens, welches sonst bei der Entstehung des modernen Nationalbewusstseins eine erhebliche Rolle spielt, vollends in den Hintergrund tritt. Aus dieser Perspektive betrachtet, heißt es nicht: Eine Nation ist, was eine Nation sein will, sondern umgekehrt: Eine Nation ist ganz einfach. Dabei macht es keinerlei Unterschied, ob die Individuen, aus denen sie besteht, ihr zugehören wollen oder nicht. Mit anderen Worten: die Sprachnation beruht nicht auf freier Selbstbestimmung, sondern auf Determination. Sie ist, im Gegensatz zur Staats- oder Willensnation, welcher ein rationalistisches und voluntaristisches Konzept zugrunde liegt, organisch und damit in letzter Konsequenz fatalistisch angelegt. Keineswegs hierzu im Widerspruch steht die Tatsache, dass die Luxemburger sich freiwillig, sozusagen per Volksentscheid, zum Konzept der Kulturnation bekannten, ersetzten sie doch lediglich das Deutsche durch das Luxemburgische, ohne dabei allerdings grundsätzlich auf die gemeinsame Sprache als Wesensmoment des Nationalbewusstseins verzichten zu wollen. Genau dieser Verzicht ist es jedoch, welcher einen modernen, selbstbestimmten, voluntaristisch konzipierten Nationenbegriff erst denkbar macht.

Als Grundlage eines solchen Nationenbegriffs kann das Konzept der schweizerischen Nationalität dienen, deren theoretisches Fundament nicht etwa aus der Feder eines Schweizers stammt, sondern vielmehr aus jener des französischen Religionswissenschaftlers Ernest Renan. Dessen 1882 gehaltener und 1887 veröffentlichter Vortrag mit dem bezeichnenden Titel Qu'est-ce qu'une nation? zielte zwar auf das gegen seinen Willen vom Deutschen Reich annektierte Elsass-Lothringen, hörte sich aber zugleich wie eine Rechtfertigung der schweizerischen Staatsnation an. Nicht gemeinsame Rasse, Sprache, Religion, nicht Gemeinsamkeit der Interessen, geographische Gegebenheiten und strategische Rücksichten machten die moderne Nation aus, sondern vielmehr deren Seele, zu verstehen als deren spirituelles Prinzip. Damit werde die Existenz einer Nation zum täglichen Plebiszit. Denn dem Menschen sei mit dem freien Willen etwas ungleich viel Edleres als die Sprache in die Wiege gelegt. Allein dieser Wille sei es, der, trotz sprachlicher Vielfalt, zur wahren Einheit führe. 

Und damit stelle er eine weit wesentlichere Kraft dar als oberflächliche, vielfach mit Gewalt herbeigeführte sprachliche Gemeinsamkeiten. Renans Botschaft könnte klarer nicht sein: Nationen beruhen auf nichts anderem als dem Willen ihrer Bürger, eine Gemeinschaft zu sein und sind damit nicht "wirklich", sondern bloss "vorgestellt" und "erfunden". Wer nun einwendet, dass Renans Konzept der Nation als täglichem Plebiszit allein deswegen schon für hiesige Verhältnisse problematisch sei, weil es die Geburt einer solchen hierzulande im Keime erstickt und Luxemburg nicht später als 1830 bereits geradewegs in die Arme des neugegründeten belgischen Staates getrieben hätte, mag von der Sache her zwar nicht falsch liegen, lässt dabei allerdings den jeweiligen historischen Kontext völlig unberücksichtigt. Und dieser gibt den belgischen Annektionisten aus dem Jahre 1830 in gleichem Maße "recht" wie all jenen, die am 10. Oktober 1941 zum Füller gegriffen haben, um dreimal mit "Luxemburgisch" zu antworten. Gerade diese Überlegung zeigt aber auch, dass die das Nationalbewusstsein bestimmenden Faktoren nicht ein für allemal festliegen, sondern vielmehr der ständigen Anpassung an die gesellschaftlichen Gegebenheiten der Gegenwart beziehungsweise der Zukunft bedürfen.

