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Vergebung

d'Lëtzebuerger Land vom 17.06.2022

Fast mikroskopisch muten die ersten Einstellungen in Paul Schraders The Card Counter an: In Großaufnahmen wird der grüne Stoffüberzug eines Pokertisches gezeigt, Karten werden in Zeitlupe darüber ausgeteilt. Dazu ein pulsierender, kalter und desolater Klangteppich. In einem Voice-Over-Kommentar lernen wir William Tell (Oscar Isaac) kennen, einen Menschen, von dem wir nur erfahren, dass er als ehemaliger Soldat Schuld auf sich geladen hat und dafür eine Gefängnisstrafe hat absitzen müssen. Nun nimmt er quer durch die Vereinigten Staaten an Pokerturnieren teil; nicht so sehr aus Lust am großen Gewinn, sondern vielmehr als Therapie. Da gibt es tiefsitzende Dämonen, die Tell in Schach halten muss. Er ist ein wahrer Meister im Kartenzählen, ein Profi, der die Einsätze bewusst niedrig hält und sogar in seinem äußeren Erscheinen keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Das kann sich indes schnell ändern, als er auf den jungen Cirk (Tye Sheridan) trifft. Cirk will den ehemaligen Offizier Gordo (Willem Dafoe) für dessen unmenschliche Verbrechen im Namen der US-Armee im Abu-Ghraib-Gefängnis im Irak zur Rechenschaft ziehen und ihn umbringen.

Allein der Blick auf die Filmtitel genügen, um festzustellen, worauf es Drehbuchautor und Regisseur Paul Schrader ankommt: Von Martin Scorseses Taxi Driver (1976), für den Schrader das Drehbuch schrieb, über American Gigolo (1980) steht nun auch in The Card Counter eine Profession im Mittelpunkt, sehr minutiös dargelegt wird. Aus der Professionalität Tells hat Schrader eine Geschichte abgeleitet, die um Rache, Schutzberufung und Vergebung kreist. Schrader, der einst als Filmwissenschaftler tätig war, hat in den Siebzigerjahren einen einflussreichen Aufsatz zum Film noir veröffentlicht*. Unter zahlreichen Aspekten ist The Card Counter wie im Stil des Film noir gedreht: Auf Oberflächenreize der Casinowelt konzentriert, ist Card Counter mehr eine Lektion in Filmgeschichte als eine vordergründig auf Affekt gerichtete Filmerzählung. Der kalte Stil, mit dem Schrader das Geschehen darbietet, die unerbittliche Klarheit, mit der das Vorgehen aller Beteiligten aufschlüsselt, machen aus The Card Counter einen Film, der mehr von der Ästhetik der Kälte und dem Effekt der Distanzierung fasziniert ist, als von Identifikation oder Emotionalisierung. Schraders Kamerablick ist der eines beobachtenden Registrierens, weniger des emotionalen Erlebens. Es geht um Stimmungen, Gesichter, moralische und emotionale Verflechtungen, die in knappen, experimentell-verfremdenden Rückblenden bis zu einem Gefängnistrakt in Abu Ghraib reichen und so ein jüngeres Kapitel von Menschenverbrechen beleuchten. Der Held ist wortkarg, und doch wissen wir aus seinen wenigen Worten, dass er so etwas wie einen moralischen Anspruch verkörpert. Ansonsten aber ein Mann, der sich nicht in die Karten schauen lässt. Der Held dieses Films ist von der vollkommenen Auflösung der Identität gekennzeichnet. Seine selbstauferlegte Rolle wird die des Beschützers, des Vaters, so wie es noch Travis Bickle in Taxi Driver war, den Schrader in einigen Szenen, bis in die Einstellungsauflösung hinein, kopiert. Tell findet sich in einer völlig inhumanen Intrige gefangen, bei der kaum ein Motiv der handelnden Personen jemals wirklich verständlich wird. Der Widerspruch im Helden kann sich also nicht lösen. Er kann nur gut sein, in dem er sich zu etwas Schlechtem gut verhält (er will Cirk von seinem Vorhaben abbringen), und umgekehrt ist das „Gute“ nur durch schlechte Methoden zu erreichen (Tell muss schließlich selbst zur Tat schreiten). Es ist sicherlich nicht die beste der Welten, durch die sich dieser Kartenzähler bewegt. Dennoch besitzt er, all seiner Gebrochenheit zum Trotz, eine Vitalität, die ihn antreibt und triumphieren lässt über den Wirklichkeitsverlust, an dem er leidet. Das mag nicht viel sein. Aber immerhin genug für den Neo-Noir-Protagonisten und das Glück, das er ausstrahlt.

Paul Schrader, „Notes on Film Noir“, in:
Film Comment 8,1/1972, S. 53-64

Marc Trappendreher
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