Und eben diesen Anpassungsprozess in Gang zu bringen, ist Renans Grundidee der nationalen Solidarität wie kaum eine andere in der Lage. Denn von ihr ist es in der Tat nicht mehr weit bis zu dem von Benedict Anderson in seinem gleichnamigen Buch eingeführten zeitgenössischen Konzept der "vorgestellten Gemeinschaften", als welche in den Sozialwissenschaften Nationen derzeit vornehmlich begriffen werden. Ein Konzept, welches erstmals ein Instrumentarium bereitstellt, den nationalen Gemeinsamkeitsglauben im allgemeinen und jenen der Sprachnation im besonderen als soziale Fiktion zu entlarven.

Das eigentlich Problematische am Konzept der Sprachnation ist nämlich ohne Zweifel die Tatsache, dass er auf rassischen bzw. ethnischen Vorurteilen beruht.

Max Weber war es, der in den Zwanzigerjahren bereits vorschlug, alle möglichen Mutmaßungen über die "Rasse" als eine bestimmte Form der Kohärenz sozialer Gruppen zu denken. Ethnizität ist demnach kein Ausgangspunkt oder Ursprung, den es zu akzeptieren oder abzulehnen gilt, sondern einzig und allein das Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse. Eine besondere Eigenart des Denkens in ethnischen Kategorien besteht darin, dass es nicht primär auf das "Blut", sondern meist vielmehr auf Sprache und Religion rekurriert. Mit anderen Worten: dem rassisch geprägten Nationalismus dient die Sprache als willfährige Steigbügelhalterin. Und der Begriff der Nation stellt, nach Weberscher Lesart, denn auch nichts anderes dar, als eine zuweilen komplexe Zusammenfassung und Überlagerung verschiedener, normalerweise ethnischer Zusammengehörigkeitsgefühle, welche meist auf der Basis einer gemeinsamen Sprache hergestellt werden. Wo nicht einfach eine einzige ethnische Bestimmung zur Konstituierung des Volkes ausreicht, muss das Nationalgefühl als Stifter der Gemeinschaftsfiktion in die Bresche springen. Eine "nationale" Sprache als symbolische Form integriert Menschen noch vor jeder gemeinsamen Vorstellung irgendeines nationalen Inhaltes. Denn Sprachpolitik strukturiert letztlich jenen symbolischen Raum, der in der Moderne als nationaler begriffen wurde und über den ein letztlich nationales Gemeinschaftsgefühl entstand. 

Eben diesen symbolischen Raum gilt es in der Zukunft als solchen zu erkennen und entsprechend zu dekonstruieren. Geschieht dies nicht, wird sich Sprachpolitik niemals völlig vom Makel des Rassismus befreien können. Denn zur Errichtung der nationalen Fiktion sind, neben territorialen Grenzen, auch solche zwischen Klassen und Ethnien unerlässlich. 

Im Gegensatz zu einem mehrsprachigen, feudalen Flickenteppich neigt ein durch sprachlich-ethnische Grenzen homogenisiertes Gebiet viel eher dazu, die gewünschten Gemeinschaftsgefühle hervorzubringen.

Die gegenwärtige Sprachendebatte liefert einen geradezu mustergültigen Beleg für die Richtigkeit dieser These. Denn etwas Fiktiveres als die luxemburgische Nationalsprache ist schlechthin nicht vorstellbar. Obwohl der ehrliche Wunsch nach einer eigenen Sprache kaum größer hätte sein können als nach dem Krieg, sind sämtliche Versuche, dem Luxemburgischen den Status einer historischen Einzelsprache zuzubilligen, zum Scheitern verurteilt gewesen. Dessen gängige dialektgeographische Einordnung in den deutschsprachigen Raum ist somit weiterhin gültig. Trotz aller durch die Staatsgrenzen zweifellos eingetretener Differenzierung stellen die Mundarten westlich und östlich der deutsch-luxemburgischen Grenze nach wie vor ein dialektales Kontinuum dar. Auch mehr als 60 Jahre nach jener denkwürdigen Statuierung des Luxemburgischen als Nationalsprache bleibt deren reale Existenz fragwürdig. Zu beweisen wäre sie allenfalls, indem der Blick auf die innerluxemburgische Sprachwirklichkeit gerichtet und gefragt würde, inwieweit der politische Verkehrsraum Luxemburg in seinen Grenzen eine eigenständige, oberhalb der einzelnen Ortsmundarten liegende und doch zugleich aus ihnen fließende, zur nationalen Identifikation dienende Sprachform herausgebildet hat. Da eine wissenschaftlich fundierte Beantwortung dieser Frage bisher jedoch mit großer Souveränität ignoriert wurde, muss der Begriff des Luxemburgischen als Nationalsprache bis auf weiteres ein leeres Grab bleiben. Eine leblose Worthülse mit dem Realitätsgehalt eines potemkinschen Dorfes, welcher allenfalls die Bedeutung eines privilegierten Signifikanten zukommt, dessen Aufgabe es ist, die luxemburgische Identität zu signifizieren und damit die Ausfüllung der Leere des Kollektiv-Ich sicherzustellen. Was jedoch weit schwerer wiegt: In ihrer Eigenschaft als blosser Mythos okkultiert die Vorstellung einer Nationalsprache Luxemburgisch dauerhaft den eigentlichen Mangel, an welchem unsere Gesellschaft leidet, jenen an sittlicher Solidarität nämlich. Gerade diese sittlichen Anforderungen an solidarisches Verhalten aber sind es, welche in der globalisierten Weltgesellschaft viel weiter gehen werden als in früheren Epochen.

Das Bedenkliche an der von der gegenwärtigen Regierung propagierten Sprachenpolitik besteht darin, dass sie sich eines ideologischen Paradigmas bedient, innerhalb dessen dem sprachlichen Nationalismus als der radikalsten Möglichkeit der Konstruktion von Identität das Wort geredet wird. Ein Denkparadigma, innerhalb dessen Nationalismus und Rassismus, wie gesagt, nicht prinzipiell voneinander zu trennen sind.

Nicht aus den Augen zu verlieren ist in diesem Zusammenhang im übrigen die Tatsache, dass der hierzulande derzeit so populäre Begriff der Kulturnation kein anderer ist als jener, auf welchem die frühe Germanistik des 19. Jahrhunderts ihr Konzept einer bis dahin fehlenden deutschen Nationalliteratur gründen wollte. Rasse, Volk, Herkunft, Sprache, politische Schicksalsgemeinschaft lauteten dazu die Stichwörter. Geflissentlich übersehen wurde dabei allerdings, dass die Eigenart der deutschen Literatur, die im 18. Jahrhundert zu einer markanten Erscheinung geworden war, keineswegs durch das völkisch konzipierte "deutsche Wesen" bestimmt wurde, sondern vielmehr durch die Überschneidung internationaler, intellektueller Prozesse, die aus verschiedenen Epochen datierten.

Dem belasteten, weil rassisch unterlegten und für die Zukunft letztlich impraktikablen Konzept der Sprachnation ist nur zu entrinnen, wenn der Antagonismus, welcher "Identität" herstellt und von der spezifischen Überzeugung lebt, dass mich mein "Feind" daran hindert, ganz mich selbst zu sein, als fatale Illusion entlarvt und anschließend überwunden wird. Dies kann nur geschehen, wenn es gelingt, das Verhältnis der beiden Terme "Herr" und "Knecht" aus der Hegelschen Erzählung vom Ursprung der bürgerlichen Gesellschaft zu invertieren.

Denn in Wahrheit lässt sich die Geschichte der Statuierung des Luxemburgischen als Nationalsprache im allgemeinen wie jene der Sprachenpolitik Jean-Claude Junckers im besonderen als Antwort auf die x-te Auflage jenes berühmten Endlos-Plots lesen, das zuerst von Diderot erdacht und später, wie erwähnt, von Hegel zur Narration des Ursprungs der bürgerlichen Gesellschaft herangezogen wurde, um durch Marx schließlich Ausdehnung auf das Phänomen der Emanzipation des Proletariats zu finden: Der aus dem Begehren nach Anerkennung entstandene Prestigekampf zwischen Herr und Knecht ist ein Kampf um Leben und Tod und damit aussichtslos. Denn wie er auch ausgehen mag, keiner der Gegner wird sein Ziel erreichen. Als Tote können sie einander nicht anerkennen. Hat aber einer obsiegt, so ist die Anerkennung asymmetrisch. Der Unterlegene hat zwar sein Leben gerettet, aber er ist nicht anerkannt. Als Knecht wird er in der Furcht des Herrn für diesen die Dinge bearbeiten. Derjenige, der sein Leben aufs Spiel gesetzt und den Gegner besiegt hat, verwandelt sich in den Herrn, der die Früchte der Arbeit des Knechts genießt. Er ist anerkannt, aber nicht von Seinesgleichen, sondern nur durch den Knecht, den er selbst nicht anerkennt. Auch die aktuelle Sprachendebatte, die in Wahrheit nichts anderes als die Wiederauflage des Kampfes um Leben und Tod der luxemburgischen Identität zu sein scheint, wird von deren Protagonisten offenbar vor dem Hintergrund des Hegelschen Narrativs von der Emanzipation des Knechts geführt.

Um der Ausweglosigkeit dieses Kampfes zu entgehen, muss es gelingen, so sagten wir, das Verhältnis der beiden Terme "Herr" und "Knecht" zu invertieren: So ist es nicht länger der externe "Feind", der mich daran hindert, meine Selbstidentität zu erreichen, sondern diese Identität ist bereits in sich selbst blockiert. Als innere Unmöglichkeit voller Identität manifestiert sich diese Selbst-Blockade im Phantasma, einem imaginären, in unserem Falle sozialen Szenario, dessen Aufgabe darin besteht, die Erfahrung eben dieser inneren Unmöglichkeit nach aussen zu verlagern und, in Form des Hasses, auf einen anderen, einen Fremden, zu projizieren. Was den Kampf des Herrn mit dem Knecht nämlich antreibt, ist in Wahrheit nichts anderes als sein Begehren, sich ganz zu verwirklichen. Denn dort, im Herrn, ist angeblich das verborgen, woran es dem Knecht mangelt. Dieser genießt in illegitimer Weise etwas, das der Knecht als sein Ureigenstes reklamiert. Und dieses Etwas ist nichts anderes als das soziale Phantasma des "nationalen Dings", dessen einzige Funktion darin besteht, eine die Leere des Subjekts ausfüllende, positive Stütze bereitzustellen.

Um der scheinbaren Unmöglichkeit der positiven Formulierung einer eigenen Identität ohne Bezugnahme auf den anderen zu entgehen, muss, über die Entlarvung des Ethnischen als soziale Fiktion hinaus, dringend ein Weg aus der Sackgasse der auf einer essentialistischen, marxistischen Gesellschaftstheorie fußenden Soziologisierung des politischen Diskurses gefunden werden. Dazu ist es nötig, die Gesellschaft nicht länger als in die zwei Ebenen des "Wesens" und der "Erscheinung", der Ökonomie und der Ideologie, zerfallend, zu begreifen. Die Aufgabe dieser seit längerem bereits überholten, im politischen Diskurs aber nach wie vor fest verankerten Trennung würde es nämlich erlauben, "Identität" nicht länger als Reflex "objektiver" Interessen oder ökonomischer Verhältnisse, sondern vielmehr als das Ergebnis einer politischen Deutung zu begreifen. Einer Deutung, welche letzten Endes nicht mehr ausschließlich als von der ökonomischen Basis determiniert anzusehen wäre und damit ihres prinzipiell fiktiven Charakters offenbar würde. Mit anderen Worten: Als lediglich vorgestellte Gemeinschaft muss die "Nation" auf den Fetisch der "ökonomischen Basis" als ihrer angeblich einzigen Essenz verzichten und dem eigenen kollektiven "Mangel an Sein", der Brüchigkeit der eigenen Identität, mit etwas anderem als dem Phantasma der "einen", "einzigen" Nationalsprache begegnen.

Erst wenn sich die Ansicht durchsetzt, dass Sprache, statt der ursprünglichen, konstitutiven Buchstäblichkeit sozialer Verhältnisse lediglich einen zweiten Sinn hinzuzufügen, als integraler Bestandteil dessen betrachtet wird, aus dem sich das Soziale konstituiert, wird man die kopernikanische Wende, die in Wahrheit eine linguistische ist, geschafft haben und fortan davon ablassen können, die Sprache im Dienste von "Nation" und "Gesellschaft" zu missbrauchen. Denn dem grundlegenden "Mangel an Sein" des luxemburgischen Kollektiv-Ichs dauerhaft beizukommen, bedeutet letztlich, die Tatsache anzuerkennen, dass jegliche Identität, da die Sprache als deren Artikulationsmedium grundsätzlich vieldeutig ist, stets eine vorläufige bleiben muss. Identität kann einzig und allein in der niemals erlahmenden Anstrengung bestehen, dieses unmögliche Objekt immer aufs neue zu konstruieren. Eine Anstrengung, welche allerdings nicht übersehen darf, dass unsere Vorstellungen von "Sprache" und "Gesellschaft" ihrerseits in einer höheren sprachlichen Ordnung aufgehoben sind, welche als die "symbolische" bezeichnet werden kann. Sie ist es nunmehr, welche als die eigentliche Basis historischer Prozesse angesehen werden muss. Die sozio-symbolische Ordnung als neue Infrastruktur anzuerkennen, bedeutet zur Einsicht in die grundsätzliche Vermitteltheit der Gesamtheit gesellschaftlicher Phänomene, der nationalen und ökonomischen eingeschlossen, zu kommen. Denn nur unter der Bedingung, dass die Ökonomie als das Produkt einer Deutung erkannt wird, kann die imaginierte Gemeinschaft "Nation", und damit auch deren Sprache(n), dem ewigen Zwangsverhältnis zu eben diesem Ökonomischen entgehen. Allein die Einsicht in den grundsätzlich fiktiven Charakter der Begriffe "Ökonomie", "Sprache" und "Gesellschaft" wird uns daran hindern, sie immer wieder in machiavellistischer Art und Weise zu missbrauchen.

Der Reifezustand unseres Kollektiv-Ichs darf sich künftig nicht mehr allein an den Fähigkeiten der Bedürfnis- und Umweltkontrolle und damit dessen, was man traditionell als Ich-"Stärke" zu bezeichnen pflegt, messen, sondern muss vielmehr Fähigkeiten zur Öffnung für die vielen Seiten der Gemeinschaft entwickeln. Als im eigentlichen Sinne "reif" hat in Zukunft diejenige Gesellschaft zu gelten, welche ihr Potenzial an innerer Dialogfähigkeit dadurch zur Entfaltung zu bringen vermag, dass sie möglichst vielen Stimmen, und damit auch Sprachen, in ihrem eigenen Inneren Gehör verschafft. Auf einen kurzen Nenner gebracht, hieße dies, die althergebrachte Vorstellung der von einem Denken in sowohl ethnischen als auch ökonomischen Kategorien bestimmten, nationalen "Wir"-Stärke dem Ziel einer möglichst flexiblen inneren Pluralisierung zu opfern.

Statt auf das Luxemburgische als angeblich einzig verbleibendes nationales Ferment zu setzen, sollten die Chancen des gesellschaftlichen Zusammenhalts in einer mutigen, pluralen Bildungspolitik mit dem Ziel einer möglichst undogmatischen Konsolidierung der herrschenden multiglossalen beziehungsweise - lingualen Verhältnisse unter ausdrücklicher Einbeziehung des Luxemburgischen als Muttersprache der Einheimischen gesucht werden.

Wollen wir zu einer für alle unbedenklichen Sprachenpolitik finden, muss, fern allen populistischen Agitierens, die Bereitschaft gefunden werden, jenes fatale Denken des Herrn ein für allemal aufzugeben. Geschieht dies nicht, werden auch die Luxemburger wohl oder übel von der Hegelschen Parabel eingeholt werden. Und von der wissen wir ja, wie sie ausgegangen ist.

 

 

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Jean-Paul Hoffmann
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